Agnes Grey — einige Gedanken

Nachdem ich im vergangenen Jahr Charlotte Brontës Jane Eyre und Emily Brontës Sturmhöhe (Wuthering Heights) zum ersten Mal auf Englisch las, befaßte ich mich vor kurzem mit Anne Brontës Agnes Grey, einem ausgesprochen autobiographischen Roman. Wie viele Frauen im England des 19. Jahrhunderts, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen mußten, wurden alle drei Brontë Schwestern Gouvernanten, einer der wenigen akzeptierten Berufe, die gebildeten Frauen zur Auswahl standen. Trotz dieser „Akzeptanz“ wurden sie häufig unterbezahlt und von ihren Arbeitsgebern als Untertanen behandelt. Auch wurde ihnen die Autorität versagt, die reichen, verwöhnten und häufig unfügsamen Kinder zu disziplinieren.

Als Agnes Grey, die Protagonistin des gleichnamigen Romans, sich um einen Gouvernantenposten bewirbt, um ihre Familie finanziell zu unterstützen, erfährt sie dies am eigenen Leibe. Ihre erste Stelle wird nach einigen Monaten gekündigt, weil die Eltern ihre Sprößlinge als unschuldig ansehen, und Anne die Schuld für deren Ungehorsam in die Schuhe schieben. Ihre zweite Anstellung dauert mehrere Jahre, doch auch sie ist für Anne wenig befriedigend. Als ihre Schülerinnen das heiratsfähige Alter erreichen, werden ihre Dienste nicht länger benötigt. Sie kehrt nach Hause zurück, um ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters mit der Gründung und Leitung einer Privatschule zu assistieren (es war der unerfüllte Wunsch der Brontës gewesen, eine solche Privatschule in ihrem Heim zu organisieren).

Nach vielen Jahren des ungewürdigten Dienstes und zahlloser Entbehrungen findet Agnes ihre wahre Liebe. Mr. Weston, der Vikar ihrer ehemaligen Gemeinde, der ihr Herz gestohlen hatte, sucht sie auf, und hält mit den folgenden Worten um ihre Hand an: „ ,Mein Heim ist noch immer trostlos, Miss Grey‘, bemerkte er lächelnd, ‚und ich habe die Bekanntschaft aller Damen in meiner Gemeinde sowie in dieser Stadt gemacht, und auch vieler anderer, die mir vom Sehen oder Hören bekannt sind. Nicht eine sagt mir als Lebensgefährtin zu. In der Tat gibt es nur eine einzige Person auf der Welt, die dafür in Frage kommt, und zwar Sie, und ich hätte gerne Ihre Antwort‘ “ (meine Übersetzung). Das Hollywood Ende weicht von Annes trauriger Lebensgeschichte ab, aber gerade weil mir das Schicksal der Brontës bekannt ist, habe ich mir dieses Ende herbeigewünscht, das Agnes beschert, was Anne in ihrem Leben versagt blieb.

Die Biographie der Brontës liest sich wie eine Tragödie und fasziniert jede Generation aufs Neue. Diese Tragödie ist mit einer der ältesten Geißeln der Menschheit verbunden, der Schwindsucht, später als Tuberkulose bekannt. Zwischen 1814 und 1820 setzten der Vikar Patrick Brontë und seine Frau Maria sechs Kinder in die Welt. Im folgenden Jahr lebte Maria ab und hinterließ eine mutterlose Familie. 1825 verstarben zwei der Töchter, Maria und Elizabeth, im Alter von 11 und 10 Jahren, an Schwindsucht, wahrscheinlich wegen der elenden Bedingungen in ihrem Internat. Vier der Kinder überlebten bis ins Erwachsenen-, aber nicht bis ins hohe Alter. 1848 rafften Schwindsucht, Alkohol- und Opiumabhängigkeit den einzige Sohn, Branwell, mit 31 dahin. Drei Monate nach seiner Beerdigung folgte Emily ihm 30-jährig ins Grab, und nur einen Monat nachdem die gefürchtete Krankheit das Leben ihrer Lieblingsschwester forderte, erlag ihr Anne mit nur 29. Charlotte Brontë erreichte das relativ fortgeschrittene Alter von 38, bis auch sie während ihrer ersten Schwangerschaft starb, angeblich an Schwindsucht, aber vermutlich aus anderen Gründen. Der Patriarch Patrick Brontë überlebte nach Charlottes Tod weitere sechs Jahre, und entschlief 1861 im Alter von 84, trotz vieler körperlichen Gebrechen, die ihn zeitlebens geplagt hatten.

Wir stellen uns die Brontës oft als ein Trio vor, in dem Charlotte die erste Geige, Emily die zweite und Anne die dritte spielte. Als jüngste stand Anne immer im Schatten ihrer älteren Schwestern, aber auch sie hinterließ ein Vermächtnis, das uns einen Einblick in ihre Seele erlaubt. Ihr war es vergönnt, zwei ihrer Romane noch zu ihren Lebzeiten veröffentlicht zu sehen. Ich fand Agnes Grey sehr lesenswert und freue mich auf Die Herrin von Wildfell Hall (The Tenant of Wildfell Hall). Letzterer wurde zur Riesensensation, resultierte aber auch in Riesenkritik. Diese Geschichte einer mißhandelten Ehefrau, die es wagt, ihren Mann mit ihrem Sohn zu verlassen, deutet darauf hin, daß Anne eine Frau mit eigenen Ansichten war, die unbequeme gesellschaftliche Realitäten ansprach, und daß ihr stiller, zurückhaltender Charakter wenigstens teilweise eine Erfindung von Charlotte war. Mögen Annes Worte für sie sprechen.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/08/03/agnes-grey-some-thoughts/

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2 Gedanken zu “Agnes Grey — einige Gedanken

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