Eine Welt in Pastell

Die größte Herausforderung des Tages ist es, Colorado Springs hinter uns zu bringen. Um sieben Uhr morgens ist der Verkehr bereits unerträglich. Glücklicherweise übertönen die lieblichen Noten eines Wiesenstärlings den Motorenlärm und verbessern unsere Laune unverzüglich. Dies ist ein ikonischer Vogel der Prärie, die uns umgibt, sobald wir uns auf der Landstraße 24 befinden. Im zweiten Jahr in Folge fahren mein Mann und ich anläßlich meines Geburtstags Mitte April etwa 64 Kilometer zu unserem Ziel in der Nähe des Städtchens Calhan. Dieses Jahr begleitet uns unsere Freundin Susanne, die uns einen Schnellbesuch aus Deutschland abstattet. In den östlichen Gefilden unseres Landkreises El Paso begrüßt uns die fantastische Landschaft der Paint Mines inmitten der rollenden Hügel von Colorados Hochebene (High Plains). Der Zahn der Zeit hat Kegel, Türme und weitere fantasiereiche Formen aus dem Lehm genagt, der Hauptbestandteil der Grube ist. Seine Töne reichen von einem blendenden Weiß über ocker zu rosa, variieren aber, je nach Lichtverhältnissen, ständig.

Pyramidenartige Formationen

Unser Gast vor den Paint Mines. Wir haben uns über Deinen Besuch sehr gefreut, Susanne!

Die Flora ist noch in gedämpfte goldene und rötliche Winterkleidung gehüllt, die hie und da von ganzjährig grünen Palmlilien ergänzt wird, doch aufkeimende Wildblumen und grünende Gräser deuten auf Frühlingserwachen hin, trotz einiger Schneerelikte, die in schattigen Spalten überdauern.

Wanderwege beziffern sich auf sechs bis acht Kilometer und bieten ferne und nahe Blicke auf die Paint Mines. Nur unsere Phantasie begrenzt die wahrgenommenen Farben und Formen. Aus der Entfernung scheinen die Gebilde wie solide Felsen, doch aus der Nähe sind sie bröselig und lassen einen staubige Schicht auf unseren Fingern zurück. Die Gegend lockt schon seit mindestens 9000 Jahren Menschen an. Die indianischen Ureinwohner Amerikas jagten hier nach Beute und nach dem farbigen Lehm, den sie für Töpfereien, Zeremonien und weitere Zwecke benutzten. Im späten 19. Jahrhundert verwandelten europäische Siedler das natürliche Baumaterial in Backsteine.

Paint Mines mit Pikes Peak im Hintergrund

Wann immer ich an diesem Flecken weile, stelle ich mir den Wandel des Panoramas in den vergangenen Jahrtausenden vor. Pikes Peak überragt noch immer den westlichen Horizont wie seit Urzeiten, aber Straßen und Häuser sind relativ moderne Ergänzungen und der neuerdings gewachsene Wald aus Windturbinen in der Nähe der Paint Mines ist sehr kontrovers. Im besten Fall verändert er die Aussicht, im schlimmsten die Gesundheit der Anwohner oder sogar das Überleben der Vogelscharen.

Windbäume

An diesem Wochentag teilen wir den Ort mit nur wenig anderen Personen, aber wir erfreuen uns der pelzigen und gefiederten Fauna. Kaninchen und Hasen zerstieben zunächst, halten dann in sicherer Entfernung wieder an und beäugen uns. Ein Dreizehnstreifen-Hörnchen mit seinem frappanten Fell überrascht uns.

Eselhase

Dreizehnstreifen-Hörnchen, leider ohne Gesicht

Gabelhornantilopen und Rehe lassen sich sehen, aber Füchse und Kojoten halten sich bedeckt, ebenso wie Reptilien, besonders die klappernde Art, was uns erleichtert. Viele beschwingte Wesen haben hier ihr Zuhause, entweder teil-oder vollzeitig. Die Melodien von Felszaunkönigen durchschallen das Gewirr der Grube, Spottdrosseln beeindrucken mit ihrem abwechslungsreichen Repertoire, und das Flöten der Wiesenstärlinge entzückt noch immer.

Felsenzaunkönig

Das Gequake, Gezwitscher und Geschnatter um uns herum bestätigen, daß viele Kreaturen in dieser scheinbar dürftigen Umwelt gedeihen.

Eine von vielen skurrilen Formen

Eine der bekanntesten Formationen

Beim Verlassen tragen wir unauslöschliche Eindrücke der wunderlichen und dynamischen Formationen und ihrer Bewohner davon, und fühlen uns mit Besuchern über alle Epochen hinweg verbunden, die ähnlich wie wir von den Paint Mines verzaubert und gefesselt wurden.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/04/27/paint-mines/

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4 Gedanken zu “Eine Welt in Pastell

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