Sommerschmerz

Nach einem verregneten Abend im Hochsommer ist Fountain Creek ein rötlicher Fluß. Die Berge verbergen ihr Antlitz mit einem Wolkenschleier. Statt Pfaden gibt es Pfützen, die Luft ist schwanger mit Kondensation, und die Vegetation mit Regentropfen. Die leicht eingeschränkte Aktivität der Vögel und meisten Insekten nimmt mit der aufgehenden Sonne zu, doch leider zählen Stechmücken nicht zu denen, die von der hohen Luftfeuchtigkeit beeinträchtigt werden. Auf den von nassen Gräsern gesäumten Wegen werden meine Schuhe und Strümpfe durchnäßt.

Die Flora steht in voller Blüte, oder ist bereits ausgewachsen. Ich werde vom goldenen Lächeln mannigfaltiger Sonnenblumen begrüßt. Trotz eines Überflusses an Seidenpflanzen sehe ich nur einen einsamen Monarchen. Grashüpfer zerstieben, als ich mich ihnen nähere, eine Gruppe nach rechts, die andere nach links.

Die Stimmung unter den Vögeln unterscheidet sich von der des Werbens und Paarens im Frühling. Nun ist die Zeit der Familienfreuden und –herausforderungen, in der hungrige Babys, Kleinkinder und Teenager ständig um Futter und Aufmerksamkeit betteln. Bilde ich es mir ein, oder zeigen die Eltern Zeichen des Überdrusses? Da sie ihren biologischen Zweck erfüllt haben, gibt es weniger Gründe zum Musizieren. Außer dem Gekreische in den Kinderstuben herrscht relative Stille. Das Gefieder der erwachsenen Rotkehlchen ist leicht lädiert, doch das der Jungvögel scheint mit glitzernden Perlen bestückt. Schwalben, die Akrobaten der Lüfte, segeln auf schillernden Schwingen. Während hyperaktive Zaunkönige durch das Unterholz hüpfen, stopfen sich samtige Seidenschwänze mit Beeren voll, und Goldzeisige mit Distelsamen.

Lieblichkeit umgibt mich, wohin ich auch schaue. Ich sättige meine Seele mit dieser lebensbejahenden Regsamkeit. Aber in meine Freude mischt sich auch Melancholie. Warum bin ich so traurig? Weil natürliche Lebensräume immer mehr abnehmen? Weil dieser von Energie nur so strotzende Ort von „Entwicklung“ umrundet ist, und weil nicht genügend ähnliche Refugien existieren? Weil viele Tiere bald gen Süden ziehen werden? Weil Herbst und Winter auf den Sommer folgen, und mit ihnen Winter-, oder ewiger Schlaf? Weil die Menschheit nicht in der Lage ist, friedlich miteinander, und mit anderen Lebewesen auszukommen? Weil unsere einzigartige Erde am Rand des Abgrundes schwebt? Weil ich Liebe und geliebte Menschen verloren habe?

In meiner Wehmut bin nicht allein. „In der Mitte des Lebens sind wir vom Tode umgeben“ ist ein im Mittelalter geprägtes Sprichwort, dessen Sentiment aber wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit selbst. Vielleicht empfinde ich es so akut, weil die Vitalität der Natur ihren Höhepunkt überschritten hat? So traurig ich auch sein mag, ist es mir ein Trost zu wissen, daß die Erde vorerst ihre Umlaufbahn um die Sonne fortsetzen, und das Leben in all’ seiner unerbittlichen, herzzerreißenden Schönheit weiterbestehen wird.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/08/10/summer-sorrow/

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5 Gedanken zu “Sommerschmerz

  1. Mir fehlen fast die Worte wegen deiner, die traurig aber auch wunderschön sind.

    Ich nehme an, dass uns an die zwanzig Jahre unterscheiden, denn ich weiß, dass man mit der Zeit abgeklärter und weniger traurig wird.

    Jeder Tag wird zu einem kostbaren Erlebnis, wenn man ihn zu erleben weiß.

    Ich freue mich wie du über die kleinen Dinge des Lebens und der Natur.
    Ich bin traurig über die Dummheit mancher Mitmenschen, die auch noch die Macht haben, Unglück über die Menschheit und über unsere Umwelt zu bringen,
    aber ich bleibe trotzdem optimistisch.

    Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe und Gute, Tanja.

    Dein Blog erfreut mein Herz.

    Liebe Grüße
    Brigitte

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    • Ich danke Dir für Deine lieben Worte, Brigitte. Mir erscheint es eher so, als würde ich mit zunehmendem Alter weniger abgeklärt und optimistisch, sondern zynischer und negativer, wenigstens was meinen Ansichten über die Menschheit als Ganzes anbelangt. Das ist kein schönes Gefühl, und ich wehre mich auch dagegen, aber in manchen Momenten gewinnt der Pessimismus die Oberhand. Glücklicherweise kann ich mich dann mit Vögeln und Blumen und Natur umgeben, was bisher immer noch hilft. Danke für die guten Wünsche.
      Herzlichst, Tanja

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      • Meine Ansichten über die Gattung Homo entsprechen deiner.
        Laut Wikipedia ist der Homo sapiens ein „verstehender, verständiger“ bzw. „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch.
        Leider sind diese Eigenschaften vielen, besonders den Mächtigen dieser Erde, abhanden gekommen.
        Ich finde meine Ruhe genau wie du in der Natur und deine Liebe zu den Vögeln teile ich.
        Ich bin, wie du weißt, ein Freund von Zoos und Tierparks, weil ich annehme, dass sie die einzigen Orte sind, an denen Tiere noch eine Überlebenschance haben (sogar unseren Feldhamster haben wir inzwischen ausgerottet ) aber Vögel und Delphine lehne ich in Zoos ab. Sie benötigen die Weite des Himmels und der Meere.
        Ich wünsche dir einen guten Tag, liebe Tanja.
        Brigitte

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      • Ich kämpfe zur Zeit sehr mit der Lage der Welt, aber vielleicht war sie nie anders, oder besser, und wir nehmen uns nur wichtiger als je zuvor, und wissen über alles, was irgendwo auf der Welt passiert, sofort Bescheid. Aber unsere sogenannte „Herrschaft“ über die Erde und Lebewesen funktioniert nicht so gut. Zu Zoos habe ich eine gespaltene Haltung, einerseits machen sie mich traurig, andererseits weiß ich auch, daß viele Tierarten nur noch in Gefangenschaft überleben können-noch so eine Konsequenz unserer Existenz.
        So viele Fragen, so wenig Antworten…
        Ich bin Dir für Deine guten Wünsche sehr dankbar.
        Bis bald,
        Tanja

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