Eine Studie der Brutvögel

Als mich mein Alarm um 2 Uhr 30 am Morgen aus dem Traum riß, befand ich mich im Tiefschlaf. Die flatternden Vorhänge, ratternden Fenster, bellenden Nachbarhunde und Angst vor dem Verschlafen waren meinem Schlummer nicht dienlich gewesen. Eine Bekannte hatte mich gebeten, ihr bei einer Brutvogelstudie behilflich zu sein, und da ich auf diese neue Erfahrung neugierig war, hatte ich bereitwillig zugestimmt. Um das ihr zugewiesene Areal in der Nähe des 130 Kilometer entfernten Olney Springs in Crowley County rechtzeitig zur Startzeit um 4 Uhr 59 zu erreichen, mußten wir von Colorado Springs aus um 3 Uhr 30 losfahren. Ich traf mich mit Diana und Rose, einer weiteren Helferin, auf einem Parkplatz. Wir beluden ein Auto mit unseren Vorräten und fuhren los.

Das frühe Aufstehen war einer geruhsamen Nacht nicht zuträglich, wohl aber dem Erlebnis eines spektakulären Sonnenaufgangs. Diana und Rose hatten bereits einige Tage zuvor an einem anderen Ort eine erste Studie durchgeführt, doch ich mußte noch eingeweiht werden. Als ich anfangs von dem Projekt gehört hatte, stellte ich mir vor, wir würden klammheimlich nach bewohnten Vogelnestern suchen. Ich fand schnell heraus, daß wir stattdessen jede halbe Meile anhalten, und drei Minuten lang alle gehörten oder gesehenen Vögel dokumentieren würden. Da wir 25 Meilen zurückzulegen hatten, bedeutete das 50 Stopps. Sobald Diana Vögel identifizierte, verkündete sie ihre Namen. Als eine von zwei Schreiberlingen notierte ich ihre Art und Anzahl. Rose überwachte und dokumentierte GPS Koordinaten und damit verbundene Orientierungsmerkmale, um zukünftigen Beobachtern die Arbeit zu erleichtern. Diese langfristige Brutvogelstudie (Breeding Bird Survey) der nordamerikanischen Vogelpopulation wird seit 1966 von dem United States Geologic Survey (USGS) und dem Canadian Wildlife Service organisiert.

In dieser von Kurzgräsern geprägten und mit Cholla Kakteen getüpfelten Gegend in Colorado waren Wiesenstärlinge, Spottdrosseln, Ohrenlerchen, Prärieammern, Trauertauben und Cassinammern die häufigsten Bewohner und enthusiastischsten Sänger, und sie brachten uns den ganzen Morgen lang ein Ständchen. Am blauen, wolkenlosen Himmel kreisten Rotschwanz-, Prärie- und Königsbussarde. In dem relativ homogenen Umfeld kamen wir auf 35 Arten.

Anfangs trugen wir noch lange Ärmel, aber bald entledigten wir uns in der aufgehenden Sonne einiger Schichten. Neben Kreaturen im Federkleid sahen wir auch einige mit Pelzbehang: Fuchs, Kojote, Gabelböcke und Antilopenhasen. Und zwei Schildkröten, die die Fahrbahn überquerten. Als ich eine von der Mitte zum Rand der Schotterstraße trug, erinnerte sie mich daran, daß gestreßte Tiere oft ihre Blasen entspannen. Meine Rettungsaktion war wahrscheinlich unnötig, da wir in fünf Stunden nur vier Fahrzeugen begegneten.

Kurz vor Ende unseres Einsatzes gegen 10 Uhr sahen wir eine Präriehundsiedlung. Glücklicherweise teilten die niedlichen Nager ihren Wohnraum mit Prärieeulen, die immer eine Zugabe sind. Eine von ihnen hockte auf einem Pfosten und ihr starrer Blick schien uns zu verstehen zu geben, daß es Zeit war zu verschwinden. Wir kamen ihrer Bitte nach.

Vereinzelte Farmen verkörperten menschliche Aktivitäten auf diesem anspruchsvollen Land, manche noch in Betrieb, manche außer. Besonders beeindruckten uns eine robuste Struktur, deren Fundament aus Stein gemauert war. Wer lebte einst hier, in etwas erhobenem Stil? Welche menschlichen Schicksale spielten sich unter dem baufälligen Dach ab?

Ähnlich wie bei vorherigen Aufenthalten in Colorados Prärie wuchs meine Wertschätzung für die menschlichen, tierischen und pflanzlichen Bewohner dieser genügsamen Umwelt.

Danke für die Einladung, Diana.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English Version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/07/06/breeding-bird-survey/

7 Gedanken zu “Eine Studie der Brutvögel

      • Garmin, ok, das reicht mir schon. Ich frage nur, weil ich selbst für einen GPS Hersteller arbeite (Trimble) und es immer toll finde, wenn ich von unseren Geräten im Einsatz höre. Trimble hat ja seinen Hauptsitz sozusagen bei Dir um die Ecke und daher (u.a.) auch mein Interesse an Deinen Berichten aus Colorado. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich mal da war… Liebe Grüße aus Good Old Germany, Ulrike

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      • Das ist sehr interessant. Ich habe, ehrlich gesagt, noch nichts von Trimble gehört, aber das hängt eher mit meinem Technikunwissen zusammen. Wenn Du mal wieder nach Colorado kommst, lass es mich bitte wissen.

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