Wer bringt die Babys?

     Der dunkle, am Himmel kreisende Punkt nimmt mit abnehmender Distanz an Größe zu und ich erkenne einen großen, weißen Vogel mit langen, roten Beinen und rotem Schnabel. Sein Hals ist ausgestreckt und breite, am Hinterrand schwarze Schwingen bewegen sich gemessen auf und ab. Auch die zwei Bewohner des Horstes vor mir erwarten seine Rückkehr und schlagen ungeduldig mit ihren Flügeln. Sobald der Altvogel landet und den hungrigen Jungen das in seinem Schlund transportierte Mahl anbietet, machen sich die Kinderlein emsig ans Futtern, während Vater oder Mutter, die nicht auf den ersten Blick zu unterscheiden sind (die Schnäbel der Männchen sind etwas dicker und länger), die umliegende Gegend überblickt. Glücklicherweise scheine ich in einem Abstand von etwa 100 Metern keine Gefahr darzustellen, denn alle drei ignorieren mich.

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Nach fünf Minuten hebt das Elternteil ab, und die Jungvögel sind wieder sich selbst überlassen. Bis zum nächsten Besuch liegen oder schreiten sie in der Kinderstube, oder pumpen periodisch ihre Flügel, in Vorbereitung auf den Tag in nicht allzu weiter Ferne, an dem sie flügge werden. Sie werfen ein Auge auf das Umfeld, wo ein krähender Hahn sie in seinen Bann zieht. Beide Köpfe wenden sich synchron in die Richtung der Laute, was ihre schwarzen Schnäbel sichtbar macht, ein Kontrast zu den roten der Erwachsenen.

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     Dieses Storchennest in Südhessen ist mir von einem früheren Besuch her bekannt und während einer Deutschlandreise im Juni 2015 setze ich mit dem Fahrrad auf der Fähre von Eich nach Gernsheim über den Rhein, und radele etwa 8 Kilometer auf der rechten Rheinseite. Ich bin begeistert, es wieder besetzt zu finden, und beschwingt, als sich auch am Himmel über mir Störche sehen lassen. Ihrer zehn landen nacheinander hinter einem Traktor, in dessen Kielwasser sie reiche Beute machen.

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Kulinarisch nicht wählerisch schnappen sie sich mit ihren spitzen Schnäbeln Regenwürmer, Insekten, Fische, Frösche, Schlangen, kleine Nagetiere und Sonstiges, was da kreucht und fleucht. In der nahegelegenen Gemeinde Biebesheim finde ich die Erklärung für ihre Vielzahl, als ich in einem Tierpark auf eine Storchenkolonie stoße.

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Dort herrscht reges Treiben mit Kommen und Gehen, Füttern, und dem sprichwörtlichen Schnabelklappern des „Klapperstorches“. Ein typisches Gelege besteht aus drei oder vier, selten bis zu sieben Eiern, die nach etwa 33 Tagen schlüpfen. Zwei Monate lang werden die Nestlinge von den Eltern versorgt, von denen durchschnittlich zwei bis drei überleben. Das Brutgebiet der Weißstörche beschränkt sich nicht auf Europa. Auch in Kleinasien existieren Populationen, und die verschiedenen Gruppen ziehen zu ihren Winterquartieren in Afrika. Sie folgen dabei zwei verschiedenen Routen. Von Westeuropa aus fliegen sie über die Straße von Gibraltar nach Westafrika, wohingegen die östlichen Scharen über die Türkei, den Bosporus, die Sinai Halbinsel und den Suezkanal nach Ost- und Südafrika ziehen. Obwohl der Weg über das Mittelmeer um vieles kürzer wäre, ist er ihnen versperrt, weil sie Auftrieb benötigen, der hauptsächlich dort entsteht, wo die Erdmasse von der Sonne erhitzt wird.

     In meiner Kindheit vor vierzig Jahren kannte ich in meiner Heimat in Rheinhessen keine wilden Störche, was mich nicht davon abhielt, dem Rat meiner Großeltern zu folgen, und einen Zuckerwürfel auf die Fensterbank zu legen, was mir Geschwister zusichern sollte. Leider funktionierte es nicht. In der Schule in den 1980er Jahren lernte ich, daß der prachtvolle Vogel vom Aussterben bedroht war, und daß es düster um seine Zukunft aussah. Umso willkommener ist die Nachricht, daß sich die Bestände in vielen Brutgebieten Europas vermehrt haben, im Westen sogar noch mehr als im Osten.

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Zur Artenvermehrung tragen Zurverfügungstellung und Instandhaltung von Brutplätzen, Wiederherstellung von Feuchtgebieten, Renaturierung von ehemals begradigten Flußläufen, verminderter Einsatz von Pestiziden und Isolierung von Hochspannungsleitungen bei. Auch ein verändertes Zugverhalten spielt eine Rolle, denn besonders Teile der westeuropäischen Population überwintern öfter auf der iberischen Halbinsel, wo sie auf Reisfeldern und Mülldeponien genug Nahrung finden, und somit die längere und gefahrenvollere Reise nach Afrika vermeiden können.

     In einer Zeit, in der uns Hiobsbotschaften über schwindende Artenvielfalt zu überwältigen scheinen, gibt das Anwachsen der Weißstorchbestände etwas Grund zum Optimismus. Gleichzeitig erinnert und ermahnt es, daß wir Menschen Verantwortung für die Natur tragen, die unser aller Lebensgrundlage darstellt. Ich bin froh, daß Adebar, der einst deutsche Lieder, Geschichten und Sagen bevölkerte, nun auch wieder deutsche Lande besiedelt.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/02/08/where-do-babies-come-from/

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2 Gedanken zu “Wer bringt die Babys?

    • Echt? Ich habe gedacht, mit diesem Mythos seien alle deutschen Kinder aufgewachsen (oder vielleicht hängt das mit meinem fortgeschrittenen Alter zusammen 😊).
      Danke, daß Du Dir Zeit genommen hast, diesen älteren Beitrag zu lesen, liebe Simone.
      Alles Gute,
      Tanja

      Gefällt 1 Person

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