Eine Reise kommt selten allein

Als wir vor Jahrzehnten im Gymnasium Goethes Gedicht „Mignon“ behandelten, machten wir uns in unserer jugendlichen Albernheit über seine Zeilen lustig: „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen…“. Ich war bereits am Denkmal des Schriftstellers nahe der Villa Borghese an seine einschneidende Italienreise erinnert worden, und als ich dann mitten in Rom, auf einem Bürgersteig, umringt von Beton und Gebäuden, einen Zitronenbaum erblickte, kamen mir seine Verse wieder ins Gedächtnis.

IMG_1412 Es dauerte nicht lange, bis mir bewußt wurde, daß die auf den ersten Blick hin außergewöhnlichen und exotischen Bäume und Blumen dank des mediterranen Klimas der italienischen Hauptstadt weit verbreitet waren. Obwohl ich in Colorado nahe des 38. Breitengrades residiere, hat man am Fuße der Rocky Mountains nicht den Eindruck, in südlichen Gefilden zu leben. Roms 42. geographische Breite gibt hingegen ständig Hinweise darauf. Zu der grünen, üppigen, und tropisch anmutenden Flora gehörten Schirmkiefern, bezaubernde rosafarbige, im Winde tanzende Mimosen, Ranken auf alten Mauern und Dächern, und Blüten in allen Farben und Formen.

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Obwohl meine Reiseziele hauptsächlich aus Stein gemeißelt waren, wurde ihr Charme von den auf, zwischen, und über ihnen gedeihenden Pflanzen verstärkt, und nie war mir das so bewußt, wie an meinem letzten Morgen in Rom. Ich verließ meine Herberge im ersten Tageslicht, weil ich schon am frühen Nachmittag wieder am Flughafen sein mußte. Um Zeit zu sparen, fuhr ich mit der Metro zur Haltestelle San Giovanni im Südosten der Stadt, wo ich mir die gleichnamige Laterankirche anschauen wollte. Da diese wegen einer Bischofskonferenz geschlossen war, mußte ich kurzfristig umdisponieren. Ein Blick auf die Stadtkarte überzeugte mich, daß ich einen Abstecher entlang der alten Stadtmauer zur nahegelegenen Via Appia Antica machen könnte. In meinen tiefen Hirnwindungen, wahrscheinlich in der Nähe von Goethes Versen, war die Information gespeichert, daß es sich dabei um die alte Handelsstraße zwischen Rom und der Hafenstadt Brindisi an der Adriaküste handelte, von wo aus der Haupthandel mit dem Orient stattfand, bevor Rom einen eigenen Hafen bekam. Ich hatte nicht genug Zeit, um der Straße weit zu folgen, doch ich marschierte auf dem Kopfsteinpflaster gen Süden, bis zur bekannten Quo Vadis Kirche, wo Jesus Petrus erschienen sein, und ihm eben diese Frage gestellt haben soll, die den Apostel wieder nach Rom umkehren ließ, wo er daraufhin gekreuzigt wurde. Ihre Tür war verschlossen, und ich bog auf einen mit Zypressen gesäumten Nebenpfad ab, der zu einer von drei Katakomben führte. Die Catacombe di San Callisto war zwar beeindruckend, doch noch viel eindrucksvoller war das Gefühl, mich auf Italiens Fluren wiedergefunden zu haben, obwohl die Großstadt nur einen Fußmarsch weit hinter mir lag.

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Wege mit bunten Azaleenbüschen, und grüne Wiesen, die an malerische Villas grenzten, versetzten mich in Italiens Campagna, und vor meinem geistigen Auge sah ich sanfte Hügel und Olivenhaine, ähnlich ikonisch wie Zitronenbäume.

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Nur wenige Stunden nach meiner Ankunft in Rom war mir klar, daß mein Heißhunger auf diese Stadt nicht mit diesem Besuch gestillt werden würde. Nun, da meine Abreise bevorstand, verspürte ich Appetit auf weitere italienische Reiseziele—auf neue Orte, fremdartige Gewächse, das Mittelmeer, Sandstrände, auf mehr Bella Italia. Goethes Italienbesuch veränderte sein Leben und seine Karriere. Ich vermute, daß nur wenige Menschen dieses Land erleben, ohne daß ihre Seele tief davon berührt wird. Um eine Rückkehr nach Rom zu sichern, hatte ich bereits laut Gepflogenheit Geldmünzen über meine Schulter in den Trevibrunnen in der Stadtmitte geworfen. Darüber hinaus ließ ich versehentlich mein Jacke irgendwo außerhalb der Stadtmauer zurück, und nun hoffe ich, daß diese, parallel dazu, meine Wiederkehr ins ländliche Italien garantieren wird.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/07/20/travel-begets-more-travel/

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