Der Report der Magd-einige Gedanken

Als ich im Februar 2017 The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd) las, war mir nicht bewußt, wie sehr dieser Roman der zeitgenössischen kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood (geboren 1939) einige Monate später in aller Munde sein würde. Wie es sich herausstellte, wurde er als Serie verfilmt, und Ende April gab es die Saisonpremiere auf dem amerikanischen Video on Demand Service Hulu. Da der Titel zur Zeit so heiß ist, beschloß ich, auch meinen Senf dazuzugeben. Es gibt übrigens auch eine deutsche Verfilmung von Volker Schlöndorff aus dem Jahre 1990, unter dem Titel Die Geschichte der Dienerin.

Das Buch stand lange Jahre auf meiner Leseliste und ich beschwichtigte endlich mein schlechtes literarisches Gewissen. The Handmaid’s Tale war das erste von mir gelesene Werk dieser Bestsellerautorin, die zu viele Buchpreise gewonnen hat, als daß ich sie aufzählen könnte, und die noch für viele mehr nominiert wurde. Ich bin kein Fan dystopischer Literatur, und seit 1984, Brave New World und Animal Farm am Gymnasium Pflichtlektüre waren, habe ich mich wenig mit diesem Genre befaßt. Obwohl ich nicht sagen kann, Margaret Atwoods Roman hätte mir gefallen, bin ich trotzdem froh, ihn gelesen zu haben.

Die Geschichte spielt in der Republik Gilead, einem futuristischen, theokratischen und totalitären Staat (mutmaßlich in den USA), wo die Unfruchtbarkeit vieler Frauen eine der Konsequenzen von Umweltzerstörung ist. Die herrschende Klasse hält sich „Mägde“, die alleinig dem Ziel der Fortpflanzung dienen. Diese werden einer Hirnwäsche unterzogen und sollen keine eigenen Gedanken oder Meinungen haben. Die „Heldin“, wenn sie diesen Titel verdient, ist Desfred. Dies bedeutet „des Fred“, basierend auf dem Namen des Mannes, dem sie unterwiesen ist, da sie kein Recht auf ihren eigenen hat. Ihr einziger Lebenszweck ist das Gebären gesunder Kinder für die sogenannten Eliten. Um die menschliche Geburtenmaschine zu optimieren, wird ihr Hormonhaushalt monatlich engstens überwacht. Wenn die Zeit reif ist, unterziehen sich die Mägde einer rituellen Säuberung, bevor sie in einer grotesken und entmenschlichenden Zeremonie ihren Vergewaltigern ausschließlich den notwendigen Körperteil entblößen.

Trotz aller Bemühungen des Systems, Unterwerfung und Konformität zu erzwingen, erinnert sich Desfred an ihr Leben vor der Machtergreifung. Während eines Fluchtversuches über die Grenze (mutmaßlich mit Kanada) wurde sie und ihre Familie gefaßt, ihr Ehemann höchstwahrscheinlich ermordet, und ihre Tochter von einer der führenden Familien entführt und adoptiert. Desfred träumt über eine Wiedervereinigung mit ihr, was sie motiviert, ihr Leben, falls ihre Existenz so bezeichnet werden kann, fortzusetzen, anstatt es durch Suizid zu beenden, was für viele ein Ausweg ist, trotz rigoroser Schritte der Machthaber, dies zu verhindern.

Desfreds Hoffnung wird beflügelt, als sie eine weitere Dienerin trifft, die auch nicht völlig assimiliert scheint, obwohl es unklar ist, ob sie eine Spionin ist. Dissidenten, die überführt werden, erwartet eine öffentliche horrende Hinrichtung, die in haarsträubendem Detail geschildert wird. Als Desfred von einem Lieferwagen abgeholt wird, was die typische Manier der Festnahme und des Abtransportes zu diesen Schauprozessen ist, wissen weder Desfred noch der Leser, ob die Geiselnehmer Freunde oder Feinde darstellen, und der Report gipfelt in diesem offenen Ende.

Obwohl ich es unmöglich fand, diese alptraumhafte, von Margaret Atwood geschaffene Realität zu „genießen“, genoß ich ihren meisterlichen Erzählstil. Die Übereinstimmung von Wortwahl und Erzähltempo mit Desfreds Innen- und Außenleben war bemerkenswert. Ihrem Überdruß wurde durch schleppende Phrasen, ihrer Panik durch knappe, staccatoartige Sätze Ausdruck verliehen. Trotz eines ständigen Widerwillens bei der Lektüre, fand ich das Buch fesselnd.

Die Angst vor einem totalitären Regime, einem Verlust der Frauenrechte und der Zerstörung der Umwelt ist heute ebenso relevant wie im Jahre 1985, als dieser Roman zuerst erschien. Ist es die Verantwortung der Literatur, aktuelle Themen aufzugreifen, und über sie aufzuklären, anstatt den Leser lediglich zu unterhalten? Zu prodesse aut delectare (nützen und erfreuen), in Horaz Worten, oder nur zu delectare? Was denkst Du?

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/05/18/the-handmaids-tale-a-book-review/

2 Gedanken zu “Der Report der Magd-einige Gedanken

  1. Hört sich wirklich interessant und grausam zugleich an. Nur das Ende ist komisch da die Hoffnung des Lesers auf eine Erlösung nicht ganz erfüllt wird.
    Ganz liebe Grüße aus Stuttgart😘
    Tamara

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Tamara. Ich kann mir vorstellen, dass Dir das Buch gefallen würde. Wenn ich mich recht erinnere, magst Du psychologische Thriller, und einige Aspekte dieses Buches können auch so gelesen werden.
      Ich hoffe es geht Euch allen gut.
      Herzliche Grüsse,
      Tanja

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