Frohe Feiertage

Im Monat Dezember scheint die Entfernung zwischen meinem momentanen Heim in den USA und meinem ehemaligen in Deutschland größer als sonst. Wann immer mich Wehmut überkommt, ist es mir ein Trost, Bräuche meiner Kindheit fortzuführen, und eine Bereicherung, die Traditionen meiner zwei Welten zu verflechten.

Unsere festliche Saison in Colorado beginnt normalerweise mit dem Flackern der ersten Adventskerze. In Deutschland hatten wir Adventskränze mit großen Wachssäulen, aber seit mir meine beste Freundin aus Frankreich eine aus Messing gefertigte Version geschenkt hat, verbrennen wir Weihkerzen oder Teelichter, was meinem Mann die Gelegenheit gibt, endlich wieder seine Fähigkeiten als Kerzenmacher ans Licht zu bringen. Die sternartige Form ruht auf einem Zierdeckchen, das meine Mutter einst schuf, und ich tröste mich mit dem Gedanken, daß es ihr gefallen würde zu wissen, wie sehr wir es schätzen, und wie sehr wir sie vermissen.

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Die tägliche Überraschung, die sich hinter den Türchen des Adventskalenders verbirgt, habe ich schon von jeher heiß geliebt, hauptsächlich, weil Schokoladengenuß damit verbunden war. In letzter Zeit bevorzuge ich die schokoladenlose Variante, und freue mich darauf, von einem süßen Geschöpf hinter jeder Klappe begrüßt zu werden, anstatt von einem abgelaufenen Stück Osterhase, der geschmolzen und in eine neue Form gepreßt wurde.

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Den 6. Dezember erwartete ich immer mit etwas Beklommenheit, weil an dem Tag Nikolaus und Knecht Ruprecht durch das Land zogen, mit einem Sack voller Süßigkeiten für die guten Kinder, und einer Rute für die schlechten. Obwohl ich eher zu den letzteren gehörte, legten meine Eltern immer ein gutes Wort für mich ein, und so wurde mir eine Tracht Prügel erspart. Heutzutage komme ich bei dieser Gelegenheit in den Genuß des köstlichen Gebäcks meiner Schwiegermutter, nebst Obst und Nüssen.

Ich muß nicht länger bis zum 24. Dezember auf den Weihnachtsbaum warten, wie das in Deutschland Usus war. Viele amerikanische Familien dekorieren ihren bereits am oder kurz nach dem Erntedankfest Ende November, doch wir erwerben unseren einige Wochen vor Weihnachten, und genießen ihn bis zum Dreikönigstag, obwohl hier keine als Drei Weisen verkleideten Kinder durch die Straßen ziehen, Geld zu guten Zwecken einsammeln, oder das Haus und seine Bewohner mit Gebet und Inschrift über dem Eingang segnen.

Seit einigen Jahren beginnt unser Baumerwerb mit einem Abstecher zum hiesigen Forstamt, wo wir für 10 Dollar eine Erlaubnis zum Fällen erstehen. Wir fahren dann eine knappe Stunde auf der Landesstraße 24 gen Westen, zum Pike Nationalwald außerhalb von Woodland Park, der atemberaubende Aussichten von Pikes Peaks Nordseite bietet.

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In dem vorgesehenen Gebiet suchen wir uns einen Zirkel aus, in dem wir Ausschau nach Kiefer, Tanne, oder Fichte halten. Diese jährliche Aktion ist für beide Seiten ein Gewinn: wir können uns unseren eigenen günstigen Baum aussuchen, und helfen gleichzeitig dem Forstamt, das Risiko von Waldbränden in dem von Trockenheit bedrohten Westen zu verringern. Es ist erlaubt, Stämme bis zu etwa 14 Zentimeter Durchmesser zu schlagen und einem ist angeraten, keinen symmetrischen Wuchs zu erwarten.

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Obwohl wir um die theoretischen Vorteile wissen, fällt es uns immer etwas schwer, einen gesunden Baum von seinen Wurzeln zu trennen. Wir beruhigen unser schlechtes Gewissen mit vielen Danksagungen für sein unfreiwilliges Opfer, bevor wir ihn zurück zum Auto tragen, einladen und nach Hause chauffieren, während festliche Musik aus den Lautsprechern strömt. Mein Repertoire an Weihnachtsliedern ist seit meiner Jugend anspruchsvoller geworden. Wie ich je ohne die Jingle Bells Version von den Chipmunks auskam, ist mir ein Rätsel.

Schon vor langem gab ich die Hoffnung auf einen farblich abgestimmten Nadelbaum auf. Die Kiste aus dem Keller offenbart urzeitliche Kugeln von der Oma meines Mannes, vorsintflutliche Ornamente, die seine Eltern über Jahrzehnte hinweg sammelten sowie handgemachte Verzierungen aus seinen Grundschultagen, und alle werden nach wie vor gewürdigt. Wenigstens durfte ich Lametta mit Strohsternen und bemalten Holzfiguren ersetzen. Feuergefahr überzeugte meinen Mann endlich, die uralte Lichterkette zu ersetzen, doch noch immer krönt ein leicht ramponierter Stern aus einer anderen Epoche den Wipfel. Die Angst vor Bränden schließt offene Flammen aus, die ich früher immer besonders feierlich fand. Stattdessen verteilen wir im Haus Paraffin in allen Farben, Formen, und Formaten und erhellen so diesen dunkelsten Monat des Jahres, dank dem Kerzenmeister.

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Wie jedes Kind in Deutschland weiß, bringt das Christkind am Heilig Abend die Geschenke. Hier muß ich mich bis zum ersten Weihnachtsfeiertag gedulden, weil der Nikolaus mit Hilfe eines von Rentieren gezogenen Schlittens diese Arbeit nachts übernimmt.  Weil von ihm erwartet wird, daß er sich neben jedem Kamin mit Plätzchen und einem Glas Milch stärkt, verzögert sich der Prozeß etwas. Fairerweise muß ich gestehen, daß er mich noch nie ausgelassen hat, und daß der Belohnungsaufschub wahrscheinlich pädagogisch hilfreich für mich ist.

Meine Liebe zu den alten Ritualen dauert fort, unabhängig von meinem Glauben oder Unglauben. Ob wir Wintersonnenwende, Weihnachten, Chanukka oder Kwanza feiern, mögen unsere Traditionen und Bräuche uns mit Freude erfüllen, und uns allen Frieden auf Erden bescheren.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2016/12/21/happy-holidays/

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