Thanksgiving

Während meiner Kindheit in Deutschland wurde Erntedank hauptsächlich im Rahmen eines Gottesdienstes an einem Sonntag Anfang Oktober gefeiert, als Gelegenheit, Mutter Natur für ihre reichen Gaben zu danken. Typischerweise waren die herbstlichen Ernteerträge dekorativ in der Kirche angerichtet, ähnlich wie ich das bei meinem Besuch vor kurzem erlebte.

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Ich war dankbar, daß meine Reise genau in die Zeit fiel, in der eine ganze Reihe von Früchten heranreiften, die mich zur Nutznießerin vieler köstlicher Bissen machten. Die letzten himmlischen Himbeeren, fetten Feigen und tollen Tomaten hingen noch in meines Vaters Garten, pausbäckige Trauben lächelten mich an und brachten mich in Versuchung, Pflaumen- und Apfelbäume schwenkten ihre schweren Äste vor meiner Nase hin und her, Walnüsse und Esskastanien lagen unter ihrer Wiege und warteten nur darauf, aufgelesen zu werden.

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Wie so oft der Fall ist, weiß man gewisse Dinge erst zu schätzen, wenn sie einem nicht mehr zur Verfügung stehen. Als ich noch in Rheinland-Pfalz entlang des Oberrheins mit seinem milden Klima lebte, machte ich mir nie über die jährliche Ernte Gedanken, die selbstverständlich schien. Jetzt, da ich in Colorados Halbwüstenklima residiere, ist mir bewußt, wie viel Aufwand nötig ist, um nur einen Bruchteil ähnlichen Obstes und Gemüses anzubauen, und daß vieles überhaupt keine Chance hat, in unserer Gegend zu gedeihen.

Das Erntedankfest in den USA, das erst einige Tage zurückliegt, spielt eine viel größere Rolle als in Deutschland und hat andere Schwerpunkte. Es ist einer der beliebtesten historischen und kulturellen Nationalfeiertage, und Familien überbrücken oft hunderte oder tausende Kilometer, um es im Kreise ihrer Lieben zu verbringen. Es findet immer am letzten Donnerstag im November statt und erinnert an ein sagenumwobenes Ereignis im Jahre 1621, bei dem die ersten überlebenden Siedler aus England, die im Vorjahr mit der Mayflower auf Plymouth Rock gelandet waren, mit Indianern des Wimpanoag Stammes zusammen friedlich die Geschenke der Erde feierten. Ohne die Hilfe der Ureinwohner hätte es höchstwahrscheinlich unter den Pilgrims gar keine Überlebenden gegeben. In einer Wiederbelebung der idealisierten Vergangenheit versammeln sich Menschen noch heute überall in Dankbarkeit für gute Nahrung, Bekannte, Verwandte, und weitere Gaben.

Auch dieses Jahr haben Hilda, Mike und ich den Tag wieder mit unseren Freunden Esther, ihren Söhnen George und Don, Hazel und ihrer Tochter Valerie verbracht, so daß wir uns zu acht um unseren gedeckten Tisch versammelten. Obwohl jede Familie ihre eigenen Bräuche hat, zählen Truthahn, Brotfüllung, Kartoffelbrei, Süßkartoffeln, grüne Bohnen und Preiselbeeren zur Tradition.

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Was dieses Festmahl anbelangt, sind mein Mann und meine Schwiegermutter Traditionalisten, und Mikes Vorfreude auf den Truthahn und das Resteessen lassen mich immer wieder staunen.

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Er nimmt seine Rolle als Koch sehr ernst und plant, kauft ein und bereitet alles sorgsam vor. Dieses Standardmenu wurde von einem schmackhaften Seelachsfilet für die Fischliebhaber (sprich für mich) ergänzt, das Valerie besorgte und auf einem Tischgrill backte. Mike probierte außerdem ein neues Rezept aus, und die resultierende, in einem Apfelsud gebackene Gemüsemischung aus Zwiebeln, Karotten, Stangensellerie, Kürbis und Äpfeln schmeckte, wie alles andere, ausgezeichnet.

Als ob diese Speisen noch nicht üppig genug gewesen wären, gab es nach einer zu kurzen kulinarischen Pause noch Nachtisch: einen von Hilda gebackenen leckeren Schokoladenkuchen mit Kürbisglasur, meinen bescheidenen Beitrag, Pumpkin Pie (Kürbistorte), und ein Geschenk von Hazel und Valerie, Pumpkin Pie Supreme, sprich Pumpkin Pie mit noch mehr Kalorien. Kürbis ist an diesem Tag unentbehrlich.

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Ob am amerikanischen Nationalfeiertag, oder während meines Deutschlandbesuches, reichliches und gutes Essen mundet noch besser, wenn es von guter Gesellschaft und von guten Gesprächen begleitet ist. Ich habe so viele Gründe, dankbar zu sein. Happy Thanksgiving uns allen.

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Meine Lieblingsfenster

     Bei jedem Deutschlandaufenthalt ist ein Ausflug nach Mainz aus nostalgischen Gründen ein Muß, und immer beinhaltet er auch bestimmte Ziele. Ich mache von den praktischen öffentlichen Verkehrsmitteln Gebrauch und fahre die etwa 35 Kilometer vom Haus meines Vaters mit der Bahn. Am Römischen Theater steige ich aus, benannt nach einer der zahlreichen Ruinen dieses ehemaligen römischen Knotenpunkts, der heute Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz ist.

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    Die Nähe der Bahngleise zur Stadtmitte erleichtert deren Besichtigung. Durch die Augustinerstraße mit ihrer bekannten Rokokokirche und den jahrhundertealten Fachwerkhäusern erreiche ich das Herz von Mainz.

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Ein zentral gelegener Platz wird zur malerischen Bühne für den dreimal pro Woche, das ganze Jahr hindurch stattfindenden Markt. Meine Augen weiden sich an Obst, Gemüse und Blumen in vielfältigen Farben und Formen sowie an dem reichhaltigen und appetitanregenden Angebot an Brot und Käse.

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Der Flecken wird von prächtigen Bürgerhäusern und einem der drei romanischen Kaiserdome des Oberrheins flankiert, neben denen von Speyer und Worms (lesen Sie bitte hier über diese Stadt). Jeden Samstag zur Mittagszeit findet hier eine Orgelmatinée statt und lädt den Gast zu einer besinnlichen Pause ein. In Colorado vermisse ich dieses weitverbreitete Musikangebot und mache hier gerne davon Gebrauch.

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     Ein dem Dom gegenüber liegendes Museum trägt, ebenso wie die hiesige Universität, wo ich einst studierte und vor fast 27 Jahren die Liebe meines Lebens kennenlernte, den Namen des wohl bekanntesten Sohnes der Stadt, Johannes Gutenberg. Im 15. Jahrhundert erfand er den Buchdruck mit beweglichen Lettern, zumindest in der westlichen Hemisphäre (in China war diese Technik bereits seit mehreren hundert Jahren bekannt). Dies revolutionierte den Prozeß des Druckens und resultierte in dem Höhenflug von Büchern, der erst vor relativ kurzer Zeit durch die Entwicklung digitaler Symbole etwas eingeschränkt wurde. Ich erforsche es das erste Mal seit vielen Jahren, und die verschiedenen Ausstellungen stellen sich so informativ und interessant heraus wie erhofft (mehr über die faszinierende Geschichte des Papiers und des Druckvorganges in einem zukünftigen Blog).

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     Nach einem zehnminütigen Spaziergang komme ich an der, die südöstlichen Hügel von Mainz überragenden St. Stephanskirche an. Ursprünglich im Jahre 990 erbaut, erhebt sich die heutige Inkarnation auf dem Schutt von Fliegerangriffen des zweiten Weltkrieges.

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Ihr zerschmettertes Glas wurde durch spektakuläre bemalte Kirchenfenster ersetzt. In den 1970er Jahren kam dem Gemeindepfarrer die geniale Idee, sie beim Künstler Marc Chagall (1887-1985) in Auftrag zu geben, der sich glücklicherweise dazu bereit erklärte. In Rußland geboren, hatte dieser die Sowjetunion einige Jahre nach der Revolution verlassen und war nach Paris gezogen. Als deutsche Truppen dort einmarschierten, floh er in die USA ins Exil. Nach Kriegsende kehrte er wieder nach Frankreich zurück, wo er bis zu seinem Tode im Alter von 97 Jahren residierte. Mainz gehört zu den glücklichen Empfängern seiner begnadeten Kunst. Zu seinen Lebzeiten entwarf er neun Fenster und leitete deren Vollendung in einem Atelier in Reims. Nach seinem Tode führte sein künstlerischer Partner und Freund, Charles Marq (1923-2006), die Aufgabe weiter. Er benutzte ähnliche Farben und Techniken wie Chagall, doch verwirklichte er auch seinen eigenen Stil. Die Sammlung von insgesamt 28 Fenstern unterschiedlicher Größe, die teils konkrete biblische Szenen, teils abstraktere Motive darstellen, wurde im Jahre 2000 abgeschlossen.

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     Egal wie oft ich das relativ schlichte Kirchengebäude betrete, bin ich nie auf die kobaltfarbene Pracht vorbereitet, die mich dort umgibt.

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Ein sattes Blau durchdringt den Innenraum und ich habe das Gefühl, in ein tiefes, stilles Becken einzutauchen. Die kurze, von den Fenstern ausströmende Wellenlänge, schafft den Eindruck von Tiefe und kontrastiert auf wunderbare Weise mit hellen und fröhlichen Gold-, Rot-, Grün- und Purpurtönen.

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Sofort überkommt mich ein Gefühl der Ruhe, und die Zeit scheint still zu stehen. Wenn sich meine Augen an das natürliche Licht gewöhnt haben, vertiefen sich die Kontraste. An sonnigen Tagen glitzern und tanzen die Farben, aber selbst bei bedecktem Himmel strahlen sie mit eigener Kraft. Dieser Ort will nicht durcheilt werden, sondern lädt zum Verweilen ein, zum tiefen Durchatmen, zum Staunen.

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     Chagall, der der Gefahr der Deportation und des Mordes aufgrund seines jüdischen Hintergrundes ausgesetzt war, trug mit seinem großartigen Vermächtnis zur Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Juden und Christen bei. Welch wunderbare Weise, seine pazifistischen Ideale auszudrücken, und den Besucher an seiner Vision teilhaben zu lassen.

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Vielen Dank

Ich habe vor, weiterhin über meinen Deutschlandaufenthalt zu schreiben, nun, da ich wieder in Colorado bin, und möchte mit den folgenden Gedanken beginnen, die mir auf der Seele liegen. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie schnell so viele Wochen verflogen sind, doch ich bin dankbar, von Familie und Freunden mit offenen Armen empfangen worden zu sein.

Lieber Papa, liebe Regine, Ich schulde Euch den größten Dank für all Eure Unterstützung. Euer Lächeln begrüßte mich am Flughafen, Ihr habt großzügig Euer Zuhause meinem Kommen und Gehen geöffnet, Eure Routine meiner angepaßt und mich fürstlich bewirtet. Was Elektrizität anbelangt, Papa, bist Du ein Genie und hast meine Kamera und meinen Laptop trotz Unterschiede zwischen Gleich- und Wechselstrom sowie Spannung am Laufen gehalten (leider verstehe ich Deine geduldigen Erklärungen immer noch nicht ganz). Du hast mich durch Stadt und Land chauffiert, mit mir Spaziergänge an meinen Wunschzielen unternommen, und mir sogar Dein Auto ausgeliehen. Deine fabelhaften Zwetschgen- und Aprikosenkuchen füllten das Haus mit ihrem Aroma, und Mund und Magen mit köstlichem Genuß.

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Regine, Dein guter Geschmack verwandelt täglich das Haus in ein Heim und mir werden Dein Blumen- und Kräutergarten sowie Deine künstlerischen Kreationen fehlen, die überall wie von magischer Hand auftauchten. Nie fehlte es uns an Blumensträußen. Euch beiden Tausend Dank.

Meine Tage in Eurem ländlichen Paradies in Frankreich zählten zu den schönsten. Heike und Pascal, merci encore une fois (klicke hier, um über meinen Besuch zu lesen). Ich wäre gerne länger geblieben, oder nochmals zu Euch gekommen. Ich denke an Euer Heim als die Erfüllung Eurer Träume, in denen es trotzdem Platz für andere gibt. Es ist eigentlich überflüssig zu erwähnen, daß das Essen extraordinaire war.

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Renate und Egidio, ich bin so froh, Eurer Einladung nach Stuttgart gefolgt zu sein. Danke, daß Du mich am Bahnhof überrascht hast, Egidio, und danke, daß Ihr Eure gemütliche Wohnung mit mir geteilt habt sowie viele Erinnerungen an unsere Familie. Ihr lebt in der Nähe eines wunderbaren Stadtparks, dessen große Bäume und Vogelsang mir sehr viel bedeuteten. Deine persönliche Stadtführung ließ mich einige Aspekte von Stuttgart zum ersten Mal kennenlernen, Renate, und unser Ausflug ins Schwimmbad war wunderbar. Ich weiß nicht, wie ich all die Mahlzeiten aufzählen könnte, die Ihr für mich vorbereitet habt, nebst leckeren Kuchen und Obst Brot, aber ich habe jeden Bissen genossen.

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Und jeden Schluck liebevoll gebrauten Espressos, Latte Macciatos oder Cappuccinos. Jetzt weiß ich, daß es Liebe ist, wenn der Frühaufsteher dem Langschläfer morgens Espresso ans Bett bringt.

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Es hat mich gefreut, Allegra, daß Du vor Deiner Reise noch zum Mittagessen kamst, als ich bei Deinen Eltern in Stuttgart zu Besuch war, und Du warst genauso lebendig und fröhlich wie ich Dich in Erinnerung hatte. Tamara, Sven und Chiara, mir hat meine Zeit bei Euch sehr gefallen, das wohlschmeckende Mittagessen, Dein Klavierspiel, Tamara, und Deine Lebensphilosophie, und unsere gemeinsamen Ausflüge nach Ludwigsburg zum Markt und Schloß, zum Max-Eyth See und zum Württemberg. Ihr habt meine Augen für die vielen grünen Oasen geöffnet, die die Landeshauptstadt von Baden- Württemberg beherbergt. Und auch für Granatäpfel, die seither fast täglich auf meinem Menü stehen!

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Obwohl unser geplantes Treffen in Stuttgart nicht planmäßig verlief, Susanne, da ich Deine Anweisung falsch ausgelegt habe und noch immer wie ein Dinosaurier ohne Handy existiere, bin ich Dir und Bernd dankbar, daß Ihr Euch extra Mühe gemacht, und mich in Euer Heim eingeladen habt. Danke für den viel zu kurzen Nachmittag, in den wir trotzdem zwei Schlemmereien und einen Spaziergang durch die Weinberge im wunderbaren Licht eines späten Herbsttages packten.

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Wieder zurück in Rheinland-Pfalz wurde ich durch weitere Einladungen verwöhnt. Was meine deutsche Lieblingstradition anbelangt, nämlich Kaffee und Kuchen gegen 16 Uhr, habe ich von den Backkünsten vieler profitiert. Ich habe bereits das außergewöhnliche Talent meines Vaters erwähnt, den besten mit saftigen Früchten dekorierten Hefekuchen der Welt zu kreieren, aber nicht nur deshalb sind meine Hüften jetzt etwas gepolsterter.

Danke Elke, Arnim, Marius und Dani, daß Ihr einen Nachmittag und Abend mit mir verbracht habt, für Kaffee und Kuchen und das rahmige Nudelgericht mit frischen Kräutern, das Du in Eurer Küche hergezaubert hast (ich habe vergessen ein Foto zu machen), Arnim, obwohl Du nur mit einem Arm arbeiten konntest. Ich hoffe, daß Deine Schulter weiterhin gut heilt.

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Und daß es Forrest, Eurem treuen Hund, auch bald besser geht. Eure Vorschläge bezüglich meines geplanten Englandurlaubs waren sehr hilfreich, auch wenn meine Pläne letztlich sozusagen im Ärmelkanal landeten. Ihr habt mich mit politischen Einsichten über die glühend heiße politische Situation hier im Lande erhellt, und habt uns geholfen, den Wahlausgang mit Galgenhumor zu ertragen.

Gisela und Siggi, es war schön, daß wir einen gemeinsamen Termin finden konnten, und daß Ihr über die Jahre hindurch Kontakt mit mir gehalten habt. Bessere (ehemalige) Nachbarn könnte sich niemand wünschen. Es war eine besondere Überraschung, den leckeren und lockeren, nach Rezept meiner Mutter gebackenen Apfelkuchen zu kosten und wochenlang von Eurer hausgemachten Himbeer-Erdbeermarmelade zu schlecken. Auch wenn das Leben viele Herausforderungen mit sich bringt, kümmert Ihr Euch weiterhin liebevoll um Eure Familie und Freunde, und ich wünsche Euch das Beste.

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Ingrid, Du bist mir und meiner Familie durch Auf und Ab treu geblieben. In Deinem gemütlichen Eß- und Wohnzimmer haben wir viele angenehme, aber auch einige traurige Stunden des Erinnerns verbracht. Deine mit Kirschen und Sahne gereichten Waffeln waren köstlich, ebenso wie der überbackene Feta Käse, trotzdem ich wieder mal die Tomaten falsch in Scheiben schnitt. Jedes Mal entsendest Du mich mit süßen Grüßen.

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Ute and Dieter, ich bin immer froh wenn es uns gelingt, zusammen auszugehen, und dabei Reisen und Weltpolitik zu diskutieren. Danke für Eure großzügigen Einladungen.

Danke Maritta, Michael, Melanie, Maike, Helma und Jürgen, daß Ihr mir zu Hause einen feinen Schokoladekirschkuchen gebacken und mich ins Flammkuchenhaus ausgeführt habt. Es hat mich gefreut, Euch alle einige Male zu Gesicht zu bekommen und mehr über Euren Alltag zu erfahren. Es tut mir leid, daß ich keine Bilder gemacht habe.

Marina, trotz Deines vollen Terminkalenders schaffen wir es irgendwie, uns mindestens einmal zu treffen. Sobald ich in Deiner Küche und in Deinem Eßzimmer Platz nehme, fühlt es sich so an, als sei ich nie weg gewesen.

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Es hat Spaß gemacht, gemeinsam zu kochen und Deinen mit schmackhaftem Gemüse überbackenen Feta zu verschlingen, unsere Sorgen und Glücksmomente zu teilen. Vielen Dank für all die Zeichen Deiner Freundschaft. Deine schönen Souvenirs von Moskau erinnern uns an Dich.

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Jedes Mal wenn ich in Deutschland weile, werde ich an den Wert guter Nachbarn erinnert. Die meines Vaters gehören zu den besten. Kleine Geschenke wie Kuchen, Kerzen, Süßigkeiten oder Wein erscheinen auf der niedrigen Trennmauer zwischen den Grundstücken, und wenn es abends immer früher dunkel wird, begrüßen flackernde Laternen die Heimkehrer mit ihrem warmen Licht. Trudy und Josef, ich bin dankbar, daß sich Eure nachbarschaftlichen Zuwendungen auch auf mich beziehen, und daß Ihr mich immer einladet, wenn ich dort bin. Ich beneide Eure Bücherei und Ihr fabriziert die ansprechendsten Gemüse- und Käseplatten. Es tut mir nur leid, daß ich zu satt war, den Schokoladenpudding noch zu kosten.

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Es ist unmöglich, nicht etwas oder jemanden vergessen zu haben, und ich entschuldige mich im Voraus dafür. Ich hoffe, daß die Summe meiner Auslassungen um ein vieles kleiner ist als die meiner Erinnerungen. Ich vermisse Euch alle, sende herzliche Grüße, und freue mich auf ein Wiedersehen. Ich möchte wiederholen, daß Hilda, Mike und ich Besuch lieben, und daß unser Haus in Colorado viele Räume hat. Ihr seid alle herzlich bei uns eingeladen.

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Ein Spaziergang durch Worms

     Wann immer ich die Gelegenheit zu einer Deutschlandreise habe, stehen mehrere Besuche nach Worms auf dem Programm. Es ist mein Geburtsort, und obwohl ich in zwei nahegelegenen Dörfern aufwuchs, verbrachte ich die prägenden Jahre meiner Gymnasialzeit dort, was mir unauslöschliche Erinnerungen an die Stadt bescherte.

     Es ist fast unmöglich durch Worms zu schlendern, ohne über Spuren seiner historischen Vergangenheit zu stolpern. Archäologische Funde datieren menschliche Besiedlungen bereits um 5000 v. Chr. Nach dem Niedergang der keltischen und römischen Reiche wurde die Gegend im 5. Jahrhundert von den sagenhaften Burgundern bewohnt, die unter den allzu menschlichen Emotionen Liebe, Neid, Gier und Rache litten, was zu Mord und Totschlag führte. Ihre Irrungen und Wirrungen wurden in dem mittelhochdeutschen Epos des Nibelungenliedes im 13. Jahrhundert dargelegt, sowie in neueren Denkmälern ihrer Protagonisten. Seit 2002 wird das Drama in den jährlich stattfindenden Nibelungenfestspielen wiederbelebt, die Zuschauer von nah und fern anlocken.

Siegfriedbrunnen: Siegfried war Drachentöter und Held des Nibelungenliedes.

Siegfriedbrunnen: Siegfried war Drachentöter und Held des Nibelungenliedes

 

Hagendenkmal: Der Bösewicht Hagen versenkt den Nibelungenschatz im Rhein

     Die Katholische Kirche hat ihr eigenes Monument. Der Dom St. Peter wurde im 11. Jahrhundert an der Stelle eines früheren Gotteshauses begonnen. Er ist neben Mainz und Speyer einer der drei im romanischen Stil errichteten Kaiserdome entlang des Rheins.

Westtürme des Doms St. Peter

Westtürme des Doms St. Peter

Hauptschiff des Doms mit Blick auf den Altarraum

Hauptschiff des Doms mit Blick auf den Altarraum

Worms war Schauplatz eines Erdbebens, das die Kirche entzweite. Auf dem Wormser Reichstag von 1521 sollte Martin Luther vor Kaiser und Kirchenoberhäuptern seine der Kirche gegenüber kritischen 95 Thesen des Jahres 1517 widerrufen. Er weigerte sich, was in der Reformation und Gründung der protestantischen Konfession resultierte. Ein in Stein verewigter Luther verkündet nach wir vor von seinem Podest, „Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“

Lutherdenkmal

Lutherdenkmal

     Nicht weit vom Reformator erhebt sich die Dreifaltigkeitskirche, wo einst meine väterlichen Großeltern heirateten. Zusammen mit vielen benachbarten Gebäuden wurde sie in Luftangriffen der Alliierten im Februar 1945 zerstört, und in den 50er Jahren mit Änderungen wiedererbaut.

Dreifaltigkeitskirche

Dreifaltigkeitskirche

Ein weiteres Opfer des ungeheuerlichsten Kapitels der deutschen Geschichte war die jüdische Synagoge. Ihre Ursprünge lagen im Jahr 1034, doch ging sie in der Reichspogromnacht zwischen dem 9. Und 10. November 1938 in Flammen auf. Auch sie wurde von Neuem errichtet und dient als Mahnmal für begangene Greuel, und als Zeichen der Hoffnung auf Toleranz und Frieden. Wie durch ein Wunder überlebte der jüdische Friedhof, Heiliger Sand, dessen ältester Grabstein aus dem Jahre 1076 stammt, das Nazi Regime und zieht noch heute viele Pilger an.

Synagoge

Synagoge

Innenraum der Männersynagoge

Innenraum der Synagoge

 

Friedhof Heiliger Sand

Friedhof Heiliger Sand

     Während ich durch vertraute, doch umgestaltete Fußgängerzonen spaziere, freue ich mich, daß meine Lieblingsbuchhandlung noch existiert. Wenn aufgrund unseres Amazonisierten Universums auch um vieles kleiner, und an einem weniger zentralen Ort gelegen, gedeiht sie noch immer und feierte vor kurzem ihren 100. Geburtstag. Als Jugendliche verbrachte ich hier viel Zeit und ließ einen Großteil meines Taschengeldes zurück. Ich schreite durch Parks, deren Bänke zum Verweilen unter dem Baldachin belaubter Bäume und inmitten duftender Blumen einladen. Ich verliere mich in engen Gassen, jede mit ihrem eigenen Charakter, oder an der alten Stadtmauer, die durch die Jahrhunderte hin stetig ausgedehnt wurde, um die wachsende Bürgerschaft zu schützen.

Wormser Wohngebiet mit alter Stadtmauer

Wormser Wohngebiet mit alter Stadtmauer

Gerne folgt auch mein Blick der Strömung des Rheins auf seinem Weg zur Nordsee. Die Flut meiner nostalgischen Gedanken schmeckt süß, hat jedoch einen bitteren Beigeschmack. Meine zwangsläufige Melancholie resultiert von der Einsicht, daß ich schon bald wieder fort muß, daß ich weder hier noch dort völlig zu Hause bin. Das ist das Problem eines Spagats zwischen verschiedenen Welten.

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Aus Liebe zum Buch

Sobald mir klar ist, daß mein Deutschlandaufenthalt sich mit der Frankfurter Buchmesse überschneidet, beschließe ich, sie zu besuchen. Obwohl ich die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens in Deutschland verbrachte, fehlte mir in jenen Jahren entweder die Gelegenheit, oder die Neugier.

Die jährliche, fünftägige Ausstellung dient hauptsächlich dem Austausch zwischen Verlegern und Verkäufern, doch an den letzten zwei Tagen öffnen sich die Türen für die Allgemeinbevölkerung. Die Veranstaltung ist ein Traum für jeden Buchliebhaber. Es begeistert mich, von meinem (und der Menschheit beständigstem) Lieblingsmedium umringt zu sein, in allen Formen, Größen und Sprachen, von Sach- bis zu Erzählliteratur. Jedes Jahr wird ein Land besonders hervorgehoben, und die diesjährigen Ehrengäste waren die Niederlande und Flandern.

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Homers Ilias und Odyssee, isländische Sagen und aktuelle Megahits wie die achte (und angeblich letzte) Folge von Harry Potter vermitteln einen kleinen Einblick in die Weite und Tiefe der literarischen Meisterwerke der Menschheit. Die Anwesenheit aller Altersgruppen ist Beweis der immerwährenden Anziehungskraft von Büchern. Das friedvolle Treffen von Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und Religionen, und die geteilte Verehrung des gedruckten Wortes, bestärken meinen Glauben an Homo sapiens und unsere gemeinsamen Interessen und Ideale. Die Schattenseite dieser bebuchten Wunderwelt ist die Realisation, daß es unmöglich ist, auch nur einen Bruchteil des unaufhaltsamen Bücherstromes zu kosten.

Sobald ich in den Messehallen ankomme, bereue ich meine Entscheidung, meine Kamera zu Hause gelassen zu haben. Zusätzlich zu den attraktiven Auslagen wären Bilder der als ihre Lieblingsfiguren verkleideten Besucher schön gewesen, ein optischer Ausdruck der Macht unserer Fantasie. Ich bin froh, diesen Wahnsinn mit etwa 277.000 weiteren, in der Liebe zum Buch vereinten Süchtigen erlebt zu haben. Denn frau könnte sicherlich weniger erbauliche Abhängigkeiten haben.

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