Operation Kaninchenrettung

     Kaninchenpopulationen durchlaufen einen zehnjährigen Zyklus, in dem sich ihre Zahlen auf und ab bewegen. Laut hiesigen Biologen erreichten sie vor zwei Jahren ihre Höchstwerte. Wir bekamen 2015 eine erste Ahnung davon, als Horden dieser „Bunnies“ den Garten in Beschlag nahmen, und bei Abend- und Morgendämmerung, von den Autoscheinwerfern aufgeschreckt, nach rechts und links davonstoben. Ein noch direkterer Beweis war die unerwartete Präsenz eines winzigen grauen Bällchens im Fensterschacht unseres Kellerschlafzimmers. Ein Rascheln erreichte unsere halbwachen Ohren durch das offene Fenster. Zu behaupten wir seien erstaunt gewesen, ein Kaninchen im Bau zu entdecken, ist eine Untertreibung. War es ein Traum, und würde Alice folgen?

     Wir wußten nicht, ob es anderthalb Meter tief gefallen, oder durch eine Sickeranlage gekrochen war (wenn dem so war, wollte es nicht auf selbem Wege entkommen), aber wir waren erleichtert, daß es keine offensichtlichen Verletzungen aufwies. Das samtige Baby saß einfach da, nasezuckend und ohrendrehend.

     Wie sollten wir diese klitzekleine Kreatur nur retten? Als wir das Schiebefenster öffneten und das Fliegengitter entfernten, verschwand das Baumwollschwänzchen im Wasserrohr, erschien aber nach einigen Minuten wieder. Es blieb in der Nähe dieses Notausgangs und machte davon Gebrauch, sobald wir versuchten, uns ihm zu nähern. Nach ungefähr einer Stunde hüpfte es endlich weit genug davon weg, daß wir das Loch bedecken, und das Tierchen mit einer Decke einfangen konnten. Wir trugen es nach draußen, wo es unter einen Wacholder huschte. Dort saß es dann lässig, als sei nichts passiert.

     Als im Mai vergangenen Jahres abermals nächtliche Geräusche aus dem Fensterschacht drangen, schauten wir uns ungläubig an. Wir warteten zwar bis Tagesanbruch, wiederholten aber ansonsten das gleiche Prozedere wie zuvor. Im Laufe des Sommers mußten wir auf dieses Ritual noch einige Male zurückgreifen, und setzten Kaninchen Nummer zwei, drei und vier erfolgreich auf freien Fuß. Wir vermuteten, daß sie sich ein Spiel ausgedacht hatten: Wer kann uns am längsten auf Trab halten?

     Wissenschaftlichen Vorhersagen zufolge sind die Kaninchenzahlen im Abnehmen begriffen, und wir erhofften uns ereignislose Sommermonate. Doch auch 2017 enttäuschte nicht und die wundersamen Geschöpfe haben den Trend fortgesetzt, unseren Schlummer zu unterbrechen. Nach fast drei Jahrzehnten in diesem Haus ohne Tierrettungen gab es sie nun drei Jahre in Folge. Anscheinend machen sie sich nichts aus Statistik.

     Nach Kaninchen Nummer fünf ist es höchste Zeit, Deckel für die Kellerschächte zu besorgen.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English Version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/06/01/operation-bunny-rescue

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4 Gedanken zu “Operation Kaninchenrettung

  1. Süßes kleines „Häschen in der Grube, saß und schlief… armes Häschen bist du krank, dass du nicht mehr hüpfen kannst“ (kennst du das noch? )
    Ja, holt eine Abdeckung, wer weiß, ob sie die Mama wieder finden nach ihrem unfreiwilligen Ausflug. Gut, dass ihr sie gefunden und gerettet habt 🙂

    Gefällt 1 Person

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