Ein Skilanglaufparadies

Stell Dir ein ausgedehntes Bergtal auf einer Höhe von 2600 Metern vor. Mit Kiefern und Espen bedeckte Hügel säumen den Süd- und Ostrand, die Kämme und schroffen Gipfel der kontinentalen Wasserscheide bestimmen den östlichen Horizont und im Norden erstreckt sich der weitläufige Mittelpark von Colorado. In dieser urigen Lage im Landkreis Grand, zwischen Winter Park und Granby, betreibt der YMCA der Rockies die Snow Mountain Ranch. Von unserem Zuhause in Colorado Springs dauert es mindestens drei Stunden, um die 240 Kilometer lange Distanz zurückzulegen, je nachdem welche Bedingungen entlang Berthoud Pass vorherrschen, der 3400 Meter erreicht.

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Während eines typischen Winters ist die Landschaft mit einer Schneedecke drapiert. Pole Creek sowie seine Zuflüsse ziehen kreuz und quer durch das flache Terrain und murmeln sachte unter einem Eisschild. Ein Weidendickicht gedeiht in den niederen Lagen. Zu dieser Jahreszeit ihrer Blätter entledigt, leuchten die Zweige in olivgrünen, orangefarbenen und weinroten Schattierungen in den schrägen Sonnenstrahlen. In Abwesenheit von Wolken funkeln die hexagonalen Kristalle in Colorados intensivem Licht, und die Rocky Mountain Version des Alpenglühens grüßt uns morgens und abends und schminkt Himmel und Berggipfel mit goldenen, roten und purpurnen Tönen. Obwohl wir klare und ruhige Tage vorziehen, oder uns an leise rieselndem Schnee erfreuen, erfahren wir zeitweise auch berüchtigte Windböen, bis zu einer Stärke von 75 Kilometern pro Stunde, die den Talkessel in einen horizontalen Windkanal verwandeln.

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Snow Mountain Ranch bietet verschiedene Quartiere an: unbeheizte Jurten (man kann einen elektrischen Heizkörper mitbringen), drei verschiedene Gasthäuser mit Zimmern, die jeweils bis zu acht Personen unterbringen können (die allerdings nur mit einem einzigen Bad versehen sind), oder private Hütten mit zwei bis zu mehreren Schlaf- und Badezimmern. Verglichen mit anderen Ferienorten sind die Preise eher günstig (siehe Webseite für Details) und wir sind dankbar, daß das Skilanglaufgebiet inklusive ist. Neben 100 Kilometern Loipen gibt es auch Pfade für Schneeschuhe und, seit kurzem, Winterfahrräder. Zu den familienfreundlichen Angeboten gehören außerdem Reifenschlauchrodeln, Schlittschuhfahren, Schwimmen und Bogenschießen.

Eines meiner Lieblingsziele auf Skiern ist Columbine Point. Dieser Aussichtspunkt gewährt Blicke auf die kontinentale Wasserscheide in der Ferne, und in der Nähe auf das Gaylord Reservoir, am Fuße von Snow Mountain, nach dem die Ranch benannt ist. An diesem malerischen Ort sind viele Espen angesiedelt, die symbolisch für unseren Staat sind. Ihre cremefarbenen Stämme und sich verzweigenden Äste kontrastieren auf charmante Weise mit Colorados legendär blauem Himmel. Dieser Fleck inspirierte die Konstruktion einer Freilichtkapelle, die sich in den Sommermonaten zur beliebten Heiratsstätte entwickelt hat.

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Die Siedlerhöfe der Just und Rowley Familien stehen noch heute, und können besichtigt werden. Der YMCA hat das Grundstück 1966 von den Justs gekauft, in deren Besitz es seit den 1890er Jahren war. Ich versuche, mir das Leben dieser frühen Ansiedler Ende des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts vor Augen zu führen — in Holzhütten, ohne Elektrizität oder fließendes Wasser, meilenweit von den Nachbarn entfernt. Das Leben dieser Pioniere war von schwerer Arbeit geprägt, wenn nicht von Mühsal. Ich hoffe, daß sie nichtsdestotrotz Freude an ihrer wunderbaren Umgebung hatten. Auf die Gefahr hin, mich etwas rosig anzuhören, beneide ich sie um die Nähe zu Mutter Natur und ihren Rhythmen. Sie erlebten die Schneeschmelze und die Rückkehr der ersten Zugvögel an den zunehmenden Frühlingstagen, die mit prächtigen Wildblumen verschönte Sommersaison, die Herbstzeit und die leuchtenden Farben der Espen. All das dürfte ein willkommener Kontrast zu den kalten Wintermonaten gewesen sein, wenn es sich neben dem warmen Ofenrohr am besten hätte aushalten lassen.

Es ist eine Zugabe, die wilden Bewohner dieser Gefilde anzutreffen. Haarbüschel und ovale Knoddeln weisen auf die Präsenz von Elchen hin, doch wenn wir auf diese größten Vertreter der Hirschfamilie stoßen, deren Männchen bis zu 750 Kg wiegen können, sind wir trotzdem überrascht. Wir bewundern ihr dickes Fell, ihre Kinnbärte und das schwere Geweih der Bullen von einer sicheren Distanz und achten besonders darauf, nie zwischen eine Elchkuh und ihr Kalb zu geraten. Es ist erstaunlich, daß diese Pflanzenfresser die langen Wintermonate nur mit trockener Vegetation überleben können.

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Von Zeit zu Zeit erspähen wir einen, in ein warmes Wintergewand gehüllten Rotfuchs, der Nagetieren unter der Oberfläche auflauert. Eichhörnchen beschweren sich, wenn wir uns ihrem Terrain nähern, Meisen zwitschern zufrieden zwischen den Weiden, die Flügelschläge und heiseren Schreie von Krähen, Raben, und Elstern durchdringen die Luft. Dies sind oft die einzigen Laute, die wir vernehmen, nebst denen unserer Bretter.

Wir schätzen uns glücklich, dieses Paradies entdeckt zu haben. Dieser friedliche Ort, ohne große Menschenmassen, der uns buchstäblich und bildlich atemlos macht, übt nach wie vor eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns aus.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/01/19/nordic-paradise/

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