Meine ritterliche Reise-einige Gedanken

Miguel de Cervantes’ Don Quijote stand über 30 Jahre lang auf meiner Leseliste, seit einem ersten Kontakt mit einer deutschen Fassung als Teenagerin. Noch immer als Meisterwerk der Weltliteratur verehrt, veröffentlichte Cervantes (1547-1616) den ersten Teil anno 1605, wurde jedoch erst durch eine gefälschte Fortsetzung eines anonymen Autoren dazu bewogen, einen zweiten nur ein Jahr vor seinem Tod herauszubringen. Diesen Sommer kam ich endlich dazu, die von Experten und Kritikern viel gepriesene englische Übersetzung von Edith Grossman aus dem Jahre 2003 zu lesen.

Es bedurfte dreier Anläufe, den 940 Seiten langen Band von der Bibliothek durchzuarbeiten, weil ihn außer mir andere Interessierte reserviert hatten, ein Beweis seiner dauerhaften Beliebtheit. Durch diesen unterbrochenen und ausgedehnten Kontakt über drei Monate hinweg konnte ich das Werk länger genießen, anstatt es in einem Rutsch zu verschlingen. Während der Auszeiten stellte ich mir ständig vor, welche Erlebnisse meine neuen Freunde wohl erwarteten, und freute mich auf unser nächstes Beisammensein.

Hier eine kurze Liste der Hauptfiguren, gefolgt von der Zusammenfassung der Handlung:

– Don Quijote von der Mancha, Protagonist und Namensvetter, Ritter aus Überzeugung

-Rosinante, sein Gaul, ebenso mager wie er

-Sancho Panza, sein wohlbeleibter Knappe

-Der Graue, Sanchos Esel

Don Quijote, ein verarmter Zugehöriger des spanischen Landadels, füllt jede freie Minute mit der Lektüre alter Ritterromane. Diese führt zu dem unstillbaren Wunsch, die alten Traditionen wiederzubeleben. Er heuert einen einheimischen Bauern, Sancho, als seinen Knappen an, und die zwei brechen auf, um im ländlichen Spanien nach Abenteuern zu suchen. Der Recke möchte Herz und Hand der Dame Dulcinea von Toboso für sich gewinnen, die zwar auf einer tatsächlichen Person in seinem Umkreis beruht, aber größtenteils ein Hirngespinst darstellt. In seiner Fixiertheit legt er alle Ereignisse im Geist der Heldengeschichten aus, was dazu führt, überall Jungfrauen in Nöten zu sehen, und eingebildetes Unrecht korrigieren zu wollen. Anfangs hat Sancho noch einen gesunden Menschenverstand, aber mit der Zeit wird auch dieser von einer Art Folie à Deux ersetzt, die ihn die Welt durch Don Quijotes illusorische Brille sehen läßt.

Obwohl er in seinen luziden Momenten extrem intelligent und sprachgewandt ist, erscheint der selbsternannte Ritter seinen Mitmenschen als verrückt. Im ersten Teil, in dem er aktiv die Handlung durch seine unerwünschten Hilfeleistungen vorantreibt, erntet er die Schläge, Hiebe und Stiche seiner Opfer. Im zweiten scheint er eher passiv und unfähig, sich der Scheinwelt, die ihm von seiner Umwelt vorgegaukelt wird, zu entziehen, weil sie sein imaginäres Weltbild verstärkt. In beiden Fällen führt das zu seiner Erniedrigung und Verhöhnung. Man kann Don Quijote als irrend, fehlgeleitet, oder wahnsinnig ansehen, und dennoch Sympathie für ihn verspüren, weil er sein Leben konsequent der Suche nach Bedeutung, Sinn und Erfüllung widmet, selbst wenn es ihn seine Gesundheit und seinen Ruf kostet.

Oft als Prototyp des Romans angesehen, zeichnet sich dieses Schriftstück durch Cervantes’ elegante Sprache, seinen tiefgreifenden Humor und die liebevolle und detaillierte Darstellung seiner Charaktere aus. Ich fand den Gebrauch von Synonymen und die ausschweifenden Schilderungen mit tausend Nebenhandlungen befreiend, erfrischend und wohltuend, weil sie einen Kontrast zu viel moderner Literatur darstellen, die eher kurz und auf den Punkt sein soll. Seine autobiographischen, historischen und literarischen Anspielungen malen ein ausführliches Bild seiner Zeit und seines Hintergrundes. Ich war zunächst versucht, einen Teil des schwerwiegenden Wälzers zu überspringen, doch mir wurde schnell bewußt, das ich kein Iota der Geschehnisse verpassen wollte, sobald ich mich auf die langsamere Gangart Rosinantes und des Esels, sowie auf Umwege auf mancherlei Nebenstraßen einließ.

Obwohl es befriedigend ist, Cervantes‘ Meisterwerk von meiner Liste streichen zu können, bin ich etwas traurig, den Buchdeckel geschlossen zu haben. Im Gegensatz zum eigentlichen Ende der Erzählung leben die unsterblichen Helden, Don Quijote und Sancho Panza, vor meinem inneren Auge im ritterlichen Himmel fort. Sie sind nach wie vor bereit, Unrecht zu bekämpfen, es sei denn sie streiten sich über Sanchos Tendenz, ein Sprichwort ans nächste zu reihen. Während der fahrende Ritter in Rosinantes Sattel sitzt und sich auf seine Lanze stützt, füllt sich Sancho seinen korpulenten Pansen mit Köstlichkeiten und kräftigen Schlucken aus seinem Weinschlauch, um daraufhin in einen traumlosen Schlaf zu sinken.

Hast Du Don Quijote gelesen? Was hast Du davon gehalten?

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/09/08/back-to-la-mancha-a-book-review/

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