Der Glanz eines verregneten Tages

Wir Bewohner Colorados sind verwöhnt, weil wir in einem Staat mit mindestens 300 Sonnentagen pro Kalenderjahr leben. Colorado Springs profitiert bereits seit seiner Gründung im Jahre 1871 von diesem natürlichen Phänomen, und nannte sich einst die „Sonnenstadt“ (City of Sunshine), um Touristen und Gesundheitssuchende anzulocken. Für Opfer der Schwindsucht war ein Klimawechsel häufig ein verzweifelter Versuch, diese uralte Menschheitsplage zu heilen. Bevor ihre Ursache bekannt war, und effektive Antibiotika in den 1940er Jahren entwickelt wurden, gab es mehrgleisige Therapieansätze. Eines der Standbeine war es, sich möglichst viel frischer Luft und Sonnenschein auszusetzen.

Obwohl die meisten Besucher und Bewohner nicht länger aus gesundheitlichen Gründen nach Colorado Springs kommen, gefallen allen unser strahlend blauer Himmel und der gemütsaufhellende Effekt der Solarstrahlen (trotz bekannter, damit verbundener Risiken). Da ich in Deutschland aufwuchs, war ich an längerfristiges, graues und trübseliges Wetter gewöhnt, doch dauerte es nicht lange, mich von den Vorzügen eines heliodominanten Klimas zu überzeugen. Aber selbst in dieser, von der Sonne geküßten Region versteckt sich ihr Gesicht gelegentlich. Wir können sogar vergessen, daß die Rocky Mountains sich direkt vor unserer Haustür erheben, wenn unser hiesiger, 4000-Meter hoher Berg, Pikes Peak, und seine minderen, wenn auch nicht minder attraktiven Nachbarn von Nebel- und Dunstbänken eingehüllt werden.

Während eines solchen wolkenschweren Abschnitts im frühen Herbst spaziere ich durch einen meiner Lieblingsorte, Fountain Creek Regional Park, der bereits Thema mehrerer Blogbeiträge war (Seidenpflanzen und Schmetterlinge, Eine Ode an Fountain Creek Regional Park, Sommerschmerz). Eine Wetteränderung geht oft mit einer Änderung im Tierverhalten einher, was offensichtlich wird, sobald ich mich dem Besucherzentrum nähere. Vierzehn wilde Truthühner grüßen mich von einer neben dem Parkplatz liegenden Wiese. Sie fliehen nicht, wie gewöhnlich, doch noch bemerkenswerter ist ihre Präsenz an selber Stelle, als ich zwei Stunden später von meiner Runde zurückkehre.

Der niedrighängende Himmel scheint die Bewegungen aller Lebewesen zu verlangsamen. Während Farben und Kontraste sichtbar abnehmen, werden vielerlei Strukturen und deren Beschaffenheiten unterstrichen, und meine Augen auf Details aufmerksam, die sie sonst übersehen könnten.

Ich bin dankbar für die Helligkeit und Wärme, die uns regelmäßig verwöhnen, aber statt die sonnenarmen Zeiten zu beklagen, versuche ich, sie willkommen zu heißen, wohl wissend, daß lichte und strahlende Tage wieder folgen werden.

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Ein silberner Ring

Vögel in ihrem natürlichen Umfeld zu beobachten ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ferngläser sind dabei meist unentbehrlich, um sie aus gewisser Distanz identifizieren zu können, denn die meisten tolerieren es nicht, wenn man ihnen zu nahe kommt. Wilde Vögel aus nächster Nähe zu sehen, ist ein seltenes Privileg. Beringungsstationen bieten eine solche Nahansicht, und eine, mit der ich vertraut bin, und die ich wiederholt besucht habe, befindet sich auf der Chico Basin Ranch, nicht zu weit von Colorado Springs im östlichen Teil von El Paso County.

Chico Basin ist nicht nur eine umweltbewußte und auf Naturschutz bedachte Ranch mit Rinderzucht, sondern auch ein Hotspot für Vogelbeobachtungen, weil gefiederte Wesen dort während des Vogelzugs eine Rast einlegen. Aus diesem Grund organisiert die Gesellschaft Bird Conservancy of the Rockies unter der Schirmherrschaft des Innenministeriums jeden Frühling und Herbst eine vierwöchige, von gelernten Beringern geleitete Aktion. Netze werden in dicht bewachsener Vegetation aufgestellt, und die Vögel, die sich in den feinen Maschen verheddern, vorsichtig entfernt. Um sie bis zur ihrer Untersuchung zu beruhigen und zu beschützen, werden sie in handgenähten Baumwolltaschen aufbewahrt, die ihrer Größe angemessen sind. Diese werden an ein nummeriertes Gestell gehängt, dessen Zahlen den Fangnetzen entsprechen.

Chico Basin Ranch Beringungsstation, mit Sitzen für Schulklassen und andere Interessierte

Sobald ein Vogel an der Reihe ist, wird er akribisch untersucht. Seine Federn, Fettspeicher, Flügelspanne und Schwanzlänge werden vermessen. Alter und Geschlecht werden durch zusätzliche Parameter bestimmt, z. B. den Zustand seines Gefieders, das Ausmaß der Verknöcherung des Schädels oder das Stadium der Mauserung. Wenn die Identität noch immer fraglich ist, werden Schnabel und weitere obskure Körperteile analysiert. Beringungsstationen sind Repositorien des Handwerkszeugs und der relevanten einschlägigen Literatur. Eine Kopie der ornithologischen Bibel, Peter Pyles Identification of North American Birds ist obligatorisch, ebenso wie deren tabellarisierte Version, die unzählige Details über verschiedene Vogelarten aufführt. Niemand kann alles wissen, aber jeder Beringer weiß, wo die nötige Information zu finden ist. Und das schnell, um die Zeit der Abwicklung und den damit verbundenen Streß zu begrenzen.

Ein leichter, nummerierter Aluminiumring, der den Flug nicht beeinträchtigt, wird einer sorgfältig organisierten Kiste entnommen, und an einem Bein befestigt, je nach Dicke der Extremität. Erfahrene Beringer wissen intuitiv den richtigen Umfang, doch ein raffiniertes Meßgerät, oder eine von vielen Tabellen, können bei der Auswahl behilflich sein. Die einzigartigen Ziffern erlauben es, den Vogelzug über große Distanzen hinweg zu verfolgen. Ein Wiedereinfangen am Ort des Beringens ist nicht ungewöhnlich, weil Individuen in Zukunft oft wieder dorthin zurückkehren. Es erstaunte mich, daß die Wahrscheinlichkeit an einem fernen Ort nur 1 in 10.000 ist. Vor kurzem veröffentlichte das Cornell Lab of Ornithology einen Artikel über einen Goldwaldsänger (Yellow Warbler), der in Nordkolumbien beringt, und zwei Monate später und 3700 Kilometer weit entfernt, im Staat New York wieder eingefangen wurde, keine kleine Sensation.

Zu guter Letzt wird der Vogel kopfunter in eine Röhre gesteckt und gewogen. Sie ist breit genug, um ihn zu beherbergen, aber eng genug, um ihn zu immobilisieren, und dadurch Verletzungen zu verhindern. Sobald der Zylinder waagerecht gehalten wird, windet er sich entweder selbst heraus, oder er wird vom Beringer entfernt und zwischen zwei Händen eingeschlossen, von denen dann die obere gelüftet wird. Nach ihrer Geduldsprobe fliegen die gefiederten Kreaturen in die angrenzenden Bäume, manche sofort, andere nach Momenten der Orientierung.

Der Gelbbrust-Waldsänger aus dem obigen Bild wird gewogen

Und während all dieser Aktivitäten müssen die Daten auch noch aufgezeichnet werden

Die unterschiedlichen Reaktionen auf ihre Gefangennahme sind ebenso faszinierend. Manche Individuen scheinen ruhig und verhalten, einige ängstlich und erregt. Manche sind absolut entrüstet und machen ihrem Unmut lautstark Luft.

Weißaugenvireo, ein seltener Besucher in El Paso County

Fleckengrundammern sind da schon häufiger

Blauhäher zählen zu den ausdrucksstärksten Gefangenen…

…ebenso wie Rote Spottdrosseln

Raubvögel wie dieser Rundschwanzberber sind lebhaft und passioniert (und fliegen selten ins Netz)

Vogelberinger im Einsatz erinnern an Tänzer in einer kunstvoll choreographierten Vorstellung. Vögel, die betörenden Ballerinas, werden sanft aber sicher gehoben, wiederholt gedreht und schließlich freigegeben. Während diese wunderbaren Wesen im Laub verschwinden, wünsche ich ihnen günstige Winde. Mögen sie bei ihrer Zwischenlandung genug an Gewicht zulegen, um sicher in ihr Winterrevier zu gelangen, dort ausreichend Lebensraum und Futter finden, und uns im Frühling wieder mit ihrer Anwesenheit beglücken.

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Eine „Bloomer Frau“ auf Pikes Peak

Die Bezeichnung „Bloomer Frau“ war kein Kompliment in feiner Gesellschaft. Laut viktorianischen Ansichten waren nur knöchellange Röcke anständig, auch wenn sie im Alltag noch so unpraktisch waren. „Bloomer Frauen“ trugen Gewänder, die kurz unterhalb der Knie endeten, und über einem Paar weiter Pluderhosen getragen wurden – ein Skandal. Obwohl sie es nicht selbst entwarf, wurde das Kostüm nach Amelia Bloomer (1818-1894) benannt, die eine der ersten Verfechterinnen der Frauenbewegung in den USA war, und sich auch für Kleiderreform einsetzte. Frauen, die diese progressive Kleidung anlegten, protestierten die willkürlichen gesellschaftlichen Normen und unterstützten gewöhnlich die frühen feministischen Organisationen sowie deren Ziele: Gleichberechtigung und Wahlrecht.

„Reformgewand“ oder „Bloomer“. Abbildung in A Bloomer Girl on Pike’s Peak

Der Titel dieses Beitrags stammt von einem Buch, das 1949 vom Denver Library District veröffentlicht wurde. Eine Bloomer Frau auf Pikes Peak (A Bloomer Girl on Pike’s Peak) bezieht sich auf Julia Archibald Holmes (1838-1887). Sie wurde in Kanada geboren und zog zehnjährig nach Massachusetts, und Mitte der 1850er Jahre nach Kansas, wo ihre Familie Teil der Bewegung war, die die Legalisierung der Sklaverei in diesem Staat verhindern wollte. Sie halfen bei der Gründung der Stadt Lawrence, wo sie auch James Holmes kennenlernte, der wie sie ein Gegner der Sklaverei, und ferner Mitkämpfer der Free State Rangers unter John Brown war. Im Herbst 1857 heiratete sie ihn mit nur 18. Nach Goldfunden in Colorado im folgenden Jahr schloß sich das Paar im Juni 1858 der Lawrence Party an, die zu den frühesten Goldsuchern gehörten. Diese überquerten die Great Plains im Planwagen und zu Fuß. Etwa einen Monat später erreichten sie den Schatten von Pikes Peak, wo sie in der Nähe des jetzigen Garden of the Gods ihr Lager aufschlugen.

Ein halbes Jahrhundert zuvor, 1806, hatte Captain Zebulon Montgomery Pike die erste Regierungsexpedition in diese Gegend geleitet, die Teil des Louisiana Purchase von 1803 gewesen war. Während er nach dem Ursprung des Arkansas Flusses suchte, sah er einen hohen Berg in der Ferne, dem er sich zielstrebig näherte, von dessen Besteigung er aber wegen unfreundlichen Novemberwetters abgehalten wurde. In seinem Tagebuch verlieh er seiner Überzeugung Ausdruck: „Kein Mann könnte seine Zinne erklommen haben“. Julia und ihr Mann erreichten jedoch am 5. August 1858 den Gipfel des 4302 Meter hohen Berges, der einige Jahre nach Pikes Tod nach ihm benannt wurde. Julia wird allgemein als erste weiße Frau angesehen, der das gelang. Ironischerweise trug sie ihr „Bloomer“ Gewand, was ihren Aufstieg erleichterte, wohingegen Pike und seine Männer nicht nur mit Schnee zu kämpfen hatten, sondern auch mit unzureichenden Sommeruniformen.

Julia führte Tagebuch, und obwohl es verloren ging, überlebten einige Einträge in Form von Briefen an die Familie, und Artikeln für Frauenzeitschriften. Sie vermitteln Einblicke in Julias Abenteuer und stellen den Großteil des Buches A Bloomer Girl on Pike’s Peak dar, aus dem die folgenden (von mir übersetzten) Zitate stammen.

Wir waren nun mitten auf der wogenden Prärie. Jemand, der nie das Meer oder die weite, unbewohnte Ebene gesehen hat, kann sich die Großartigkeit der Kulisse unmöglich vorstellen. Mit dem blauen Himmel über uns und der unbeschränkten Vielfalt der Blumen unter unseren Füßen schien es, als haben sich die Einsamkeit des Meeres mit all den Schönheiten der Landschaft vereint. (Seite 15)

Ich begann die Reise fest entschlossen, das Laufen zu erlernen. Zuerst konnte ich nicht mehr als drei oder vier Meilen gehen, ohne erschöpft zu sein, aber indem ich jeden Tag beharrlich so weit wie möglich lief, nahm mein Leistungsvermögen nach und nach zu, und im Laufe einiger Wochen konnte ich zehn Meilen unter den heißesten Bedingungen zurücklegen, ohne geschlaucht zu sein. Wenn Frauen, wie ich, an die Gleichbehandlung mit Männern glauben, sollten wir, wenn möglich, auch deren Mühsale auf uns nehmen, um unsere Unabhängigkeit voranzutreiben. (Seite 20)

Ich habe mein Ziel erreicht und fühle mich für meine Mühen und Müdigkeit reichlich belohnt. Fast alle haben versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen, doch ich glaubte immer an sein Gelingen, und nun stehe ich hier und möchte diese herrliche Aussicht um nichts in der Welt missen. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich die erste Frau, die je auf dem Gipfel dieses Berges gestanden und einen Blick auf diese wunderbare Landschaft geworfen hat. (Seite 39)

Heutiger Gipfelblick von Pikes Peaks aus

Als sich kein Gold finden ließ, zogen Julia und ihr Mann einige Jahre lang nach Neu Mexiko. Von ihren vier Kindern verstarben zwei. Nachdem sich Julia 1870 als Konsequenz von Mißbrauch und Ehebruch scheiden ließ, wurde Washington, D.C. ihr permanenter Wohnsitz. Dort blieb sie in der Frauenbewegung aktiv und arbeitete für die US Regierung bis zu ihrem Tode im Alter von nur 49 Jahren. Ihre Todesursache wird in den mir bekannten Quellen nicht erwähnt. Das obige Bildnis zeigt Julia mit etwa 32, als sie sich von ihrem Mann trennte. Bin ich die einzige, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit Julia Roberts erkennt?

Pikes Peak (auch als America’s Mountain bekannt) erinnert mich regelmäßig an das bewegte und erfüllte Leben der „Bloomer Frau auf Pikes Peak“, der Progressiven, Sklavereigegnerin, Suffragette, Schriftstellerin, und ersten bekannten Frau, die seine Kuppe erklomm.

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Wandel

Seit Wochen sind die Zeichen des heraufziehenden Herbstes unmißverständlich und kündigen den Wechsel der Jahreszeiten an, doch bestehen sie nebeneinander mit den Überresten des sommerlichen Überflusses.

Noch schlürfen Schmetterlinge den süßen Nektar der bereitwilligen Blumen, deren Lebenskraft weiterhin pulsiert.

Noch erwärmt die Sonne die Luft und erhellt die Tage, obwohl sie sich verkürzen. Vögel flattern gen Süden in mildere Gefilde, und auch wenn eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, signalisiert ihre Abwesenheit dessen Ende.

Rauchschwalben auf der Höhe des Sommers. Nun sind sie weg.

Der Wandel grünen Laubs in Gelb-, Orange- und Rottöne, und bunter Blüten in samenhaltige Behältnisse ist der Herold der wachsenden Distanz der Erde von unserem Solarkörper. Er wird begleitet von Äolus, auf dessen Schwingen kalte Luft reitet, in dessen Windschatten sich die Blätter überschlagen, und dessen Atem nach Kompost duftet.

Es ist eine Zeit des Endens. Des Endens der Lebhaftigkeit, der produktivsten Periode unserer Erde.

            Eine wehmütige Zeit.

            Eine Zeit, unvollendete Ziele zu bedenken.

            Eine Zeit des Bedauerns.

Es ist auch eine Zeit des Beginnens. Des Beginnens eines Ruhezustands, der zurückhaltendsten Periode unserer Erde.

            Eine dankbare Zeit.

            Eine Zeit, Erfolge zu feiern.

            Eine Zeit der Hoffnung.

Hoffnung, daß das Leben weitergeht, daß wir eine weitere Chance bekommen, daß der Frühling wiederkehren wird.

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