Ausgeamselt

An diesem späten Dezembertag sehe ich die winterliche Pracht des Elevenmile Canyon zum ersten Mal. Bisher kenne die Schlucht nur in ihrem Sommergewand, doch heute nehme ich an einer Exkursion der Aiken Audubon Gesellschaft von Colorado Springs teil, um die dortige Vogelwelt zu erkunden und zu photographieren. Nur drei Leute haben sich angemeldet, aber wir profitieren davon, die Gruppenführerin ganz für uns zu haben, und sogar von ihr in ihrem eigenen Auto chauffiert zu werden, das sie Mountain Bluebird getauft hat. Es legt die 66 Kilometer lange Strecke auf der Landstraße 24 in etwa einer Stunde zurück. In Woodland Park, die ihrem Ruf als „Stadt über den Wolken“ gerecht wird, tauchen wir aus dem um Colorado Springs gelegenen Dunstschleier auf. Weiter westlich biegen wir in Lake George auf die Bezirksstraße 96 ab, und erreichen um 9 Uhr den Eingang zu Elevenmile Canyon, wo wir 6 Dollar Eintrittsgebühr zahlen. Das US Forstamt verwaltet dieses Gebiet, das unter Anglern das ganze Jahr über beliebt ist, und wo die drei vorhandenen Campingplätze im Sommer meist voll belegt sind.

Die Schotterstraße folgt dem Verlauf des South Platte Flusses und endet nach ungefähr 11 Meilen an dem im Jahre 1932 fertiggestellten Staudamm, hinter dem sich das Elevenmile Reservoir befindet. Ursprünglich wurde die Trasse für die Colorado Midland Eisenbahnlinie, die erste Normalspurbahn des Staates angelegt, die Silberfunde in Leadville im Visier hatte. Zwei Schmalspurbahnen erreichten bereits diese, einen Boom erlebende Bergwerkstadt, unter ihnen auch General Palmers Denver & Rio Grande, aber nur auf sehr verzweigten Wegen. Der Hauptantrieb der Midland war der Unternehmer John J. Hagerman, der wie viele Schwindsüchtige des Klimas wegen in den Westen kam. Seine Eisenbahnlinie nahm 1886 in Colorado Springs ihren Ursprung, quälte sich den steilen Ute Pass hoch und erreichte im folgenden Jahr die damals als Granitschlucht (Granite Canyon) bekannte Strecke.

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Am Morgen unseres Besuches fahren wir durch drei der ursprünglichen Eisenbahntunnel, die uns an diese frühen Kapitel dieser Schlucht erinnern, die jetzt Elevenmile Canyon heißt. Die Temperatur steigt von minus 12 bis auf plus 6 Grad Celsius, und mit zunehmender Wärme nimmt auch unsere Zeit außerhalb des Fahrzeugs zu. Unsere Führerin, die diese Tour bereits des Öfteren geleitet hat, war in der Vergangenheit bis zu minus 30 Grad ausgesetzt und findet uns etwas verweichlicht. Aber selbst sie räkelt sich genußvoll an den sonnendurchfluteten Stellen, wo es sich gegen Ende des Morgens geradezu linde anfühlt. Sonne und blauer Himmel sind jederzeit eine geniale Kombination, und Schnee macht sie noch genialer. Eiskristalle glitzern auf Granitfelsen und Grund, Eiskreationen strahlen auf Strom und Sträuchern.

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Inmitten dieser unbeseelten Wunder erinnern uns farbenfreudige und funkelnde Flügel an die Präsenz von Vögeln. Die Gegend ist sowohl für Weißkopfseeadler als auch für Steinadler bekannt, und glücklicherweise sehen wir beide. Der erstere läßt sich aus der Nähe bewundern, doch der letztere kreist so hoch am Himmel, daß wir ihn zwar identifizieren, nicht aber gut photographieren können.

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Im fließenden Wasser tummeln sich Kanadagänse, Stock- und Schellenten. Unerwarteterweise treffen wir auf einen Pazifikpieper. Kolkraben und Krähen krächzen, und das zufriedene Zwitschern von Meisen und Kleibern dringt aus den Bäumen.

Unsere beliebtesten Objekte sind allerdings die hier überwinternden Wasseramseln. Sie lassen sich hinter jeder Flußbiegung sehen, und wir zählen mindestens 20. Was ihnen an Farbe fehlt, machen sie durch auffälliges Verhalten wett. Sie tauchen, schwimmen und laufen sogar unter Wasser, um sich von delikaten Wasserinsekten zu ernähren. Wenn sie nicht gerade untergetaucht sind, wippen sie ständig auf und ab.

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Sie sind territoriale Einzelgänger, die ihr wäßriger Revier vor ihren Nachbarn schützen. Zum ersten Mal höre ich deren lieblichen Gesang, der den Lauten ihres Lebenselements nicht unähnlich ist. Es mangelt uns nicht an Photogelegenheiten und wir knipsen Dutzende, wenn nicht Hunderte, im Laufe des Morgens. Doch selbst Vogelbeobachter, die viel Geduld mit sich bringen, ermüden irgendwann. Nach drei wunderschönen Stunden erklären wir uns „ausgeamselt“ und lassen Elevenmile Canyon in seinem prächtigen Wintergewand hinter uns, wenigstens einstweilen.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/03/09/dippered-out/

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