Sand und Wind

Wann immer ich durch das San Luis Tal im Süden Colorados reise, kann ich mir einen Abstecher zu dem Nationalpark Great Sand Dunes nicht verkneifen, und unterliege seinem unwiderstehlichen Sirenenruf. Dies war auch im April 2016 auf der Rückfahrt von Monte Vista der Fall, wo ich mich auf die Suche nach Kranichen gemacht hatte.

Stürmische Verhältnisse sind im San Luis Tal nicht ungewöhnlich, doch am Tage meines Besuches schien die Natur darauf erpicht zu sein, die Entstehung der Sanddünen zu simulieren. Ein starker Südwestwind wirbelte Staub gen Nordosten, wo er wie eine Gardine in der Luft hing, und die Sicht auf das Dünenfeld beeinträchtigte. Unter ruhigen Bedingungen sind die wellenartigen Hügel bereits von der Zufahrtsstraße aus zu sehen, doch an diesem Tag erblickte ich sie erst aus nächster Nähe hinter dem nebelartigen Vorhang. Sie lagen unter schneeweißen Wolken und blauem Himmel, und vor den noch in winterliche Spitzen gekleideten Sangre de Christo Berge, an deren Schulter sie sich schmiegen.

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Trockenes Flußbett

Der Medano Bach am südlichen Rande des Feldes fließt vor der Schneeschmelze nur zeitweise, und da er noch nicht mit Wasser angeschwollen war, konnte ich ihn trockenen Fußes überqueren. Nur wenige Menschen waren an diesem windigen Wochentag unterwegs, doch uns wurde eine besondere Behandlung zuteil. Ich hatte leider mein Halstuch zu Hause gelassen, und an seiner Statt sollte ein T-Shirt als Mund- und Nasenschutz herhalten, doch flatterte der Stoff zu sehr in der Brise, und die Sandkörner ließen sich nicht davon abbringen, sich unter meine Kleidung zu schmuggeln, und in alle entblößten Körperöffnungen einzudringen. Auf dem Gipfel der höchsten, fast 250 Meter messenden Düne, attackierten mich die Kristalle wie kleine, scharfe Pfeile. Die Böen waren so stark, daß ich nur unterhalb der Kuppe aufrecht stehen konnte, und von dort war es mir endlich möglich, die sinnlichen Rundungen der Dünen und das weite Tal zu meinen Füßen zu bewundern. Die für uns Menschen unwirtlichen Bedingungen schienen die dort lebenden Raben geradezu anzuspornen. Sie waren voll in ihrem Element, ritten die Lüfte wie eine Achterbahn, verliehen ihrer Begeisterung freien und lautstarken Ausdruck, und schienen mir zu raten, das Beste aus jedem Tag zu machen.

Wieder zum Auto zurückgeblasen, waren meine Augen unter der Sonnenbrille von einem Sandzirkel umringt, und in meinen Ohren, Nase, und Mund knisterte es. Aus meinen Schuhen und Socken entleerte ich Miniaturdünen. Wieder zu Hause angekommen rieselten Sandkristalle auf den Duschboden und riefen mir meine Stunden an einem der spektakulären Reiseziele Colorados in Erinnerung, bevor sie in den Abfluss trudelten.

Ich kann meinen nächsten Ausflug dorthin nicht abwarten.

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Dünenfeld mit San Luis Tal im Hintergrund

 

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/06/16/a-sandy-world

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