Geraldine Brooks-einige Gedanken

Mein erster Kontakt mit der sprachgewaltigen Literatur von Geraldine Brooks war ihr Roman Year of Wonders (2001, Das Pesttuch), über die Beulenpest im englischen Dorf Eyam im Jahre 1666. Er zeigt die Schrecken der Epidemie durch die Augen der Magd Anna, deren Leben völlig aus der vorgeschriebenen Bahn geworfen wird. Anna entwickelt sich von einer machtlosen, ausgenutzten Bediensteten zu einer unabhängigen Frau, eine Transformation, die ohne die horrenden Geschehen in ihrer Umwelt undenkbar gewesen wären. Die atemlose, mit poetischen Pausen durchflochtene Handlung weckte meine Neugier auf die Autorin, und ich habe seither ihr Gesamtwerk gelesen.

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Frau Brooks (geboren 1955) war dereinst Journalistin, und ihre ersten Veröffentlichungen waren Sachbücher. Nine Parts of Desire (1994, Die Töchter Allahs) handelt von dem Leben und den Herausforderungen muslimischer Frauen in mehr oder weniger frauenfeindlichen Gesellschaften und ist heute so relevant wie vor zwei Jahrzehnten. Foreign Correspondence (1997, keine deutsche Übersetzung) feiert ihre Begegnungen mit Brieffreunden aus ihren Kindheitstagen in Australien, und enthält sehr ergreifende Momente. Ich finde beide extrem gut geschrieben und informativ.

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Nach ihrem internationalen Bestseller, Year of Wonders, überstieg sie ihren Höhenflug mit ihrem zweiten Roman, March (2005, Auf freiem Feld), der mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Sie malt sich darin das Schicksal des Vaters der March Familie in Louisa May Alcotts bekanntem Werk, Little Women (Kleine Frauen), während des amerikanischen Sezessionskriegs aus. Neben Miss Alcotts geschätztem Klassiker wurde Frau Brooks von ihrem Mann, dem Schriftsteller und Bürgerkriegenthusiasten, Tony Horwitz, zu dieser Geschichte inspiriert.

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People of the Book (2008, Die Hochzeitsgabe), stellt sich die verschlungenen Wege einer tatsächlichen Bilderhandschrift, der Haggada von Sarajewo vor, die vorübergehend während des Bosnienkrieges Anfang der 1990er Jahre aus der Bibliothek Sarajewos verschwand. Das Buch bietet faszinierende Einblicke ins Europa des späten Mittelalters bis zur Gegenwart.

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Caleb’s Crossing (2011, Insel zweier Welten) hat auch eine weibliche Erzählerin, Bethia Mayfield, ein puritanisches Mädchen, das im kolonialen Amerika des 17. Jahrhunderts in Martha’s Vineyard lebt. Ihr Vater will die Indianer vom Stamme der Wampanoag zum Christentum bekehren und unterrichtet Caleb, den Sohn eines Stammesführers, damit er als erster Indianer Cambridge College besuchen kann. Bethia ist wissensdurstig, kann aber nur Fetzen des Unterrichts, der ihrem Bruder, aber nicht ihr zukommt, erhaschen. Außerdem befreundet sie sich mit Caleb. So verstößt sie gegen allerlei gesellschaftliche Tabus ihrer Zeit. Sie verkörpert, was hätte sein können, wären die ersten Kolonisten Nordamerikas neugieriger, und den Ureinwohnern gegenüber weniger voreingenommen gewesen.

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Obwohl ich Frau Brooks neueste Veröffentlichung im Jahre 2015 mit Neugier erwartete, und sie auch kurz danach kaufte, las ich sie erst vor einigen Wochen, was mich zu diesen Reflektionen bewog. The Secret Chord (noch keine deutsche Übersetzung) handelt vom Zeitalter des biblischen Königs David und seiner Gefolgschaft um 1000 vor Christus. Die Handlung schlägt einen Bogen von seiner Kindheit, die von Verachtung seitens seines Vaters und seiner Brüder geprägt ist, über seinen Aufstieg vom Schafhirten zum Schützling von König Saul, nachdem er Goliath tötet, bis zu seiner eigenen Laufbahn als König des vereinten Judas und Israels. Er wird von dem Propheten Nathan begleitet, der zwar Katastrophen voraussehen, nicht aber verhindern kann. David is Mensch, mitsamt menschlichen Stärken und Schwächen. Fehden zwischen Stämmen und Familienmitgliedern werden durch Polygamie, Ehebruch, Inzest, Krieg, Verrat, Brudermord und mehrere Versuche des Königsmords hervorgerufen. Trotzdem endet das Buch auf einer versöhnlichen Note, nämlich mit der Krönung des Königs Salomon, Davids Sohn, der eine hellere und friedlichere Zukunft verspricht. Die Worte schaffen wie üblich eine Kombination aus spannungsgeladenen und lyrischen Momenten, besonders wenn es um Naturbeschreibungen, oder um Davids sagenumwobene Qualitäten als Poet und Harfenspieler geht, doch hätte die Geschichte auch ohne die Schilderungen brutaler Verstümmelungen und Ausweidungen sowie einer entsetzlichen Vergewaltigung auskommen können.

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Geraldine Brooks hat sich auf historische Romane spezialisiert, was meinen eigenen Neigungen entspricht. Ihre äußerst gut recherchierten Erzählungen lassen Ereignisse, Personen und sogar die Sprache vergangener Zeiten auf wunderbare Weise wieder auferstehen. Ich freue mich bereits auf die zukünftigen Früchte ihrer Feder, und auf die Kommentare anderer Fans.

Klicken Sie hier für die englische Version/click here for the English version :

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/02/02/geraldine-brooks-a-brief-review-of-her-books

2 Gedanken zu “Geraldine Brooks-einige Gedanken

  1. Ja, hört sich ja interessant an an!
    Ich lese gerade auch was mit verschiedenen Zeiten aber nicht ganz so altertümlich. (1928)
    Aber so eine Zeitreise hat schon etwas spannendes an sich.
    Danke für deine Zeilen und weiter viel Freude am Lesen.

    Gefällt 1 Person

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