24 Stunden mit wilden Pferden

Pferdefleisch — das potentielle Schicksal wilder Mustangs? Als ich über dieses Szenarium in der Zeitung lese, erweckt es in mir den Wunsch, etwas Zeit mit ihnen zu verbringen. Dies wird erleichtert, weil ich Anfang Juni an einer Vogeltagung in Steamboat Springs, im Nordwesten Colorados, teilnehme. Nur etwa 110 Kilometer von diesem Juwel am Yampa Fluß entfernt lebt nämlich eine von insgesamt vier wilden Herden in unserem Bundesstaat. Seit einem kurzem Besuch vor einigen Jahren mit meinem Mann hege ich die Hoffnung, dorthin zurückzukehren.

Als ich das Sand Wash Becken in Moffat County erreiche, stelle ich mir die brennende Frage, ob ich wilde Rosse sehen werde, denn sie rangieren in freier Wildbahn und halten sich nicht immer nahe der Schotterstraße auf. Mit meinem Fernglas inspiziere ich meine Umgebung. Frische Pferdeäpfel entlang des Weges deuten auf ihre Präsenz hin, doch muß ich mich einige Kilometer weit gedulden, bevor ich eine vielversprechende Silhouette am Horizont sehe und erleichtert aufatmen kann. Zu meiner großen Freude ist das nur die erste in einer Reihe langschwänziger und –mähniger Kreaturen, besonders nachdem ich auf eines ihrer Wasserlöcher stoße, wo reges Treiben herrscht.

Die Pferde treten als Einzelgänger oder in Gruppen auf, die sich bis auf einige Dutzend beziffern. Hengste im Teenager Alter streiten sich um die Führungsposition. Das meiste Gezanke scheint gutartig, aber Narben im Fell deuten auf ernstere Vorfälle hin.

Harems mit Stuten und Fohlen werden von Alpha-Männchen gehütet, die potentiellen Rivalen mit Zähnefletschen und Beintreten drohen. Mir ist nicht bewußt, daß Pferde in traditionellen Familieneinheiten leben, doch ein besonderer Clan besteht aus dem vermeintlichen Vater, der Mutter, ihrem diesjährigen Fohlen und ständigen Schatten, und einem Einjährigen. Obwohl physiologisch unwahrscheinlich, ist sie scheinbar wieder trächtig, basierend auf ihrem gewölbten Bauch. Diese vier halten eng zusammen, und er hält Eindringlinge auf Beineslänge.

Der Tagesablauf der Pferde ist von der Suche nach Futter und Wasser dominiert. Häufige Trinkpausen sind an diesem fast 30 Grad Celsius heißen Tag essentiell. Der Tagesbedarf für Erwachsene beträgt 38 bis 45 Liter, bis doppelt so viel für säugende Stuten. Der jährliche Niederschlag von 18 bis 30 Zentimetern kann den Bedarf nicht decken, sondern muß von Menschenhand ergänzt werden.

In der baumlosen Landschaft sind die Tiere den Elementen völlig ausgeliefert — der stechenden Sommersonne, und den klirrenden Wintertemperaturen. Sie werden von lästigen Insekten gepeinigt. Windböen wirbeln ständig Staubwolken auf. Mein Auto mit sämtlichem Inhalt, mich inbegriffen, wird von einer Puderschicht bedeckt. Während meines Aufenthaltes warte ich das Ende eines Gewitters im Wagen ab. Die Pferde können den paukenartigen Donnerschlägen, den bedrohlichen Blitzen und dem durchnässenden Regen nicht entkommen. Ich male mir aus, wie sie sich in einem Knäuel zusammendrängen, und die Kleinen in ihrer Mitte so gut wie möglich behüten.

Ich genieße meine vierundzwanzig Stunden in Sand Wash, wo die Luft mit dem Duft des Wüstensalbeis durchtränkt ist, wann immer ich mit dessen silberfarbenen Blättern in Berührung komme. Ich höre nur den Gesang des Windes und der Vögel, das Gewieher der Pferde und das Gejaule der Kojoten des Nachts. Aber meine Beobachtungen lassen mich einige meiner Vorannahmen hinterfragen. Obwohl die Pferde frei sind, ist ihr Leben nicht ohne Kosten. Ganz bestimmt ist es kein Zuckerschlecken. Die meisten Herden leben in wüstenartigen Bedingungen. Erfreuen sie sich ihrer Existenz? Wäre es besser, nicht auf sich selbst angewiesen zu sein? Halten wir sie unserer eigenen romantischen Vorstellungen zuliebe wild? Wilde Mustangs im wilden Westen?

Diese Frage ist angesichts eines beständigen Dilemmas nach wie vor relevant. Seit Inkrafttreten des Wild-Roaming Horses und Burros Gesetzes 1971, werden die darin genannten Pferde und Esel vom Bureau of Land Management (BLM), einer staatlichen Behörde, verwaltet und geschützt. Ebenso lang ist das Programm umstritten. Seit Anbeginn pflanzen sich die Populationen zu erfolgreich fort. Ohne Raubtiere verdoppeln sich ihre Zahlen alle vier Jahre, und die Herden müssen regelmäßig ausgedünnt werden. Sand Wash kann ungefähr 300 Pferde unterhalten, hat aber zur Zeit etwa 600. Eingefangene Tiere werden von jeher an Privatleute verkauft, die ihre guten Absichten mit Unterschrift besiegeln, aber viele sind bis zum Verkauf auf Viehhöfen eingepfercht, und einige sterben. Geburtenkontrolle wird zwar praktiziert, aber nicht konsequent. Sie ist kompliziert und teuer. Rinderzüchter waren von Anfang an gegen das Programm, wegen Konkurrenz um BLM Land. Um Kosten zu sparen, will die jetzige US Regierung die Ausgaben um mindestens 10 Millionen Dollar kürzen, indem sie den Verkauf der Wildpferde an Schlachthöfe in Nachbarländern erlaubt, wo Pferdeschlachtungen legal sind, eine bisher verpönte Option.

Wenn die Populationsdichte zu groß für die Umwelt ist, resultiert das in Krankheit, Verhungern und Tod. Der bewegungslose Körper, den ich auf der kargen Erde liegen sehe, ist ein beklemmendes Zeichen. Daß etwas getan werden muß, ist ohne Frage. Ich verstehe, wie willkürlich es ist, manche Tiere als Nahrungsmittel anzusehen, und andere auszuschließen. Meiner Meinung nach muß und soll Pferdefleisch nicht die Antwort sein. Verhütung und Adoptionen sollten fortgeführt und erweitert werden, aber mit der Erwartung, daß die Adoptivkinder gut versorgt werden.

Das Memoir, The Pastures of Beyond (2005), von Schriftsteller und Naturschützer Dayton O. Hyde (geboren 1925) bestätigt, daß die Schwierigkeiten nicht neu sind, schlägt aber auch eine alternative Lösung vor. 1988 beschloß er, seine Erfahrungen als Cowboy, Ranchbesitzer und Pferdeliebhaber zu nutzen, um einen Zufluchtsort für überzählige Vierbeiner des BLM zu schaffen, das Black Hills Horse Sanctuary in South Dakota. Hut ab! Er hat seine Passion in eine Traumrealität umgesetzt, sowohl für sich selbst, als auch für die Mustangs. Auf Seite 243 der gebundenen Ausgabe reflektiert er: „ Hoch über den Bergzügen des Cheyenne Flusses beobachte ich, wie wilde Pferde voller Wonne galoppieren…Es war mir möglich, wilden Pferden über 10.000 freie Pferdejahre zu schenken, aber was zählt ist dies: Es gibt noch Menschen, die sich kümmern“.

Ich bewundere seine Hingabe und wünsche mir noch mehr Träumer und Visionäre wie ihn, die sich kümmern, und die in seine (Huf)stapfen treten.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/06/22/24-hours-among-wild-horses/

4 Gedanken zu “24 Stunden mit wilden Pferden

  1. Ich kann mich Brigitte nur anschließen! Danke für diesen interessanten Einblick. Ich glaube, Freiheit ist das höchste Gut, aber es gibt natürlich auch Schattenseiten wie Hunger, Krankheit und Tot. Ein schwieriges Abwägen – so aus menschlicher Sicht. Wer weiß schon, wie ein Pferd das sieht…? LG Ulrike

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    • Danke für Dein Interesse, liebe Ulrike. Es ist schwierig, die Welt nicht durch die menschliche Brille zu betrachten, aber klare Antworten auf die vielen Fragen gibt es nicht. So lange das der Fall ist, bildet sich wahrscheinlich jede(r) ihre(seine) eigene Meinung.

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