Meine Lieblingsfenster

     Bei jedem Deutschlandaufenthalt ist ein Ausflug nach Mainz aus nostalgischen Gründen ein Muß, und immer beinhaltet er auch bestimmte Ziele. Ich mache von den praktischen öffentlichen Verkehrsmitteln Gebrauch und fahre die etwa 35 Kilometer vom Haus meines Vaters mit der Bahn. Am Römischen Theater steige ich aus, benannt nach einer der zahlreichen Ruinen dieses ehemaligen römischen Knotenpunkts, der heute Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz ist.

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    Die Nähe der Bahngleise zur Stadtmitte erleichtert deren Besichtigung. Durch die Augustinerstraße mit ihrer bekannten Rokokokirche und den jahrhundertealten Fachwerkhäusern erreiche ich das Herz von Mainz.

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Ein zentral gelegener Platz wird zur malerischen Bühne für den dreimal pro Woche, das ganze Jahr hindurch stattfindenden Markt. Meine Augen weiden sich an Obst, Gemüse und Blumen in vielfältigen Farben und Formen sowie an dem reichhaltigen und appetitanregenden Angebot an Brot und Käse.

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Der Flecken wird von prächtigen Bürgerhäusern und einem der drei romanischen Kaiserdome des Oberrheins flankiert, neben denen von Speyer und Worms (lesen Sie bitte hier über diese Stadt). Jeden Samstag zur Mittagszeit findet hier eine Orgelmatinée statt und lädt den Gast zu einer besinnlichen Pause ein. In Colorado vermisse ich dieses weitverbreitete Musikangebot und mache hier gerne davon Gebrauch.

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     Ein dem Dom gegenüber liegendes Museum trägt, ebenso wie die hiesige Universität, wo ich einst studierte und vor fast 27 Jahren die Liebe meines Lebens kennenlernte, den Namen des wohl bekanntesten Sohnes der Stadt, Johannes Gutenberg. Im 15. Jahrhundert erfand er den Buchdruck mit beweglichen Lettern, zumindest in der westlichen Hemisphäre (in China war diese Technik bereits seit mehreren hundert Jahren bekannt). Dies revolutionierte den Prozeß des Druckens und resultierte in dem Höhenflug von Büchern, der erst vor relativ kurzer Zeit durch die Entwicklung digitaler Symbole etwas eingeschränkt wurde. Ich erforsche es das erste Mal seit vielen Jahren, und die verschiedenen Ausstellungen stellen sich so informativ und interessant heraus wie erhofft (mehr über die faszinierende Geschichte des Papiers und des Druckvorganges in einem zukünftigen Blog).

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     Nach einem zehnminütigen Spaziergang komme ich an der, die südöstlichen Hügel von Mainz überragenden St. Stephanskirche an. Ursprünglich im Jahre 990 erbaut, erhebt sich die heutige Inkarnation auf dem Schutt von Fliegerangriffen des zweiten Weltkrieges.

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Ihr zerschmettertes Glas wurde durch spektakuläre bemalte Kirchenfenster ersetzt. In den 1970er Jahren kam dem Gemeindepfarrer die geniale Idee, sie beim Künstler Marc Chagall (1887-1985) in Auftrag zu geben, der sich glücklicherweise dazu bereit erklärte. In Rußland geboren, hatte dieser die Sowjetunion einige Jahre nach der Revolution verlassen und war nach Paris gezogen. Als deutsche Truppen dort einmarschierten, floh er in die USA ins Exil. Nach Kriegsende kehrte er wieder nach Frankreich zurück, wo er bis zu seinem Tode im Alter von 97 Jahren residierte. Mainz gehört zu den glücklichen Empfängern seiner begnadeten Kunst. Zu seinen Lebzeiten entwarf er neun Fenster und leitete deren Vollendung in einem Atelier in Reims. Nach seinem Tode führte sein künstlerischer Partner und Freund, Charles Marq (1923-2006), die Aufgabe weiter. Er benutzte ähnliche Farben und Techniken wie Chagall, doch verwirklichte er auch seinen eigenen Stil. Die Sammlung von insgesamt 28 Fenstern unterschiedlicher Größe, die teils konkrete biblische Szenen, teils abstraktere Motive darstellen, wurde im Jahre 2000 abgeschlossen.

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     Egal wie oft ich das relativ schlichte Kirchengebäude betrete, bin ich nie auf die kobaltfarbene Pracht vorbereitet, die mich dort umgibt.

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Ein sattes Blau durchdringt den Innenraum und ich habe das Gefühl, in ein tiefes, stilles Becken einzutauchen. Die kurze, von den Fenstern ausströmende Wellenlänge, schafft den Eindruck von Tiefe und kontrastiert auf wunderbare Weise mit hellen und fröhlichen Gold-, Rot-, Grün- und Purpurtönen.

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Sofort überkommt mich ein Gefühl der Ruhe, und die Zeit scheint still zu stehen. Wenn sich meine Augen an das natürliche Licht gewöhnt haben, vertiefen sich die Kontraste. An sonnigen Tagen glitzern und tanzen die Farben, aber selbst bei bedecktem Himmel strahlen sie mit eigener Kraft. Dieser Ort will nicht durcheilt werden, sondern lädt zum Verweilen ein, zum tiefen Durchatmen, zum Staunen.

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     Chagall, der der Gefahr der Deportation und des Mordes aufgrund seines jüdischen Hintergrundes ausgesetzt war, trug mit seinem großartigen Vermächtnis zur Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Juden und Christen bei. Welch wunderbare Weise, seine pazifistischen Ideale auszudrücken, und den Besucher an seiner Vision teilhaben zu lassen.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/11/22/my-favorite-windows/

2 Gedanken zu “Meine Lieblingsfenster

  1. Liebe Tanja, vielen Dank für Vergnügen beim Lesen von diesem Kapitel und auch für wunderschöne Bilder! Liebe Grüße aus Worms!!!!

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