Ein silberner Ring

Vögel in ihrem natürlichen Umfeld zu beobachten ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ferngläser sind dabei meist unentbehrlich, um sie aus gewisser Distanz identifizieren zu können, denn die meisten tolerieren es nicht, wenn man ihnen zu nahe kommt. Wilde Vögel aus nächster Nähe zu sehen, ist ein seltenes Privileg. Beringungsstationen bieten eine solche Nahansicht, und eine, mit der ich vertraut bin, und die ich wiederholt besucht habe, befindet sich auf der Chico Basin Ranch, nicht zu weit von Colorado Springs im östlichen Teil von El Paso County.

Chico Basin ist nicht nur eine umweltbewußte und auf Naturschutz bedachte Ranch mit Rinderzucht, sondern auch ein Hotspot für Vogelbeobachtungen, weil gefiederte Wesen dort während des Vogelzugs eine Rast einlegen. Aus diesem Grund organisiert die Gesellschaft Bird Conservancy of the Rockies unter der Schirmherrschaft des Innenministeriums jeden Frühling und Herbst eine vierwöchige, von gelernten Beringern geleitete Aktion. Netze werden in dicht bewachsener Vegetation aufgestellt, und die Vögel, die sich in den feinen Maschen verheddern, vorsichtig entfernt. Um sie bis zur ihrer Untersuchung zu beruhigen und zu beschützen, werden sie in handgenähten Baumwolltaschen aufbewahrt, die ihrer Größe angemessen sind. Diese werden an ein nummeriertes Gestell gehängt, dessen Zahlen den Fangnetzen entsprechen.

Chico Basin Ranch Beringungsstation, mit Sitzen für Schulklassen und andere Interessierte

Sobald ein Vogel an der Reihe ist, wird er akribisch untersucht. Seine Federn, Fettspeicher, Flügelspanne und Schwanzlänge werden vermessen. Alter und Geschlecht werden durch zusätzliche Parameter bestimmt, z. B. den Zustand seines Gefieders, das Ausmaß der Verknöcherung des Schädels oder das Stadium der Mauserung. Wenn die Identität noch immer fraglich ist, werden Schnabel und weitere obskure Körperteile analysiert. Beringungsstationen sind Repositorien des Handwerkszeugs und der relevanten einschlägigen Literatur. Eine Kopie der ornithologischen Bibel, Peter Pyles Identification of North American Birds ist obligatorisch, ebenso wie deren tabellarisierte Version, die unzählige Details über verschiedene Vogelarten aufführt. Niemand kann alles wissen, aber jeder Beringer weiß, wo die nötige Information zu finden ist. Und das schnell, um die Zeit der Abwicklung und den damit verbundenen Streß zu begrenzen.

Ein leichter, nummerierter Aluminiumring, der den Flug nicht beeinträchtigt, wird einer sorgfältig organisierten Kiste entnommen, und an einem Bein befestigt, je nach Dicke der Extremität. Erfahrene Beringer wissen intuitiv den richtigen Umfang, doch ein raffiniertes Meßgerät, oder eine von vielen Tabellen, können bei der Auswahl behilflich sein. Die einzigartigen Ziffern erlauben es, den Vogelzug über große Distanzen hinweg zu verfolgen. Ein Wiedereinfangen am Ort des Beringens ist nicht ungewöhnlich, weil Individuen in Zukunft oft wieder dorthin zurückkehren. Es erstaunte mich, daß die Wahrscheinlichkeit an einem fernen Ort nur 1 in 10.000 ist. Vor kurzem veröffentlichte das Cornell Lab of Ornithology einen Artikel über einen Goldwaldsänger (Yellow Warbler), der in Nordkolumbien beringt, und zwei Monate später und 3700 Kilometer weit entfernt, im Staat New York wieder eingefangen wurde, keine kleine Sensation.

Zu guter Letzt wird der Vogel kopfunter in eine Röhre gesteckt und gewogen. Sie ist breit genug, um ihn zu beherbergen, aber eng genug, um ihn zu immobilisieren, und dadurch Verletzungen zu verhindern. Sobald der Zylinder waagerecht gehalten wird, windet er sich entweder selbst heraus, oder er wird vom Beringer entfernt und zwischen zwei Händen eingeschlossen, von denen dann die obere gelüftet wird. Nach ihrer Geduldsprobe fliegen die gefiederten Kreaturen in die angrenzenden Bäume, manche sofort, andere nach Momenten der Orientierung.

Der Gelbbrust-Waldsänger aus dem obigen Bild wird gewogen

Und während all dieser Aktivitäten müssen die Daten auch noch aufgezeichnet werden

Die unterschiedlichen Reaktionen auf ihre Gefangennahme sind ebenso faszinierend. Manche Individuen scheinen ruhig und verhalten, einige ängstlich und erregt. Manche sind absolut entrüstet und machen ihrem Unmut lautstark Luft.

Weißaugenvireo, ein seltener Besucher in El Paso County

Fleckengrundammern sind da schon häufiger

Blauhäher zählen zu den ausdrucksstärksten Gefangenen…

…ebenso wie Rote Spottdrosseln

Raubvögel wie dieser Rundschwanzberber sind lebhaft und passioniert (und fliegen selten ins Netz)

Vogelberinger im Einsatz erinnern an Tänzer in einer kunstvoll choreographierten Vorstellung. Vögel, die betörenden Ballerinas, werden sanft aber sicher gehoben, wiederholt gedreht und schließlich freigegeben. Während diese wunderbaren Wesen im Laub verschwinden, wünsche ich ihnen günstige Winde. Mögen sie bei ihrer Zwischenlandung genug an Gewicht zulegen, um sicher in ihr Winterrevier zu gelangen, dort ausreichend Lebensraum und Futter finden, und uns im Frühling wieder mit ihrer Anwesenheit beglücken.

Klicken Sie hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/10/19/a-silver-ring/

16 Gedanken zu “Ein silberner Ring

  1. Liebe Tanja, das ist ja wieder ein hoch spannender Beitrag. Ganz lieben Dank für’s Teilen. Die Wiegeposition sieht putzig aus. Genau so habe ich mal eine Meise aus dem Schnee gezogen, nachdem sie mit unserem Fenster kollidiert war. Sie war im Schnee immobilisiert 😉 Liebe Grüße, Ulrike.

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  2. Wunderbar, dass du das miterleben darfst, liebe Tanja.
    Einen spannenden Bericht hast du darüber geschrieben, mit wunderbaren Aufnahmen.
    Ich saß quasi mit offenem Mund vor dem PC 😉
    Auf Helgoland darf frau das auch erleben. Frau dürfte sogar, auch in ihrem hohen Alter, als freiwilliger Helfer dort mitmachen. Aber Minimum sind vier Wochen, und so lange mögen Mann und Hund nicht allein wirtschaften, auch wenn sie das schon ganz schön gut können 😉
    Vielen Dank für diesen schönen Eintrag und ich bin natürlich -neidlos-neidlos-neidlos. lol.
    Hab einen schönen neuen Tag. 🙂
    Liebe Grüße
    Brigitte

    Gefällt 1 Person

    • Danke, liebe Brigitte. Ich beneide Dich um Deine Erfahrung. Langfristig würde ich das auch gerne lernen, doch ich habe immer das Gefühl, vorher noch mehr über Vögel wissen zu müssen.
      Aber hoffentlich wird es die Gelegenheit auch in Zukunft noch geben.
      Ich hoffe Du genießt Deine Blogpause!
      Herzliche Grüße,
      Tanja

      Gefällt 1 Person

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