Haben Sie den Charleston getanzt?

Ungewöhnliche Orte bergen oft unerwartete Entdeckungen. Während eines Ausfluges vor einigen Wochen genossen mein Mann und ich zwei stille Nächte unter vollem Mond auf dem Davenport Campingplatz in Colorados San Isabel National Forest. Schilder wiesen auf ein faszinierendes Kapitel der Vergangenheit hin, und was folgt, ist meine eigene, verkürzte Version.

Im Jahre 1914 ereignete sich im südlichen Teil Colorados in der Nähe der Stadt Trinidad das sogenannte Ludlow Massacre, in dem streikende Kohlebergleute, die höheren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen forderten, von bewaffneten Truppen der Bergwerkeigentümer und Staatsmiliz angegriffen wurden. Tragischerweise verloren neben Männern auch Frauen und Kinder ihr Leben. In der Folge gewannen Gewerkschaften größeren Einfluß, verbesserten sich die Arbeitsverhältnisse, und wurde Bergmännern und anderen Berufsgruppen zum ersten Mal Urlaub gewährt. Den Arbeiterklassen stand auf einmal Freizeit zur Verfügung, und sie entdeckten die Wälder westlich der Stadt Pueblo als Ausflugsziel.

img_8100-97

Arthur Carhart (1892-1978)

Es dauerte nicht lange, bis der wilde Ansturm von Menschenmassen zu Problemen führte, und 1919 wurde ein Landschaftsarchitekt und ehemaliger Sanitätsoffizier des ersten Weltkrieges, namens Arthur Carhart, von dem Forstamt angestellt, um sanitäre und forstwirtschaftliche Probleme zu lösen. Arthur war ein Visionär, der die zunehmende Nutzung der Natur, und den resultierenden Bedarf von mehr Infrastruktur voraussah. Als der amerikanische Kongreß sich weigerte, Gelder zu diesem Zweck zur Verfügung zu stellen, gab er nicht auf, sondern gründete mit Hilfe von Spenden eine private Gesellschaft. Die größten Beiträge kamen aus den Kassen von Rockefellers Colorado Fuel & Iron, die für die Ausschreitungen in Ludlow verantwortlich gewesen war.

Herr Carhart entwarf den ersten modernen Campingplatz neben Squirrel Creek  wo es für jede Partie genug Platz für Zelt, Picknicktisch, und Feuerstelle gab, ebenso wie Zugang zu Toiletten, wodurch Trinkwasser und Abwasser getrennt wurden. Wir haben über die Jahre auf vielen privaten, staatlichen, und nationalen Campingplätzen gezeltet, und es war faszinierend zu lernen, wer für deren Design verantwortlich war. 1922 verwandelte Arthur außerdem einen Waldpfad in eine Schotterstraße, was das Erreichen des Ortes per Auto erleichterte.

img_8100-96

Camping vor der Entwicklung von Campingplätzen

Für Reisende, die nicht gerne im Zelt übernachteten, baute er Squirrel Creek Lodge, ein zweistöckiges Gebäude, dessen Zimmer von einer Eingangshalle, zwei Kaminen sowie einer großräumigen Küche ergänzt wurden — und von einem Tanzboden! Was konnte schöner sein, als der Sommerhitze Pueblos zu entkommen, den Schatten im kühlen Wald zu genießen, und das Tanzbein zum heißgeliebten Charleston der wilden Zwanziger zu schwingen?

Doch leider hat alles Gute sein Ende. Die Weltwirtschaftskrise löste die optimistischen Zwanziger ab, und als in den vierziger Jahren andere Reiseziele an Beliebtheit zunahmen, geriet Squirrel Creek allmählich in Vergessenheit. Der Todesstoß kam in der Form einer Flutwelle, die Teile der Straße, Brücken, und Campinganlagen mit sich riß.

img_8100-90

Wanderweg entlang der ehemaligen Squirrel Creek Straße

Der moderne Besucher erlebt diese Geschichte auf einem Wanderpfad, der der ehemaligen Squirrel Creek Straße folgt. Er beginnt am Davenport Campingplatz und führt zu dem Pueblo Mountain Naturpark, etwa 10 Kilometer östlich gelegen. Entlang des Weges finden sich verstreute Überreste von Picknicktischen, Feuerringen und einem Schutzgeländer sowie ein komplett rekonstruierter Unterstand. Nach langen Jahren langsamen Zerfalls erlag die Lodge 1979 einer Feuersbrunst, und heute überlebt nur ihr Fundament.

img_8100-65

Fundament der ehemaligen Squirrel Creek Lodge

In der Stille kann man nach wie vor das Murmeln von Squirrel Creek, den Windhauch in den Ästen der Kiefern, und die bewegende Melodie der Einsiedlerdrossel hören. Und ich könnte schwören, leise Töne von Tanzmusik vernommen zu haben.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/09/29/did-they-dance-the-charleston/

Werbeanzeigen

Ansichten von Manitou

Während einer Wanderung auf dem Paul Intemann Memorial Trail zwischen Crystal Park Road und Ruxton Avenue vor nicht allzu langer Zeit, enthüllt sich das Städtchen Manitou Springs nach und nach, und mit ihm die Symbole seines kommerziellen Erfolges.

Seit George Ruxton, britischer Forscher, Reiseschriftsteller, und Namensvetter einer Straße und eines Flüßchens in Manitou, anno 1847 die Gegend durchreiste und brodelndes Wasser erwähnte, ist viel über die hiesigen Haupt- und Nebenattraktionen gesagt und geschrieben worden. General William Jackson Palmer und Dr. William Abraham Bell, die die sprudelnden Quellen während einer Exkursion im Rahmen von Vermessungsarbeiten für eine Eisenbahnlinie erlebten, verliebten sich in dieses Stück Erde. Der General gründete 1871 Colorado Springs etwa 8 Kilometer östlich, und Dr. Bell, sein Freund und Geschäftspartner, Manitou Springs nur wenige Monate danach. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde der Ort aufgrund Colorados sonnigen Klimas und reiner Luft, sowie der natürlichen Quellen zum Ziel für Reiselustige und Tuberkulosekranke. Obwohl im Strom der Besucher mal Ebbe, mal Flut herrschte, riß er nie ab. Förderer haben fast anderthalb Jahrhunderte lang erfolgreich alle von der Natur oder dem Menschen geschaffenen Werke vermarktet.

Von unserem Aussichtspunkt auf dem Wanderweg, der sich entlang der südlichen Hügel von Manitou Springs schlängelt, sehen wir einige dieser Glanznummern. Selbst diejenigen, die nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck erfüllen, wurden oft in einer anderen Funktion wiederbelebt, und ihr Haltbarkeitsdatum dadurch verlängert.

img_7400-19

Incline Narbe an Mount Manitou, und Red Mountain im Vordergrund

Das auffälligste Wahrzeichen ist eine Schneise an der Flanke von Mount Manitou, Standort einer Kabelbahn zwischen 1907 und 1990. Zu Beginn beförderte sie Materialien für Wasserleitungen, wurde aber schnell zum Transportmittel für Personen. Seit ihrem Abbau nach einem Erdrutsch, haben Fitnessfanatiker die übergebliebenen Bahnschwellen, weithin als Incline bekannt, als Tretmühle adoptiert. Alte Photos zeigen deren steiles Gefälle, doch war das im Vergleich mit dem der klapprigen und haarsträubenden Seilbahn auf dem unweiten Red Mountain harmlos, weshalb diese wahrscheinlich nur wenige Jahre nach 1912 in Betrieb war. Dieser moderat steile Berg hat sich in eine Wanderdestination verwandelt, und kann über einen Seitenpfad vom Intemann Trail aus erreicht werden. In der Nähe seines Gipfels lag Emma Crawford, eines der unglücklichen Opfer der Schwindsucht, seit 1891 laut ihrem Wunsch begraben, bis ihr Sarg während eines Wolkenbruchs den Berg heruntergespült wurde. Selbst dieses makabre Ereignis wurde zum Anlaß eines jährlichen Schauspiels, des Emma Crawford Sargrennens.

Neben der Bundesstraße 24, die an Manitous Nordrand verläuft, können wir die kantigen Felswände erspähen, die Williams Canyon säumen. Sie beherbergen mehrere Höhlen, die seit ihrer Entdeckung von zwei Schuljungen im Jahre 1881 als Cave of the Winds angepriesen werden.

img_7400-29

Williams Canyon, mit Besucherzentrum für die Höhlen

Ganz in ihrer Nähe beweisen die Manitou Cliff Dwellings, daß man Touristen auch mit weniger authentischen Zielen befriedigen kann. Obwohl im hiesigen Teil unseres Staates keine Puebloindianer lebten, wurden 1907 einige Ruinen der ehemals als Anasazi bekannten Kultur aus der Nähe von Cortez im Südwesten Colorados unter einem Überhang wiederaufgebaut, und stehen weiterhin Besuchern offen.

img_7400-27

Manitou Cliff Dwellings

Entlang der Hauptstraße, Manitou Avenue, die das Städtchen zweiteilt, reihen sich schon von jeher beliebte kleine Geschäfte und Restaurants. Das zentral gelegene ehemalige Kurhaus, sowie zahlreiche Quellen, erinnern an einen der Hauptgründe für die Existenz dieses Fleckens — die Gesundheit. Nahe des Stadtparks machen wir ein modernes Kurhaus ausfindig, das sehr geschäftig ist. Auch erkennen wir unterschiedliche Brunnen aus denen Mineralwasser quillt, das Gesundheitsbewußte, heute wie damals, zu sich nehmen, und das erstaunlicherweise noch gratis zu haben ist, obwohl es früher mehrere Anläufe gab, es in Flaschen abgefüllt zu verkaufen. Zu guter Letzt sehen wir vom Ende des Pfades noch ein weiteres, blühendes Unternehmen, die Cog Railway, eine 1891 gegründete Zahnradbahn, die Gäste zum und vom Gipfel von Pikes Peak transportiert.

img_7400-28

Sicht von Garden of the Gods und der Prärie von dem Intemann Wanderweg

Auch wenn man den Geschäftssinn der Stadtväter und –mütter bewundern mag, war und bleibt Manitous wertvollstes Gut seine natürliche Schönheit: die atemberaubende Lage am Fuße von Pikes Peak und Ute Pass, mit schweifenden Blicken auf den Garden of the Gods und die weite Prärie. Glücklicherweise steht all dies uns allen noch immer umsonst zur Verfügung.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/09/22/a-view-of-manitou/

Der zauberhafte Garten

Es ist Visionären wie General William Jackson Palmer, dem Gründer von Colorado Springs, zu verdanken, daß unsere Stadt viele öffentliche Parks hat, die der Bevölkerung umsonst zur Verfügung stehen. Er erkannte schon sehr früh die Notwendigkeit, wertvolles Land vor Bebauung zu schützen, und er trug mit großzügigen Schenkungen zu seiner Erhaltung bei.

IMG_4100 (5)

Eine unserer natürlichen Oasen, die von vielen als krönendes Juwel in einer Reihe erlesener Edelsteine angesehen wird, ist der Garden of the Gods. Obwohl er nicht direkt vom General gespendet wurde, gebührt ihm trotzdem Dank, weil er einen seiner wohlhabenden Freunde, Charles Perkins, überzeugte, die Gegend mit den spektakulären Sandsteinformationen zu erwerben. Glücklicherweise bebaute Herr Perkins sie nie, und stellte sie bereits zu seinen Lebzeiten der Öffentlichkeit zur Verfügung. Nach seinem Tod ehrten seine Kinder seinen Wunsch, und übergaben den zukünftigen Park an die Stadt, wo er auf immer gratis der Bevölkerung zugänglich sein soll, wie eine Bronzetafel ihm zu Ehren an einer der zentralen Felswände proklamiert.

IMG_4850 (10)

Für Hiesige und Besucher stellt dieser Winkel eine Hauptattraktion dar, obwohl ich als Liebhaberin dieser steinigen Kunstwerke den größten Gefallen daran finde, wenn ich sie früh am Morgen aufsuche, und Wochenenden komplett vermeide. Zu oft reihen sich Stoßstange an Stoßstange, und die vorhandenen Parkplätze fließen über, was das Vergnügen schmälert und besinnliche Momente so gut wie ausschließt. Obwohl ich froh bin, diesen Sommer bei einigen Veranstaltungen dabei gewesen zu sein, bestärkten sie mich in der Überzeugung, daß ich diesen außergewöhnlichen Platz am liebsten alleine und in Stille erlebe.

Im Mai nahm ich an einer Tour im Rahmen des Pikes Peak Vogel- und Naturfestivals teil. Während die untergehende Sonne Schatten auf die Felsen zauberte, und wir der absteigenden Melodie der Schluchtenzaunkönige lauschten, hielten uns ein Paar jagender Präriefalken, und hunderte kreisende und kreischende Weißbrustsegler in ihrem Bann. Deren jährliche Wanderung und hohe Zahlen waren einer der Gründe, der zur Designation des Parks als Naturdenkmal im Jahre 1971 führte, von denen es im ganzen Staat Colorado nur 13 gibt.

Mein Mann und ich wohnten im Juni einem Fledermausabend bei. Er begann mit einer kurzen Vorlesung im Besucherzentrum, bevor wir uns zu einer der bekannten Klippen begaben, wo die fliegenden Säuger tagsüber ruhen. Insgesamt drei Arten verbringen den Sommer hier, die kleine braune, große braune, und Wüstenfledermaus, und interessanterweise nur die Männchen, während die Weibchen mit ihren Jungen in Neu Mexiko übersommern. Sobald es dämmerte, schwärmten sie aus. Ihre faszinierende Navigation mit Hilfe von Echolotung konnten wir dank einiger Echosensoren hören, und jede Art war an ihrer eigenen Frequenz erkennbar. Ein Paar Uhus war auch sehr an den Fledermäusen interessiert, und wir konnten ihre Silhouetten vor dem sich verdunkelnden Himmel ausmachen.

Eines Julimorgens erlebte ich eine Führung durch das Innere der Anlage. So faszinierend die geologischen Vorgänge der Sandablagerung und Plattentektonik sind, die in den vertikalen Felswänden resultierten, verbleichen diese Erklärungen vor der Schönheit dieses bezaubernden Fleckens am Fuße von Pikes Peak. IMG_5740 (24)Eine Vielzahl von Menschen hat diese Gegend durch die Jahrhunderte hindurch erkundet, und die Indianer waren die ersten. Obwohl sie keine schriftlichen Dokumente hinterließen, wissen wir von ihrem Kontakt mit den ersten Siedlern, daß dieser Ort wichtig, wenn nicht heilig für sie war. Jede nachfolgende Welle von Neuankömmlingen wurde ähnlich berührt, was sich in der Namensgebung widerspiegelt: Garden of the Gods. Egal, wie oft mich meine Wege dahin führen, werde ich jedes Mal von Neuem von Ehrfurcht erfaßt.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/09/15/the-enchanted-garden/

Meine ritterliche Reise-einige Gedanken

Miguel de Cervantes’ Don Quijote stand über 30 Jahre lang auf meiner Leseliste, seit einem ersten Kontakt mit einer deutschen Fassung als Teenagerin. Noch immer als Meisterwerk der Weltliteratur verehrt, veröffentlichte Cervantes (1547-1616) den ersten Teil anno 1605, wurde jedoch erst durch eine gefälschte Fortsetzung eines anonymen Autoren dazu bewogen, einen zweiten nur ein Jahr vor seinem Tod herauszubringen. Diesen Sommer kam ich endlich dazu, die von Experten und Kritikern viel gepriesene englische Übersetzung von Edith Grossman aus dem Jahre 2003 zu lesen.

Es bedurfte dreier Anläufe, den 940 Seiten langen Band von der Bibliothek durchzuarbeiten, weil ihn außer mir andere Interessierte reserviert hatten, ein Beweis seiner dauerhaften Beliebtheit. Durch diesen unterbrochenen und ausgedehnten Kontakt über drei Monate hinweg konnte ich das Werk länger genießen, anstatt es in einem Rutsch zu verschlingen. Während der Auszeiten stellte ich mir ständig vor, welche Erlebnisse meine neuen Freunde wohl erwarteten, und freute mich auf unser nächstes Beisammensein.

Hier eine kurze Liste der Hauptfiguren, gefolgt von der Zusammenfassung der Handlung:

– Don Quijote von der Mancha, Protagonist und Namensvetter, Ritter aus Überzeugung

-Rosinante, sein Gaul, ebenso mager wie er

-Sancho Panza, sein wohlbeleibter Knappe

-Der Graue, Sanchos Esel

Don Quijote, ein verarmter Zugehöriger des spanischen Landadels, füllt jede freie Minute mit der Lektüre alter Ritterromane. Diese führt zu dem unstillbaren Wunsch, die alten Traditionen wiederzubeleben. Er heuert einen einheimischen Bauern, Sancho, als seinen Knappen an, und die zwei brechen auf, um im ländlichen Spanien nach Abenteuern zu suchen. Der Recke möchte Herz und Hand der Dame Dulcinea von Toboso für sich gewinnen, die zwar auf einer tatsächlichen Person in seinem Umkreis beruht, aber größtenteils ein Hirngespinst darstellt. In seiner Fixiertheit legt er alle Ereignisse im Geist der Heldengeschichten aus, was dazu führt, überall Jungfrauen in Nöten zu sehen, und eingebildetes Unrecht korrigieren zu wollen. Anfangs hat Sancho noch einen gesunden Menschenverstand, aber mit der Zeit wird auch dieser von einer Art Folie à Deux ersetzt, die ihn die Welt durch Don Quijotes illusorische Brille sehen läßt.

Obwohl er in seinen luziden Momenten extrem intelligent und sprachgewandt ist, erscheint der selbsternannte Ritter seinen Mitmenschen als verrückt. Im ersten Teil, in dem er aktiv die Handlung durch seine unerwünschten Hilfeleistungen vorantreibt, erntet er die Schläge, Hiebe und Stiche seiner Opfer. Im zweiten scheint er eher passiv und unfähig, sich der Scheinwelt, die ihm von seiner Umwelt vorgegaukelt wird, zu entziehen, weil sie sein imaginäres Weltbild verstärkt. In beiden Fällen führt das zu seiner Erniedrigung und Verhöhnung. Man kann Don Quijote als irrend, fehlgeleitet, oder wahnsinnig ansehen, und dennoch Sympathie für ihn verspüren, weil er sein Leben konsequent der Suche nach Bedeutung, Sinn und Erfüllung widmet, selbst wenn es ihn seine Gesundheit und seinen Ruf kostet.

Oft als Prototyp des Romans angesehen, zeichnet sich dieses Schriftstück durch Cervantes’ elegante Sprache, seinen tiefgreifenden Humor und die liebevolle und detaillierte Darstellung seiner Charaktere aus. Ich fand den Gebrauch von Synonymen und die ausschweifenden Schilderungen mit tausend Nebenhandlungen befreiend, erfrischend und wohltuend, weil sie einen Kontrast zu viel moderner Literatur darstellen, die eher kurz und auf den Punkt sein soll. Seine autobiographischen, historischen und literarischen Anspielungen malen ein ausführliches Bild seiner Zeit und seines Hintergrundes. Ich war zunächst versucht, einen Teil des schwerwiegenden Wälzers zu überspringen, doch mir wurde schnell bewußt, das ich kein Iota der Geschehnisse verpassen wollte, sobald ich mich auf die langsamere Gangart Rosinantes und des Esels, sowie auf Umwege auf mancherlei Nebenstraßen einließ.

Obwohl es befriedigend ist, Cervantes‘ Meisterwerk von meiner Liste streichen zu können, bin ich etwas traurig, den Buchdeckel geschlossen zu haben. Im Gegensatz zum eigentlichen Ende der Erzählung leben die unsterblichen Helden, Don Quijote und Sancho Panza, vor meinem inneren Auge im ritterlichen Himmel fort. Sie sind nach wie vor bereit, Unrecht zu bekämpfen, es sei denn sie streiten sich über Sanchos Tendenz, ein Sprichwort ans nächste zu reihen. Während der fahrende Ritter in Rosinantes Sattel sitzt und sich auf seine Lanze stützt, füllt sich Sancho seinen korpulenten Pansen mit Köstlichkeiten und kräftigen Schlucken aus seinem Weinschlauch, um daraufhin in einen traumlosen Schlaf zu sinken.

Hast Du Don Quijote gelesen? Was hast Du davon gehalten?

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/09/08/back-to-la-mancha-a-book-review/

Wunder der Bergwelt

Barr Trail ist einer der bekanntesten Wanderwege in der Pikes Peak Region. Zwischen Anfang in Manitou Springs und Ende am Gipfel von Pikes Peak überbrückt dieser ikonische Pfad etwa 20 Kilometer, sowie eine Höhendifferenz von 2000 Metern. Die Bergspitze ist mit 4302 Metern eine von Colorados 53 Zinnen, die 4000 überragen. Alljährlich wird der Berg an einem Wochenende im August zum Schauplatz zweier Wettläufe. Der Ascent, oder Aufstieg, an einem Samstag entspricht der Distanz eines halben, das Rennen am Tag darauf, der eines vollen Marathons, und dessen Rekordzeit liegt seit 1993 ungebrochen bei fast unglaublichen 3 Stunden, 16 Minuten und 39 Sekunden. Schon seit der Gründung von Colorado Springs im Jahre 1871 erklimmen Anwohner und Touristen das hiesige Wahrzeichen. Im Jahre 1918 führte Fred Barr Vermessungen durch, und dirigierte daraufhin die Konstruktion des Fußweges, der noch heute in Gebrauch ist, und nach ihm benannt ist. Laut meiner Einschätzung kann er in 4 Segmente unterteilt werden, die jeweils etwa 5 Kilometern entsprechen, und ihren eigenen Charakter haben.

Der Zickzackkurs gleich zu Beginn ist wenig einladend. Zu seiner Steilheit und dem ständigen Hin und Her kommt erschwerend der Gegenverkehr von Sportlern, die die Incline bestiegen haben. Dieser “Trimm-dich-Pfad“, der einem alten Kabelbahnbett folgt, steigt in einem Kilometer über 600 Meter an, und übertrifft sogar Barr Trail in seiner Beliebtheit.

Sobald die diversen Rückwege der Incline hinter einem liegen, verdünnen sich die Massen. Die Aussicht weitet sich, und umfaßt erste Blicke auf den Gipfel. Eine Vielfalt an Blumen und Vögeln erfreut das Herz. Wen läßt das fröhliche Zwitschern von Meisen unberührt? Allmählich erscheint mehr vom Ziel im Blickwinkel, was je nach Tagesform motivierend oder demoralisierend sein kann.

IMG_6700 (44)

Auf halber Strecke und auf einer Höhe von 3100 Metern liegt Barr Camp. Auch von Herrn Barr erbaut, diente diese Hütte ursprünglich als Raststätte für die Touristen, die er vom Ende der Incline Bahn hierher führte, um ihnen einige Stunden Schlaf zu gönnen, bevor er sich mit ihnen gegen ein Uhr nachts Richtung Gipfel losmachte, um dort frühmorgens den Sonnenaufgang zu bewundern.

IMG_6700 (51)

Heute wie damals kann sich der Wanderer hier vor dem dritten Abschnitt ausruhen. Dieser führt zu dem A-Frame, einem an drei Seiten geschlossenen Unterstand, wo es möglich ist, den Elementen zu entkommen. Auch dieses Segment scheint etwas lang und monoton, doch was mich hier vertröstet, ist die Nähe der Baumgrenze, die die betörende Schönheit des Hochgebirges verheißt.

Oberhalb des Waldes findet man sich auf einer mit Felsen bestreuten steilen Bergwiese mit bunten Blumen, und die zugleich delikate und robuste Flora wird von allerlei Schmetterlingen umtanzt. Photogene Murmeltiere und flinke Pfeifhasen beäugen mich, und erhoffen sich vielleicht einige Futterkrümel.

IMG_6700 (76)

Im Osten ergießen sich die samtartigen Gebirgsausläufer in das uferlose Meer der Prärie, und im Westen grüßt das felsige Angesicht von Pikes Peak. Die letzten 5 Kilometer schlängeln sich an der Fassade des steinigen Riesen hoch, und enden mit den sogenannten 16 goldenen Stufen. Meine schwere Atmung und schlottrigen Beine überzeugen mich allerdings, daß es sich dabei um eine Fehlbezeichnung handelt. 1600 kommt der Wahrheit wohl näher!

Da Pikes Peak auch per Autostraße oder Zahnradbahn zu erreichen ist, wimmelt der Gipfel plötzlich vor Menschen. Auch wenn wir Wanderer die Genugtuung haben, diesen erhabenen Ort aus eigener Kraft erklettert zu haben, vereint alle Besucher das Gefühl, auf dem Dach der Rocky Mountains zu stehen, und ich habe noch niemanden getroffen, den das Panorama unter Colorados legendär blauem und endlosem Himmel nicht zutiefst bewegt hätte. Der Besuch, der die wohl bekanntesten Spuren hinterließ, fand im Jahre 1893 statt, und inspirierte Katherine Lee Bates, eine Poetin und Gastprofessorin an Colorado College dazu, das Gedicht America the Beautiful zu verfassen. Es wurde seither vertont und wird nach wie vor zu vielen festlichen Anlässen gesungen. Seine Worte sind auf einer Bronzetafel am Gipfel verewigt.

IMG_2127

 

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/08/17/america-the-beautiful/