Meine Pulitzer Leseliste 2016

Der ständig wachsende Literaturkanon ist schier überwältigend. Wie viele Leser versuche ich, mich mit den sogenannten Klassikern vertraut zu machen (siehe meine Rezension von Don Quijote), doch um auch mit „guten“ amerikanischen zeitgenössischen Veröffentlichungen Schritt zu halten, habe ich begonnen, Prosa zu erforschen, die mit dem Pulitzer Preis dotiert wurde, obwohl es natürlich auch andere Buchauszeichnungen gibt, die als Wegweiser zu hochqualitativem Schriftgut dienen können.

Im 19. Jahrhundert immigrierte Joseph Pulitzer aus Ungarn in die USA, wo er Journalist und Zeitungsverleger wurde. Die vielen Preise, die seinen Namen tragen, werden von seiner Hinterlassenschaft an die Columbia Universität in New York finanziert. Einer unter ihnen, der Pulitzer für den Roman, wurde 1917 eingeführt, erstmalig im darauffolgenden Jahr vergeben, und nach einiger Zeit in Pulitzer für Belletristik umbenannt. Da er in einigen Jahre ausfiel, gibt es bisher 89 Gewinner, und im Mai wird der nächste bekannt gegeben. Meine Reise durch das Reich des Pulitzers ist bislang ziemlich willkürlich, da ich weder eine thematische noch eine chronologische Reihenfolge einhalte, sondern mich mit Bänden befasse, die sich bereits in meiner Bibliothek befinden. 2016 waren es die folgenden drei Werke.

Nachdem ich Virginia Woolfs bahnbrechendes Essay, A Room of one’s Own (Ein eigenes Zimmer), in dem sie die besonderen Herausforderungen von Schriftstellerinnen darlegt, sowie ihr einflußreiches Buch Mrs. Dalloway (Mrs Dalloway) gelesen hatte, fühlte ich mich für Michael Cunninghams The Hours (Die Stunden), der 1999 gewann, besser vorbereitet. Diese moderne Auslegung von Mrs. Dalloway trägt den diesem Roman ursprünglich zugedachten Titel. Ähnlich wie jener ist dieser im erzählerischen Stil des Bewußtseinsstroms verfaßt. Er beleuchtet die parallelen und verflochtenen Schicksale von Virginia Woolf, von einer zeitgenössischen Version ihrer Heldin, Clarissa Dalloway, sowie von einer Frau in den 1950er Jahren, deren Lektüre von Mrs. Dalloway ihr Leben in ungewohnte Bahnen wirft. Wenn Du gerne überraschende Wendungen hast, wird dieses Werk nicht enttäuschen. Die Filmversion mit Nicole Kidman, Julianne Moore und Meryl Streep gewann 2002 einen Oskar, doch habe ich sie mir nicht angeschaut. Meist finde ich literarische Verfilmungen desillusionierend, und die Bilder auf der Leinwand überschatten meine eigene Fantasie.

img_8610

Der Gewinner des Jahres 2015, Anthony Doerrs All the Light We Cannot See (All das Licht, das wir nicht sehen), stand fast zwei Jahre lang auf meinem Regal, aber nach den ersten Seiten dieser im zweiten Weltkrieg spielenden Geschichte gab es kein Halten, bis ich mit den Protagonisten gelitten und geweint hatte, selbst mit einigen Bösewichten. Im Mittelpunkt stehen ein blindes französisches Mädchen und ein deutscher Waise, der von den Nazis als Radioingenieur ausgebildet wird. Deren Lebenswege werden von den bewegten Wellen des Krieges überflutet, und obwohl sie sich nur kurz gegen Kriegsende kreuzen, waren sie bereits jahrelang verflochten, ohne daß sich die Beiden dessen bewußt waren. Das Buch unterstreicht, wie wichtig vollständig entwickelte Charaktere sind, auch wenn sich manche als Monster herausstellen. Wenn auch noch so verheerend, endet es einigermaßen versöhnlich und mit einen Funken Hoffnung.

img_8609

Pearl S. Buck, die wegen ihrer als Missionare in China tätigen Eltern dort aufwuchs, und der später auch der Literaturnobelpreis verliehen wurde, erhielt den Pulitzer im Jahre 1932 für The Good Earth (Die gute Erde). Als ich dieses Exemplar auswählte, war ich etwas skeptisch über die Relevanz des Loses eines Bauern im vorrevolutionären China. Doch sobald ich mich von dem etwas altertümlich anmutenden, aber sehr lyrischen, Stil überfluten ließ, wie von einem sanften Sommerregen, war es mir ein Leichtes, der gemächlichen Erzählung zu folgen. Ich finde es erstaunlich, wie alle menschlichen Schwächen und Stärken anhand der Geschicke einer einzigen Person veranschaulicht werden, und wie die selbe Person zu der Einsicht gelangt, daß das Leben nur Sinn macht, wenn es in Einklang mit und in Abhängigkeit von der Natur, von dem Boden, von der guten Erde gelebt wird, ungeachtet von Wohlstand und Fortschritt. Diese Nachricht ist heute so relevant wie nie zuvor. Wie ich seither herausgefunden habe, ist dies der erste Band einer Trilogie, doch habe ich mich noch nicht an die Fortsetzungen gemacht.

img_8608

Jedes dieser Glanzstücke ist es wert, nochmals ergründet zu werden, doch da ich erst 11 hinter mir und noch 78 (und bald sogar 79) vor mir habe, bin ich Lesevorschlägen bezüglich weiterer Pulitzer Preisträger offen. Auch würde ich mich freuen, Deine Meinung über die oben behandelten Werke zu erfahren.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/01/05/my-2016-pulitzer-reading-list/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.