Seidenpflanzen und Schmetterlinge

„Der Unterschied zwischen einer Blume und einem Unkraut liegt in der Einstellung.“

Unbekannt

     Stell Dir vor, Du bist ein wunderschöner schwarz- und orangefarbener Schmetterling, genaugenommen ein Amerikanischer Monarch (Danaus plexippus), der östlich der Rocky Mountains in Nordamerika umherflattert. Im Herbst begibst Du Dich auf eine erstaunliche Reise und fliegst bis zu fünfeinhalbtausend Kilometer weit in die Berge Mexikos, wo Millionen Deiner Vorfahren seit Urzeiten ihre Winter in Oyamel-Tannen verbringen. Wenn Du genügend Bäume sowie Nektar in der Nähe findest, von denen Du Dich ernähren kannst, und wenn Du bis Februar oder März des folgendes Jahres überlebst, wirst Du Dich paaren und den Rückflug antreten, ihn aber wegen Deiner beschränkten Lebensspanne nicht vollenden. Stattdessen wirst Du, wenn Du ein Weibchen bist, Eier legen und in den Schmetterlingshimmel kommen, da Du Deinen Lebenszweck erfüllt hast.

Stell Dir als nächstes vor, ein solches Ei zu sein. Innerhalb von vier Tagen wirst Du zur Larve, oder Raupe, und verzehrst hungrig Blätter, vorausgesetzt Du wurdest auf einer Seidenpflanze geboren, die Dir als alleiniges Nahrungsmittel dient.

Du bist Dir nicht bewußt, daß deren Pflanzensaft für viele Tiere giftig ist, Dich aber schützt, weil es Dich zum toxischen Häppchen macht. Nach zwei Wochen des Futterns und Wachsens gestaltest Du Deinen länglichen, gestreiften Körper in eine vergängliche Puppe um, die einer Schmuckschatulle ähnelt.

In zehn weiteren, scheinbar ereignislosen Tagen verwandelst Du Dich in ein wunderbares, beschwingtes Wesen. Indem Du Deine Körperflüssigkeit in Deine Flügel pumpst, erhärtest Du sie, und danach hebst Du ab und fliegst.

Noch zweimal wiederholen sich diese Entwicklungsschritte entlang einer nördlichen Route, bis die vierte Generation wieder an dem Ort ankommt, wo die Reise letztes Jahr startete. Dieser 4 mal 4 Zyklus der Monarchen, mit vier jährlichen Generationen, von denen jede vier Stadien der Metamorphose durchläuft, ist kompliziert und verblüffend. Er wird ermöglicht, weil die vierte Generation erstaunliche 6 bis 8 Monate überlebt, verglichen mit 2 bis 6 Wochen der ersten drei. Dies befähigt sie, die Odyssee in die Winterheimat zu bewältigen, und sie im nächsten Frühling wieder in umgekehrter Richtung zu beginnen.

Jedes Stadium dieses Kreislaufs hängt von der Balance unzähliger Faktoren ab. Traurigerweise tragen globale Umweltverschmutzung, Entwaldung in Mexiko und ein Mangel an Verpflegung entlang der Flugroute zum Sturz des Schmetterlingsbestandes bei. Die Raupen fressen nur Seidenpflanzen, aber an vielen Orten herrscht ein eklatanter Mangel dieses Lebenselixiers, weil es Opfer der persönlichen und industriellen Anwendung von Herbiziden geworden ist. Nahrungspflanzen wurden genetisch modifiziert, so daß sie gegen die Unkrautvernichtungsmittel resistent sind, doch für die Seidenpflanzen ist das nicht der Fall, was zu ihrer Ausmerzung auf immensen landwirtschaftlich genutzten Flächen führt. Für vertieftes Lesen über das gegenwärtige Dilemma der Monarchen, ihren schwindenden Lebensraum, ihre abnehmenden Nahrungsquellen und Zahlen empfehle ich den Bericht Monarchs in Peril (Die gefährdeten Monarchen) sowie den im Jahre 2012 veröffentlichten Roman Barbara Kingsolvers, Flight Behavior (Flugverhalten).

Anstatt an unserer Machtlosigkeit zu verzweifeln, das große Ganze zu beeinflussen, kann jeder von uns eine positive Rolle in diesem Drama spielen. Was Seiden„(un)kraut“ angeht, existieren weltweit mehr als 2000 Arten, und mindestens sechs davon treten in Colorado auf. Die Gewöhnliche Seidenpflanze (Asclepias syriaca) ist entlang des Vorgebirges der Rockies die verbreitetste, doch auch die Knollige Seidenpflanze (Asclepias tuberosa) ist häufig zu sehen. Beide sind farbenfroh, prächtig und atemberaubend. Fountain Creek Nature Center hat ein Feld voll Gewöhnlicher Seidenpflanzen, und wer sie je im Sommer hat blühen sehen, weiß daß sie alles andere als gewöhnlich sind.

Die Mitarbeiter des Naturzentrums bieten seit Jahren Einblicke in die Transformation der Monarchen in einem eigens dafür hergestellten Schaukasten. Als Teilnehmer des Programs Monarch Watch, das den jährlichen Zug überwacht, befestigen sie an den ausgeschlüpften Schmetterlingen leichte Aufkleber, die ihren Flug nicht beeinträchtigen.

Außerdem ermutigen sie uns Gärtner seit Jahren, dieses sogenannte „Unkraut“ in unseren Gärten willkommen zu heißen, wo es unsere Aussicht verschönert, und hoffentlich einen vorbeifliegenden Monarchen zum Ausruhen einlädt, oder sogar dazu, einen neuen Lebenszyklus zu beginnen, was unsere kleine Geste in einen großen Schritt in die richtige Richtung verzaubern würde.

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Ein glücklicher Zufall

Sowohl schreibend als auch leibhaftig zieht es mich immer wieder in den Garden of the Gods in Colorado Springs. Über den wunderbaren Namen dieses wunderbaren Ortes gibt es eine amüsante Anekdote. Angeblich sollen zwei der frühen Gründer und Siedler von Old Colorado City, Melancthon S. Beach und Rufus E. Cable, die Gegend in den 1850er Jahren begutachtet haben. Als Herr Beach vorschlug, einen Biergarten in ihr zu öffnen, erwiderte Herr Cable empört:„ Von wegen Biergarten. Dieser Ort ist der Götter würdig.“ Ob Dichtung oder Wahrheit, der Name ist passend. Doch glücklicherweise ist der Park auch Sterblichen zugängig, und ich Sterbliche mache dort jedes Mal aufregende, zeitweise sehr unvorhergesehene Entdeckungen.

Vergangene Woche war der „Garden “ Ziel meines wöchentlichen Vogelclubausflugs, denn er lockt auch gefiederte Wesen an. Wir sahen 20 verschiedene Arten, darunter ein Paar sich begattender Präriefalken. Am darauffolgenden Tag kehrte ich alleine zurück, um nach einem Sägekauz Ausschau zu halten, den jemand erspäht hatte. Nur zwei Tage vorher hatte die Sommerzeit begonnen, und ich kam um 7 Uhr menschlicher Zeit an, das heißt 6 Uhr Eulenzeit. Das erschien mir früh genug, war aber für Eulenverhältnisse wohl etwas zu spät, da ich den Kauz weder sah noch hörte.

Wie so oft der Fall, wenn ein Plan vereitelt wird, ersetzt ihn ein alternativer, der mindestens genauso gut ist, wenn nicht besser. So erlebte ich nicht nur den Monduntergang hinter Pikes Peak, sondern einen fast simultanen Sonnenaufgang, der Berge, Felsen und Vegetation in ein rosa- und orangefarbenes Licht tauchte. Außerdem wurden diese himmlischen Vorgänge von einem irdischen Konzert begleitet. Unter den vielen Musikern spielten Rotkehlchen, Grundammern, Buschhäher und Hausfinken die führenden Rollen.

Amerikanisches Rotkehlchen, das sich an Wacholderbeeren ergötzt

Grundammer in ihrem geliebten Laubstreu

Buschhäher

Ihr Gesang wurde von ihrem Werbeverhalten und Nestbau sowie von den akrobatischen Leistungen einiger Weißbrustsegler ergänzt, die erst eine Woche zuvor wieder aus dem Süden zu ihrem Sommerstandort (bzw. –flugort) zurückgekehrt waren. Die Temperatur war mit 10 Grad Celsius etwa genauso viele Grade wärmer als am Vortag, was nicht nur mich belebte, sondern auch eine Vielzahl von kleineren Vögeln, wie Meisen und Winterammern. Ich fühlte mich bestens unterhalten, und anderthalb Stunden vergingen im Nu. Als ich mich auf den Rückweg zum Auto machte, fiel mein Blick auf zwei weitere Besucher, die mich zweimal hinschauen ließen.

Das Paar erfreute sich offensichtlich eines hyperaktiven Schluchtzaunkönigs, der sie mit seinen Gesang- und Kletterleistungen in Bann hielt.

Schluchtzaunkönig

Ihre um den Hals getragenen Ferngläser und eine Kamera mit superlangem Objektiv (ich war zugegebenerweise etwas neidisch) gab sie als geistesverwandte Vogelliebhaber preis. Ich erkannte die Frau von einem Bild, das ich nur einen Tag zuvor auf ihrem Blog gesehen hatte. Es war erst mein zweiter oder dritter Besuch ihrer Webseite, in Folge eines Kommentars, den sie auf meiner hinterlassen hatte. Mein Post „Ausgeamselt“ sprach sie an, da auch sie und ihr Mann im Elevenmile Canyon auf der Suche nach selbigen Wasseramseln gewesen waren. Von ihrem Blog wußte ich auch, daß sie, von Texas aus, eine Woche lang Colorado erforschten. Wir hatten uns nie getroffen, aber als ich mich ihr näherte und sie mit den Worten: „Bist Du Shannon?“ ansprach, erwiderte sie: „Du mußt Tanja sein“. Obwohl ihre Reiseroute ganz unterschiedliche Ziele in Colorado beinhaltete, begegneten wir uns an genau dieser Stelle. Wie hoch (bzw. niedrig) ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Treffens?

Central Garden

Nachdem wir ungläubig unsere Köpfe schüttelten, plauderten wir, und bewunderten gemeinsam Vögel und Landschaft. Leider klappte es während dieser Reise nicht mit einer weiteren Zusammenkunft. Shannon und Scott, es war mir ein Riesenvergnügen, Euch kennenzulernen. Ich wünsche Euch weiterhin viel Spaß mit der Vogelsuche und hoffe, daß sich unsere Flugrouten mal wieder überschneiden.

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Ein erhabener Ort

Wenn es nicht Visionäre wie Wyman E. Mueller und seine Gattin Eleanor gäbe, hätte Colorado nur 41, statt 42 landesweite Parks. Dank ihrer Voraussicht und ihrem Interesse an Naturschutz, kamen die ungefähr 12.103 Morgen ihrer Mueller Ranch, die sich aus peu à peu von den Vorbesitzern erworbenen Grundstücksparzellen zusammensetzte, in den späten 70er Jahren unter die Schirmherrschaft der Umweltorganisation Nature Conservancy. Etwas mehr als die Hälfte, nämlich 6.982 Morgen, wurden an die Colorado Division of Wildlife verkauft, die sie unter dem Namen Dome Rock Wildlife Area betreibt, wo Jagen saisonal erlaubt ist. Die restlichen 5.121 Morgen wurden 1991 als Mueller State Park eröffnet.

Besucherzentrum

Das seit 1997 bestehende Besucherzentrum beherbergt informative Ausstellungen über die naturkundliche und Siedlungsgeschichte des Gebietes. Nachdem es die Ute Indianer über Jahrhunderte hinweg in den Sommermonaten nutzten, lockte es im 19. Jahrhundert Trapper, Rancher und Farmer an, und auch Gold und Bauholz wurden ihm entlockt. Auf seinen Wiesen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts sogenannter Pikes Peak Kopfsalat angebaut, der das ferne Chicago und New York per Güterzug erreichte, mit aus hiesigen Tümpeln geschlagenen Eisblöcken zur Kühlung. Zwölf Gebäude, in unterschiedlichen Stadien des Verfalls, liegen noch immer im jetzigen Park verstreut und beflügeln unsere Fantasie.

Ehemalige Cheesman Ranch

Von Colorado Springs aus erreicht man das Naturgebiet im Kreis Teller (Teller County) in etwa einer Autostunde. Es schmiegt sich an die Westfassade von Pikes Peak, zwischen den Städtchen Divide und Cripple Creek, entlang der Landstraße 67. Auf einer Höhe von fast 3.000 Metern gelegen, bietet es ein Panorama der Sangre de Cristo und der Sawatch Berge im Westen Colorados.

Sicht auf die westliche Bergkette vom Aussichtspunkt auf Grouse Mountain

Im Laufe der Zeit haben wir sein variables und umfangreiches Areal mittels Wanderwegen, die sich auf mindestens 80 Kilometer beziffern, entweder zu Fuß, oder mit Schneeschuhen, erkundet. Außerdem verbrachten wir vor einigen Jahren 2 kühle Herbstnächte auf einem Zelten vorbehaltenen Campingplatz. Der Ort ist auch unter Wohnmobilreisenden sehr beliebt und bietet 132 Standplätze mit Stromanschluß. Auch eine dritte Art der Unterkunft wird geboten, aber bis vor kurzem hatten wir nur neugierige Blicke auf die drei Hütten des Parks geworfen. Da wir praktische Geschenke mögen, präsentierte ich meinem Mann zu Weihnachten zwei Übernachtungen in der kleinsten Hütte, genannt Pine Cabin, und war mir dabei voll bewußt, daß es sich um keine selbstlose Gabe handelte.

Pine Cabin

Ich machte die Reservierung bereits Ende November, und erhielt eine Zahlenkombination für die Haustür. Als wir sie Monate später eingaben, waren wir erleichtert, daß sich Sesam öffnete und wir inspizierten das Innere der Blockhütte mit Wohlwollen. Küche und Eßzimmer waren mit allen Gerätschaften und Utensilien ausgestattet, das kleine Wohnzimmer mit Gasofen, das Bad mit Textilien, und die zwei Schlafzimmer mit gemachten Betten. Ungeachtet der hohen Belegung war alles picobello.

Küche mit Eßtisch

Da der März oft Niederschläge mit sich bringt, erhoffte ich mir eine Schneedecke, doch unser Winter war bisher sehr mild, und so stapften wir in Wander-, statt in Schneeschuhen umher. Das Wetter war sonnig, klar und windig, und die Temperaturen schwankten zwischen 1 und 12 Grad Celsius.

Elk Meadow mit Sicht auf die Hinterwand von Pikes Peak

Der Park ist berühmt für seine Tierwelt, besonders für die Brunft der Wapitihirsche im Herbst, aber wir trafen nur auf einige Großohrhirsche, Raben, Krähen, Bussarde, Meisen, ein einziges Rotkehlchen und Kiefernhäher sowie zwei hungrige Meisenhäher (die fürs Betteln bekannt sind), was wahrscheinlich in dieser Übergangsperiode nicht anders zu erwarten war.

Ruhender Großohrhirsch

Meisenhäher

Wir begnügten uns mit zwei- bis dreistündigen Wanderungen und verbrachten die restliche Tageszeit mit Lesen, Schreiben und Entspannen vor dem warmen Kamin.

Wir sind der Mueller Familie dankbar, daß sie dieses Stück Erde mit einem relativ intakten Ökosystem erhalten hat. Es bietet Zuflucht von dem geschäftigen Treiben der ständig zunehmenden Bevölkerung Colorados. Wir freuen uns darauf, diese erhabene Gegend auch in ihren und unseren zukünftigen Jahreszeiten zu erleben.

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Ausgeamselt

An diesem späten Dezembertag sehe ich die winterliche Pracht des Elevenmile Canyon zum ersten Mal. Bisher kenne die Schlucht nur in ihrem Sommergewand, doch heute nehme ich an einer Exkursion der Aiken Audubon Gesellschaft von Colorado Springs teil, um die dortige Vogelwelt zu erkunden und zu photographieren. Nur drei Leute haben sich angemeldet, aber wir profitieren davon, die Gruppenführerin ganz für uns zu haben, und sogar von ihr in ihrem eigenen Auto chauffiert zu werden, das sie Mountain Bluebird getauft hat. Es legt die 66 Kilometer lange Strecke auf der Landstraße 24 in etwa einer Stunde zurück. In Woodland Park, die ihrem Ruf als „Stadt über den Wolken“ gerecht wird, tauchen wir aus dem um Colorado Springs gelegenen Dunstschleier auf. Weiter westlich biegen wir in Lake George auf die Bezirksstraße 96 ab, und erreichen um 9 Uhr den Eingang zu Elevenmile Canyon, wo wir 6 Dollar Eintrittsgebühr zahlen. Das US Forstamt verwaltet dieses Gebiet, das unter Anglern das ganze Jahr über beliebt ist, und wo die drei vorhandenen Campingplätze im Sommer meist voll belegt sind.

Die Schotterstraße folgt dem Verlauf des South Platte Flusses und endet nach ungefähr 11 Meilen an dem im Jahre 1932 fertiggestellten Staudamm, hinter dem sich das Elevenmile Reservoir befindet. Ursprünglich wurde die Trasse für die Colorado Midland Eisenbahnlinie, die erste Normalspurbahn des Staates angelegt, die Silberfunde in Leadville im Visier hatte. Zwei Schmalspurbahnen erreichten bereits diese, einen Boom erlebende Bergwerkstadt, unter ihnen auch General Palmers Denver & Rio Grande, aber nur auf sehr verzweigten Wegen. Der Hauptantrieb der Midland war der Unternehmer John J. Hagerman, der wie viele Schwindsüchtige des Klimas wegen in den Westen kam. Seine Eisenbahnlinie nahm 1886 in Colorado Springs ihren Ursprung, quälte sich den steilen Ute Pass hoch und erreichte im folgenden Jahr die damals als Granitschlucht (Granite Canyon) bekannte Strecke.

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Am Morgen unseres Besuches fahren wir durch drei der ursprünglichen Eisenbahntunnel, die uns an diese frühen Kapitel dieser Schlucht erinnern, die jetzt Elevenmile Canyon heißt. Die Temperatur steigt von minus 12 bis auf plus 6 Grad Celsius, und mit zunehmender Wärme nimmt auch unsere Zeit außerhalb des Fahrzeugs zu. Unsere Führerin, die diese Tour bereits des Öfteren geleitet hat, war in der Vergangenheit bis zu minus 30 Grad ausgesetzt und findet uns etwas verweichlicht. Aber selbst sie räkelt sich genußvoll an den sonnendurchfluteten Stellen, wo es sich gegen Ende des Morgens geradezu linde anfühlt. Sonne und blauer Himmel sind jederzeit eine geniale Kombination, und Schnee macht sie noch genialer. Eiskristalle glitzern auf Granitfelsen und Grund, Eiskreationen strahlen auf Strom und Sträuchern.

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Inmitten dieser unbeseelten Wunder erinnern uns farbenfreudige und funkelnde Flügel an die Präsenz von Vögeln. Die Gegend ist sowohl für Weißkopfseeadler als auch für Steinadler bekannt, und glücklicherweise sehen wir beide. Der erstere läßt sich aus der Nähe bewundern, doch der letztere kreist so hoch am Himmel, daß wir ihn zwar identifizieren, nicht aber gut photographieren können.

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Im fließenden Wasser tummeln sich Kanadagänse, Stock- und Schellenten. Unerwarteterweise treffen wir auf einen Pazifikpieper. Kolkraben und Krähen krächzen, und das zufriedene Zwitschern von Meisen und Kleibern dringt aus den Bäumen.

Unsere beliebtesten Objekte sind allerdings die hier überwinternden Wasseramseln. Sie lassen sich hinter jeder Flußbiegung sehen, und wir zählen mindestens 20. Was ihnen an Farbe fehlt, machen sie durch auffälliges Verhalten wett. Sie tauchen, schwimmen und laufen sogar unter Wasser, um sich von delikaten Wasserinsekten zu ernähren. Wenn sie nicht gerade untergetaucht sind, wippen sie ständig auf und ab.

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Sie sind territoriale Einzelgänger, die ihr wäßriger Revier vor ihren Nachbarn schützen. Zum ersten Mal höre ich deren lieblichen Gesang, der den Lauten ihres Lebenselements nicht unähnlich ist. Es mangelt uns nicht an Photogelegenheiten und wir knipsen Dutzende, wenn nicht Hunderte, im Laufe des Morgens. Doch selbst Vogelbeobachter, die viel Geduld mit sich bringen, ermüden irgendwann. Nach drei wunderschönen Stunden erklären wir uns „ausgeamselt“ und lassen Elevenmile Canyon in seinem prächtigen Wintergewand hinter uns, wenigstens einstweilen.

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Eine natürliche Oase

     Neulich besprach ich in meinem Blog, wie weit verbreitet Burgen in Deutschland sind. Neben diesen eher massiven mittelalterlichen Bauten existieren zahlreiche delikatere und modernere Schlösser, welche an die noch relativ kürzliche Unterteilung des Landes in unzählige Fürstentümer erinnern, denn jedes paradierte seinen Status mit seinem eigenen Herrenhaus. Ein solcher Palast ziert auch Herrnsheim, einen eingemeindeten Stadtteil von Worms.

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Die heutige Inkarnation des Gebäudes entstand aus Vorläufern des späten Mittelalters und Barocks. Im frühen 19. Jahrhundert wurde es im beliebten Empirestil errichtet, benannt nach Kaiser Napoleon. Es ist von einem bereits im 18. Jahrhundert angelegten und bis heute erhaltenen englischen Landschaftsgarten umgeben.

     Da Herrnsheim einst Heimat meiner besten Freundin war und nahe unserer gemeinsamen Schule lag, besuchte ich diesen Flecken über die Jahre hinweg. Er gewann noch höhere Bedeutung, seit mein zukünftiger Mann und ich frischverliebt und nervös dort umherwanderten, um uns auf sein erstes Treffen mit meinen Eltern vorzubereiten. Aus all diesen sentimentalen Gründen fühle ich mich unwiderstehlich dahin gezogen, wann immer ich mich in seiner Nähe befinde. Auch letztes Jahr war das der Fall, als ich bei einigen Besuchen seine zeitlose Schönheit durch die herrliche Herbstkleidung noch übertroffen sah.

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     Das Hauptgebäude kann an einem Tag im Monat oder mit Sonderführung besichtigt werden, und in der einstigen Orangerie ist heute ein Café untergebracht. Ich verzichtete auf beide, da die Hauptattraktion im natürlichen Umland lag.

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Ein Schotterweg führte mich an Rasenflächen vorbei, die von Baumgruppen ergänzt wurden, hin zu einem See mit einer zentralen Insel unter einem Baldachin von Herbstblättern. Obwohl eine Gartenlaube, Brücke und Ansammlung von Plastiken eindeutig von Menschenhand geschaffen und plaziert wurden, war die Harmonie zwischen menschgemachten und scheinbar naturgemachten Strukturen sehr reizvoll.

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Ich erinnere mich nicht, wann ich zum ersten Mal die faszinierende Statue am Rande der Insel inmitten des Weihers erblickte, die in meinen Augen eine afrikanische Frau repräsentiert, doch ich habe ihr bei mancher Gelegenheit gegenüber gesessen, und über sie sinniert.

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Der alte Baumbestand und das Gewässer haben schon seit jeher eine Vielzahl von Getier angelockt, unter ihnen Wasser- und Raubvögel. Alle erwecken den Anschein eines natürlichen Winkels, trotz kleiner Merkzettel, die darauf hinweisen, daß sogar die freie Natur organisiert werden muß.

Nur in Deutschland: Vogelhäuser organisiert nach Nummern :=)

Nur in Deutschland: Vogelhäuser mit Hausnummern :=)

     In typischer Herbstmanier war das Wetter veränderlich und schwankte zwischen Sonne, Wolken und Regenschauern. Ich öffnete und schloß meinen Regenschirm mehrfach, der zufällig die Farbe der Blätter teilte.

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In einem unvergeßlichen Moment berieselte mich ein Laubregen, von einem heftigen Windstoß hervorgerufen. Nur wenige andere Spaziergänger waren unterwegs, und obwohl der Park nicht groß ist, und ich den Motorenlärm der benachbarten Landstraße hören konnte, hatte ich das Gefühl, weit von den Menschenmengen entfernt zu sein. Ich suche oft die Abgeschiedenheit und selbst kleine Oasen der Natur haben die Macht, mir ein Gefühl des inneren Gleichgewicht und der Zugehörigkeit zu vermitteln. Auch dieses bunte Kleinod in der alten Welt stellt darin keine Besonderheit dar, obwohl es besonders ist.

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