Monte Vista

Die Vogelzüge der Kanadakraniche durch das San Luis Tal im Süden Colorados im Frühling und Herbst sind für Vogelliebhaber heißerwartete Jahreshöhepunkte. Im Jahre 2011 besuchte ich zum ersten Mal im März mit meiner Familie ein dortiges Kranichfest, und drei Jahre später allein. Ich erlebte, wie sich tausende dieser eleganten Vögel zur Nachtruhe auf einem Feld niederließen, und es am folgenden Morgen auf breiten Schwingen wieder verließen. Sie verteilten sich auf Felder nahe des Naturschutzgebietes Monte Vista, wo ihnen Mais und Getreide zur Verfügung gestellt werden, das sie nebst Insekten, Fröschen, Schlangen und kleinen Säugern verspeisen, um sich für ihre Reise zu stärken. Die trompetenartige Rufe der Kraniche und ihr faszinierendes Verhalten brannten sich in meine Seele, und als ich im April diesen Jahres wieder das Bedürfnis verspürte, einige Tage in ihrer Gesellschaft zu verbringen, begab ich mich per Auto auf die fast 300 Kilometer lange Reise von unserem Zuhause in Colorado Springs.

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Kanadakraniche

Theoretisch machen die Kraniche auf ihrem Weg von ihrer Winterheimat in Neu Mexiko zu ihren Brutstätten in der Nähe des Yellowstone Nationalparks etwa zwei Monate lang, von Mitte Februar bis Mitte April, in dem Gebiet um Monte Vista Halt. Als ich mich von Osten dem Ort näherte, sah ich im fernen Himmel dunkle Schwaden, die mir von meinen vorherigen Besuchen her als Kranichscharen bekannt waren. Ich befürchtete, es könnte sich dabei um die letzten Nachzügler auf ihrem Weg zur Sommerheimat handeln, da ich etwa 3 Wochen später dran war als bei meinen vergangenen Besuchen, und mein Verdacht verhärtete sich, als sich entlang der 4 Kilometer langen Straße durch das Naturschutzgebiet sowie in dessen Nachbarschaft kein einziger Kranich sehen ließ. Auch in ihrem vorherigen Nachtrevier war das der Fall. Als ich endlich einige charakteristisch heisere Kranichstimmen im Himmel hörte, frohlockte ich, doch außer einigen Dutzenden konnte ich keine weiteren ausfindig machen, und leider waren selbst diese zu weit entfernt, um ein scharfes Photo von ihnen zu erhaschen. Obwohl diese langbeinigen, langschnäbeligen, legendären Vögel, von denen 2.5 Millionen alte Fossilien bekannt sind, meinen ursprünglichen Reiseplänen zugrunde lagen, stellte sich schnell heraus, daß es weitere Schätze zu entdecken gab.

Auf den ersten Blick schien das Naturschutzgebiet Anfang April noch den Winterschlaf zu schlummern, und seine gedämpfte braune, gelbe, und rötliche Winterkleidung zu tragen. Getrocknetes Schilfrohr und karge Büsche nebst blätterlosen Weiden und Schwarzpappeln sangen noch nicht vom Frühling, obwohl einige grüne Sprossen im Sumpf und in den Tümpeln von seinem ersten Erwachen flüsterten. Andererseits war die Fauna bereits hellwach, und dementsprechend lautstark. Die Voll- und Teilzeitbewohner dieses Fleckens ließen sich weder von den noch kühlen Nacht- und Morgentemperaturen, noch von der fehlenden Üppigkeit der Pflanzenwelt abschrecken, und ihre Vielfalt und Aktivitäten kompensierten für jegliches etwaiges Verlustgefühl angesichts der niedrigen Kranichzahlen.

Langschwanzwiesel

Langschwanzwiesel

Morgens und abends wanderte eine Herde Rehe über die Felder, und tagsüber sprangen Kaninchen durch das Gestrüpp, eilten Streifenhörnchen von Stein zu Stein, und war ein augenfälliges Langschwanzwiesel so auf das Jagen konzentriert, daß es meine Nähe völlig ignorierte. Für eines der Hörnchen war des Wiesels erfolgreicher Jagdausgang leider ein Nachteil.

Vögel waren die sichtbarsten Vertreter der Tierwelt, und Rotschulterstärlinge die häufigsten. Sie sind mir von meinem Zuhause entlang des Fußes der Rocky Mountains gut bekannt, und waren so lauthalsig und schimmernd wie immer. Gelbkopfstärlinge übertrafen sie allerdings mit ihrem amüsanten Verhalten und ihren musikalischen Darbietungen. Deren männliche Vertreter mit ihren auffällig gelben Köpfen, schwarzen Körpern und weiß-dekorierten Flügeln verdrehten ihre Körper schlangenartig und klammerten sich an Schilfrohr, und ich taufte sie Clowns des Marsches.

Brillenstärlinge

Gelbkopfstärlinge

Das auffällige Gehabe der Stärlinge konkurrierte mit dem der Kanadagänse, deren Stimmung gereizt war, und die ihre Brutplätze vor Eindringlingen mit lautem Geschrei oder sogar mit Angriffen verteidigten. Blesshühner waren zahlreich vertreten und teilten ihren Lebensraum mit Enten, doch obwohl sie nahe mit Kranichen verwandt sind, ähneln sie schwimmenden Hühnern, woher wohl ihr Name rührt. Unter den Wasservögeln gab es neben Stockenten auch Krickenten, Spießenten, Ruderenten, Pfeifenten, Bergenten sowie Büffelkopfenten, und was Watvögel anbelangt, waren Keilschwanzregenpfeifer sowie Säbelschnäblinge vertreten. Letztere unterhielten sich und mich mit einer Art Bockspringen, oder in ihrem Fall, Säbelschnäblingspringen. Zierliche Sumpfzaunkönige flatterten und zwitscherten inmitten der Rohrkolben und waren mit Nestbau beschäftigt. Singammern trällerten ihre fröhlichen Lieder. Uhus waren in der Morgen-, und Abenddämmerung zu hören, und eines Abends landete eine Sumpfohreule auf einem Pfosten nahe der Straße, um ihr Gebiet auf ein Mahl hin zu untersuchen.

Sumpfohreule

Sumpfohreule

Kornweihen und Rotschwanzbussarde jagten tagsüber nach Nahrung. Trotz aller Betriebsamkeit und unzähliger Vogelstimmen konnte ich dennoch eine meiner Lieblingsmelodien herausfiltern, und zwar die süßen Töne der Wiesenstärlinge.

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Wiesenstärling

Ich bin nicht länger über die Abwesenheit der Kraniche in Monte Vista enttäuscht. Das Naturschutzgebiet wimmelte nur so von wunderbaren Lebewesen, mit denen ich einige kostbare Tage teilte. Obwohl ich nicht fand, wonach ich ursprünglich suchte, eröffneten sich mir ungeahnte, bereichernde Welten.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/06/09/monte-vista/

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