Haben Sie den Charleston getanzt?

Ungewöhnliche Orte bergen oft unerwartete Entdeckungen. Während eines Ausfluges vor einigen Wochen genossen mein Mann und ich zwei stille Nächte unter vollem Mond auf dem Davenport Campingplatz in Colorados San Isabel National Forest. Schilder wiesen auf ein faszinierendes Kapitel der Vergangenheit hin, und was folgt, ist meine eigene, verkürzte Version.

Im Jahre 1914 ereignete sich im südlichen Teil Colorados in der Nähe der Stadt Trinidad das sogenannte Ludlow Massacre, in dem streikende Kohlebergleute, die höheren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen forderten, von bewaffneten Truppen der Bergwerkeigentümer und Staatsmiliz angegriffen wurden. Tragischerweise verloren neben Männern auch Frauen und Kinder ihr Leben. In der Folge gewannen Gewerkschaften größeren Einfluß, verbesserten sich die Arbeitsverhältnisse, und wurde Bergmännern und anderen Berufsgruppen zum ersten Mal Urlaub gewährt. Den Arbeiterklassen stand auf einmal Freizeit zur Verfügung, und sie entdeckten die Wälder westlich der Stadt Pueblo als Ausflugsziel.

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Arthur Carhart (1892-1978)

Es dauerte nicht lange, bis der wilde Ansturm von Menschenmassen zu Problemen führte, und 1919 wurde ein Landschaftsarchitekt und ehemaliger Sanitätsoffizier des ersten Weltkrieges, namens Arthur Carhart, von dem Forstamt angestellt, um sanitäre und forstwirtschaftliche Probleme zu lösen. Arthur war ein Visionär, der die zunehmende Nutzung der Natur, und den resultierenden Bedarf von mehr Infrastruktur voraussah. Als der amerikanische Kongreß sich weigerte, Gelder zu diesem Zweck zur Verfügung zu stellen, gab er nicht auf, sondern gründete mit Hilfe von Spenden eine private Gesellschaft. Die größten Beiträge kamen aus den Kassen von Rockefellers Colorado Fuel & Iron, die für die Ausschreitungen in Ludlow verantwortlich gewesen war.

Herr Carhart entwarf den ersten modernen Campingplatz neben Squirrel Creek  wo es für jede Partie genug Platz für Zelt, Picknicktisch, und Feuerstelle gab, ebenso wie Zugang zu Toiletten, wodurch Trinkwasser und Abwasser getrennt wurden. Wir haben über die Jahre auf vielen privaten, staatlichen, und nationalen Campingplätzen gezeltet, und es war faszinierend zu lernen, wer für deren Design verantwortlich war. 1922 verwandelte Arthur außerdem einen Waldpfad in eine Schotterstraße, was das Erreichen des Ortes per Auto erleichterte.

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Camping vor der Entwicklung von Campingplätzen

Für Reisende, die nicht gerne im Zelt übernachteten, baute er Squirrel Creek Lodge, ein zweistöckiges Gebäude, dessen Zimmer von einer Eingangshalle, zwei Kaminen sowie einer großräumigen Küche ergänzt wurden — und von einem Tanzboden! Was konnte schöner sein, als der Sommerhitze Pueblos zu entkommen, den Schatten im kühlen Wald zu genießen, und das Tanzbein zum heißgeliebten Charleston der wilden Zwanziger zu schwingen?

Doch leider hat alles Gute sein Ende. Die Weltwirtschaftskrise löste die optimistischen Zwanziger ab, und als in den vierziger Jahren andere Reiseziele an Beliebtheit zunahmen, geriet Squirrel Creek allmählich in Vergessenheit. Der Todesstoß kam in der Form einer Flutwelle, die Teile der Straße, Brücken, und Campinganlagen mit sich riß.

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Wanderweg entlang der ehemaligen Squirrel Creek Straße

Der moderne Besucher erlebt diese Geschichte auf einem Wanderpfad, der der ehemaligen Squirrel Creek Straße folgt. Er beginnt am Davenport Campingplatz und führt zu dem Pueblo Mountain Naturpark, etwa 10 Kilometer östlich gelegen. Entlang des Weges finden sich verstreute Überreste von Picknicktischen, Feuerringen und einem Schutzgeländer sowie ein komplett rekonstruierter Unterstand. Nach langen Jahren langsamen Zerfalls erlag die Lodge 1979 einer Feuersbrunst, und heute überlebt nur ihr Fundament.

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Fundament der ehemaligen Squirrel Creek Lodge

In der Stille kann man nach wie vor das Murmeln von Squirrel Creek, den Windhauch in den Ästen der Kiefern, und die bewegende Melodie der Einsiedlerdrossel hören. Und ich könnte schwören, leise Töne von Tanzmusik vernommen zu haben.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/09/29/did-they-dance-the-charleston/

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