Eine Burg in Colorados Bergen

Burgen gibt es in Deutschland häufig. Für viele Touristen verkörpern sie Europas Charm und Mythos, und jeder Amerikaner, der je eine Rheinschifffahrt unternommen hat, wird seinen Verwandten zu Hause Dutzende Photos präsentieren können. Selbst während meiner letzten Deutschlandreise stieß ich zufällig auf mehrere Burgruinen. Aber Burgen in Colorado? Selbst wenn die Rocky Mountains ihre eigenen Türme, Rondelle und Zinnen aufweisen, habe ich bisher noch keine Zugbrücke in wilder Natur entdeckt. Nichtsdestotrotz kann sich Colorado einer kompletten Burg rühmen, inklusive Zugbrücke (obwohl es — bisher — noch keinen Burggraben gibt), die einen Publikumsmagneten darstellt, wie an den allgegenwärtigen, entlang der Straße geparkten Autos zu erkennen ist.

img_8100-110

Es handelt sich um Bishop Castle, etwa 115 Kilometer südwestlich von Colorado Springs, in Colorados San Isabel Nationalwald. Die Burg ist Ausdruck der Fantasie eines Mannes, Jim Bishop, der laut der offiziellen Webseite bereits seit 60 Jahren an seinem Opus arbeitet, und der sich seit seiner Hochzeit 1967 auch der Unterstützung seiner Gattin Phoebe erfreut. Das Werk ist noch immer im Werden begriffen, und es würde mich nicht erstaunen, wenn irgendwann doch noch ein Burggraben entstünde, zum Teufel mit der Trockenheit im Westen. Denn dies scheint die Haltung des Baumeisters zu verkörpern, der mit seinen kontroversen sozialen und politischen Meinungen nicht hinter dem Berg hält, und der sich mit Händen und Füßen gegen örtliche und nationale Behörden, die die Legalität seines Projektes hinterfragt haben, gewehrt hat. Bisher hat er allen Versuchen, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, erfolgreich Widerstand geleistet, und sich von der Umsetzung seiner Vision nicht abbringen lassen.

img_8100-115

Obwohl mein Mann und ich sowohl von der Burg gehört als auch Bilder von ihr gesehen haben, sind wir nicht auf das gigantische Monument vorbereitet, das uns da grüßt, und das aus einheimischem Stein, Glas und meilenlangen Schmiedearbeiten geschaffen wurde.

img_8100-117

Der höchste Turm mißt etwa 50 Meter, und der höchste Kamin mündet in einen Drachenkopf. An dem sonnigen Herbsttag unseres Aufenthaltes speit der Drache keinen Rauch, ein Spektakel, das dem Gast nur selten geboten wird. Eintritt über die Zugbrücke ist umsonst, doch um Spenden wird gebeten, da die meisten Konstruktionskosten von Herrn Bishop getragen wurden, neben einigen Gönnern.

img_8100-113

Viele der über drei Stockwerke verteilten Räume bleiben unvollendet, manche sind ob der fehlenden Fensterscheiben zugig, aber jeder hat seinen eigenen Charakter.

img_8100-122

Wir bewundern eine Folge eleganter Bögen, bevor wir eine gewaltige Halle auf der zweiten Etage betreten. Ihre zugespitzte, mit schmiedeeiserner Kunst verschönte Decke und hohe Fenster vermitteln das Gefühl eines gotischen Kirchenschiffs und ihre feierliche Atmosphäre laden zum Verweilen und zur Reflektion ein.

img_8100-127

Über steile Treppenstufen steigen wir höher und höher, bis der Stein metallenen Balkonen und Laufstegen weicht, die sich an die Außenwände schmiegen.

img_8100-121

Auf einer Höhe von 2.700 Metern gelegen, wird die Burg von Bergen und Bäumen umringt und bietet außerdem Blicke auf die Prärie, die den Osten des Staates bestimmt.

img_8100-136

Der Rundblick, der sich von der vogelkäfigartigen Kugel und den Brücken bietet, die das Gebäude wie eine filigrane Krone zieren, kompensiert für die Übelkeit, die ich aufgrund des leichten Schwankens dieser Strukturen in der Herbstbrise empfinde, doch denjenigen mit Höhenangst würde ich empfehlen, nicht über die zweite Etage hinauszuklettern.

img_8100-135

Auch wenn sich die Geister an der Burg und ihrem Namensvetter scheiden, scheint sich keine(r) der BesucherInnen vor Ort des Erstaunens und der Ehrfurcht erwehren zu können. Mir drängt sich der Vergleich mit der Gralsuche eines anderen mißverstandenen Ritters auf, da ich mich erst vor kurzem wieder mit der Bedeutung von Don Quijote auseinandersetzte. Ich weiß, daß ich eine hoffnungslose Romantikerin bin, aber mich beeindruckt es, daß Jim Bishop seinem Traum gefolgt ist, und ein traumhaftes Erbe für uns alle hinterlassen hat.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/02/15/a-castle-in-colorado/

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Eine Burg in Colorados Bergen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.