Ein Besuch im Catherland

Willa Cather (1873-1947), eine meiner Lieblinge unter Amerikas Schriftstellergrößen, verbrachte ihre einflußreichen Kinder- und Jugendjahre von 9 bis 16 in Red Cloud, im südlichen Teil Nebraskas. Die Szenerie der Great Plains brannte sich in ihre Psyche und spiegelte sich in ihrem Schreiben wider. Obwohl sie am besten für ihre sogenannte Prärientrilogie bekannt wurde, die sich aus O Pioneers! (O Pioneers!, 1913), The Song of the Lark (Das Lied der Lerche, 1915) und My Ántonia (Meine Antonia, 1918) zusammensetzt, spielen viele ihrer zwölf Romane vor diesem Hintergrund. Im frühen 20. Jahrhundert war das Schicksal der Pioniere des amerikanischen Westens als literarisches Material geringgeschätzt, doch brach Willa Cather mit der Tradition und wurde selbst zur Pionierin, bezüglich der Thematik, der zentralen Rolle der Frau in ihrem Umfeld sowie ihrer Prosa, die die Landschaft zum Leben erweckt.

Obwohl Indianer in der anspruchsvollen Umwelt des Graslandes nicht nur überlebten, sondern sogar gediehen, stellten die Bedingungen eine Herausforderung für die Siedler dar, die den Westen des Landes nach dem amerikanischen Bürgerkrieg erobern wollten. Verglichen mit den landwirtschaftlichen Gebieten der Oststaaten und Europas, schien das Land sehr karg. Viele Ankömmlinge teilten den Eindruck derjenigen, die es im Zuge des Louisiana Purchase von 1803 erkundet, und als große amerikanische Wüste bezeichnet hatten.

Auch für Willa war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Als sie 1883 von ihrem Geburtsstaat Virginia nach Nebraska kam, fiel ihr die Umstellung vom üppigen Grün auf die wasserarme Umgebung nicht leicht. Später erinnerte sie sich: „Dieses Land bestand hauptsächlich aus wildem Weideland, das so nackt war wie mein Handrücken. Ich war einsam und hatte Heimweh, und meine Mutter hatte Heimweh, doch niemand achtete auf uns. Also haben das Land und ich es zusammen ausgefochten, und gegen Ende des ersten Herbstes hatte mich das zottige Grasland mit einer Leidenschaft erfaßt, die mich nie wieder losließ.“ Ihre letztendliche Zuneigung zur nativen Flora ist in einem Zitat aus einem Interview im Jahre 1921 verkörpert: „Es gibt ein Buch, das ich lieber geschrieben hätte als alle meine Romane, und das ist Clements Botany, das von den Wildblumen des Westens handelt.“ Auch wenn Willa die raue Schönheit und das verworrene Geflecht von Wildblumen und –gräsern besingt, bewundert sie gleichzeitig die Kulturfähigkeit der Erde und beschreibt deren Großzügigkeit und Willigkeit, sich dem Pflug zu unterwerfen und eine Ernte zu erbringen, vorausgesetzt sie wird mit Verstand und Respekt behandelt.

Die Lektüre mehrerer Bücher Willa Cathers sowie meine Faszination mit der Prärie, die auch weite Teile Colorados bedeckt, entfachten in mir den Wunsch, Red Cloud kennenzulernen, und ich erfüllte ihn mir im Oktober 2015, als ich mich auf eine literarische Pilgerfahrt dorthin begab. Dank der Willa Cather Stiftung ist es möglich, Originalplätze und –gebäude zu besichtigen, die im Leben der Autorin wichtig waren, und die sie nebst Zeitgenossen in ihren Erzählungen unsterblich machte.

Haus der Familie Cather während Willas Kindheit

Willas unbeheiztes Zimmer auf dem Dachboden

Späteres Heim der Cather Familie. Willa schrieb in einem der Schlafzimmer im ersten Stockwerk wann immer sie zu Besuch kam.

Da die Natur eine so wichtige Rolle in Willa Cathers Werk einnimmt, berührte mich die nach ihr benannte Prärie (Willa Cather Memorial Prairie) zutiefst. Diese etwa 248 Hektar große Fläche, die einst von Überweidung und Unkrautvernichtungsmitteleinsatz geprägt war, hatte trotzdem nie einen Pflug gesehen. In den 70er Jahren wurde sie von der Umweltorganisation Nature Conservancy erworben und danach der Willa Cather Stiftung übergeben. Nur einige Meilen südlich von Red Cloud gelegen, verkörpert sie die erfolgreiche Regeneration einer Parzelle ursprünglichen Graslandes. Es ist ermutigend, daß ein Biotop in seinen Originalzustand zurückkehren kann, wenn auch nur mit erheblichen Mühen. Es bedurfte und bedarf vieler Hände, um eingeführte Pflanzen zu entfernen, und einheimische Vegetation wieder zu etablieren. Periodisches Grasen durch Rinder simuliert die zyklischen Besuche der amerikanischen Bisons, die einst weite Teile des Kontinents durchstreiften.

Willa Cather Memorial Prärie

Wie die Pioniere, die einst Willa Cathers Universum besiedelten, wird auch der gegenwärtige Betrachter von malerischen Hügeln begrüßt, deren farbiges Gewand in Nebraskas schonungsloser Brise flattert. Ich bin mir sicher, daß sie diese natürliche Oase mit offenen Armen begrüßen würde. Wir Verehrer(innen) wünschen uns nicht nur, daß ihre Geschichten und Charaktere weiterleben, sondern auch die Landschaft, in der sie geboren wurden.

Click here for the English version/klicken Sie bitte hier für die englische Version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/04/20/a-visit-to-catherland/

Advertisements

4 Gedanken zu “Ein Besuch im Catherland

  1. Re: [Neuer Beitrag] Ein Besuch im Catherland

    Hallo Tanja, diesen Kommentar hat das System heute nicht akzeptieren wollen: „Beeindruckend, auch wenn ich primär ein „Waldmensch“ bin! Kann es sein, dass hier „etwa 2500 Quadratmeter große Fläche“ ein „Kilo“ fehlt? Herzlich grüßt aus dem Norddeutschen Tiefland Ludwig“

    Herzlich grüßt Ludwig

    Dr. Ludwig Tent, Wedel

    [Mein Blog, gelegentlich kleine Neuigkeiten]         http://osmerus.wordpress.com [Gewässerschutz für Bäche und kleine Flüsse]         http://www.salmonidenfreund.de

    Thursday, Apr

    Gefällt 1 Person

    • Danke für Dein Interesse, Ludwig, und für den Kommentar. Natürlich kann das sein, denn ich hatte schon immer mit Flächenmaßen Schwierigkeiten. Ich habe in früheren Posts die amerikanischen Acres in deutsche Morgen übersetzt, dachte aber, daß es leichter wäre, sich Quadratmeter vorzustellen. Aber wer kann sich 2,5 Millionen Quadratmeter vorstellen? Ich jedenfalls nicht! Wie wäre es denn mit Hektar? Das entspräche etwa 248. Danke für die (nötige) Hilfe! Meine Mathelehrer (und mein Papa) wären so enttäuscht mit mir. :=)

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s