Scio me nihil scire

Roms außerordentlich hohe Kirchenzahl wurde mir gleich nach meiner Ankunft bewußt, als mich zwei in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes begrüßten, und mein Aufenthalt überzeugte mich, daß es tatsächlich mehr als 365 Tage bedürfe, um ein Gotteshaus pro Tag zu besichtigen. Von den wenigen, mir zur Verfügung stehenden Tagen wollte ich einen dem Petersdom und Vatikan widmen, doch mindestens ein weiteres sakrales Gebäude war auf meinem Radarschirm: Santa Maria della Vittoria. Diese Kirche ist Heimat der Skulptur Die Verzückung der Heiligen Teresa, die im 17. Jahrhundert von dem italienischen Architekten und Bildhauer Bernini (1598-1680) geschaffen wurde. Obwohl ich mich weder mit barocker Kunst, noch mit katholischen Heiligen auskenne, war ich auf sie in einem meiner Lieblingsromane aufmerksam geworden. Nach meiner literarischen Bekanntschaft mit Teresa von Ávila in Dr. Abraham Vergheses Cutting for Stone wollte ich ihr sozusagen im Stein begegnen.

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Obwohl die erdfarbene Fassade der Kirche beeindruckend war, bereitete sie mich auf keine Weise auf den opulenten Innenraum vor. Prächtige Gemälde, marmorne Säulen, und vergoldete Gipsengel verzierten den heiligen Raum. Trotz deren Schönheit wanderten meine Augen in eines der Seitenschiffe. Dort schwebt die lebensgroße Figur der Heiligen auf einer Wolke.

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Ein Engel lüftet Teresas Gewand und richtet einen Pfeil auf ihr Herz. Beide sind von einem Schrein aus goldenen Sonnenstrahlen umgeben. Angeblich soll die gottgefällige Nonne wiederholt von einem brennenden Pfeil durchbohrt worden sein, der sie in großer Liebe zu Gott erglühen ließ. Die Karmeliterin, die von 1515 bis 1582 in Spanien lebte, wurde von Papst Gregor XV im Jahre 1622 heiliggesprochen, und ihre Skulptur kurz darauf von einem katholischen Kardinal für seine Grabkapelle bei Bernini in Auftrag gegeben. Ich kann nicht beurteilen, ob Teresas Verzückung keusch oder fleischlich ist, was schon seit jeher heiß diskutiert wird, doch machte mich die beseelte Statue auf ihren Schöpfer neugierig.

Vor meiner Romreise war mir außer seinem Namen nichts über den Künstler bekannt, doch ich stolperte ständig über ihn, sowohl im Reiseführer, als auch an verschiedenen Orten. Er schuf die halbkreisförmigen Kolonnaden des Petersplatzes, sowie den gewaltigen Bronzealtar über Peters Grab in der Peterskirche. Zu seinen Meisterkreationen gehören auch der Brunnen der vier Flüsse auf der Piazza Navona, der Tritonbrunnen auf der Piazza Barberini, sowie der verschmitzte Elephant mit Obelisk auf der Piazza della Minerva, obwohl letzterer von einem seiner Schüler ausgeführt wurde. Berninis Begabung war bereits in seinen jungen Jahren offensichtlich als ihn sein Vater, auch Bildhauer von Beruf, zur Ausbildung nach Rom brachte. Während seiner 81 Erdenjahre stand er im Dienst von acht verschiedenen Päpsten, und hinterließ eine Mannigfaltigkeit an Werken.

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Brunnen der vier Flüsse, mit dem Gott, der den Ganges repräsentiert

Während meiner (zu) kurzen Reise in Italiens Hauptstadt wurde ich ständig an einen Spruch erinnert, der von Sokrates stammen soll: „Ich weiß, daß ich nichts weiß“. Ich bin mir dessen immer bewußt, doch Reisen in ferne Länder verstärken dieses (Un)Wissen. Rom war darin keine Ausnahme, und frau bräuchte eine Ewigkeit, alle Angebote dieser Stadt zu erforschen. Da es mir daran mangelt, muß ich mich mit der Hoffnung auf wiederholte Besuche vertrösten.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/07/03/scio-me-nihil-scire/

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