Malerin der Wüste

Georgia O’Keeffe (1887-1986) sah das „Zauberland“ („Land of Enchantment“) zum ersten Mal im Jahre 1929, als sie 41 war. Der Zauber, den es auf sie ausübte, wurde erst von ihrem Tod gebrochen – oder auch nicht: „Wenn ich an den Tod denke, bedaure ich nur, daß ich diese wunderbare Landschaft nicht mehr sehen kann, es sei denn, die Indianer haben Recht, und mein Geist wird auch weiterhin hier wandeln“. (“When I think of death, I only regret that I will not be able to see this beautiful country anymore, unless the Indians are right and my spirit will walk here after I’m gone.”)

Eine der vielfarbigen Felsformationen in Georgia O’Keeffes Wahlheimat

Wann immer ihre bewegte Ehe mit dem berühmten Fotografen und Kunsthändler Alfred Stieglitz sowie ihre in Blüte stehende Karriere als Amerikas führende abstrakte Malerin in New York es zuließen, entkam sie in die wenig bekannten und noch minder erschlossenen Wüstengegenden Neu Mexikos. Gleich vielen Künstlern folgte sie der Einladung der legendären Kunstgönnerin Mabel Dodge Luhan. Ungleich vielen kehrte sie häufig zurück, und nach dem Ableben ihres Mannes im Jahre 1946, verschlug es sie permanent dorthin. Neben einem Haus mitsamt Studio im Städtchen Abiquiú besaß sie ein kleines Grundstück mit Hütte auf der Ghost Ranch, 22 Kilometer westlich gelegen. Diese Ranch war bis 1955 in Privatbesitz und wird seither von der presbyterianischen Kirche als spirituelles Zentrum verwaltet. Es profitiert nach wie vor von der dauerhaften Beziehung mit der Malerin, die so lange dorthin zurückkehrte, wie es ihre Gesundheit zuließ.

Ihr Haus und Studio in Abiquiú im gängigen Adobestil

Einfahrt zur Ghost Ranch von der Bundesstraße 84 aus

Fern der Massen und Ablenkungen war Georgia O’Keeffe, die oft als Einzelgängerin dargestellt wurde, in der Lage, den Lärm der Ostküste hinter sich zu lassen, tief von der Stille zu trinken, an den Farben und Formen der schroffen und trockenen Landschaft teilzuhaben, und deren Seele auf der Leinwand zu repräsentieren, wie wenige Künstler vor oder nach ihr. Wenn mensch heute diese Region und ihren Herzschlag erlebt, ist das Bedürfnis leicht nachzuvollziehen, ihr Wesen durch Pinsel- (oder Federstrich) darstellen zu wollen. Wir sahen O’ Keeffes Haus in Abiquiú nur von außen (Führungen werden angeboten, müssen aber vorbestellt werden), und betraten nur das der Öffentlichkeit vorbehaltene Gelände der Ghost Ranch, das ihren Zufluchtsort nicht miteinschloß, doch wohin unsere Blicke auch schweiften, trafen sie auf Motive, die sie mit ihren Gemälden unsterblich machte.

Blick auf den Berg Cerro Pedernal, einer ihrer Lieblingsmotive, von der Ghost Ranch aus

Unser Besuch fiel mit einer Reihe heller und herrlicher Herbsttage zusammen, an denen wir gierig die warmen Sonnenstrahlen wie die weitverbreiteten Eidechsen aufsogen. Das Gold der Pappeln, die die seltenen aber lebenswichtigen Wasseradern säumten, erleuchtete die Wüste und konkurrierte mit den vielfarbigen Felsen.

Rio Chama in der Nähe von Abiquiú

Acht Nächte hintereinander schliefen wir im Zelt ohne Regenplane und starrten auf das selbe, sternenbesetzte Firmament mit seinem milchigen Band, das auch Georgia ehedem vor Augen hatte. Kojoten brachten uns ein Ständchen in der Nacht, Vögel am Tag.

Sonnenaufgang von einem unserer Zeltplätze entlang des Rio Chama

Wie einst Georgia O’Keeffe war es uns vergönnt, auf dieser sonnengebackenen und sandigen Erde zu wandeln, und in ihren Bann gezogen zu werden.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/11/16/painter-of-the-desert/

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15 Gedanken zu “Malerin der Wüste

  1. Wieder hast Du mir eine wunderschöne AUGENREISE beschert, liebe Tanja.
    Ich mag die Bilder von Georgia O’Keeffe sehr gerne und finde es sehr aufschlußreich, einmal durch „ihre“ wahrlich horizontweitende, lichtluftige Lieblingslandschaft zu spazieren.
    Herzensdank und Herzensgruß von mir zu Dir ❤

    Gefällt 2 Personen

  2. Hallo Tanja,
    danke fuer deinen interessanten Bericht und fuer die begleitenden Bilder.
    Solche vielfarbene Felsformationen konnte ich schon mal in „Painted Desert“ in Arizona bewundern und bestaunen! Und wie du so schoen schreibst, man wird in ihren Bann gezogen!

    Ich habe dann gleich mal nach Georgia O’Keeffe im Internet nachgeschaut und WOW! was fuer tolle Bilder sie gemalt hat! Am meisten haben es mir ihre Baeume angetan!
    Viele Gruesse aus Kanada,
    Christa

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank, liebe Christa. Ich mag ihre Gemälde auch, besonders die Landschaften und Blumen.
      In der Painted Desert waren wir auch mal vor Jahren, und auch dort war es wunderschön. Mich zieht es immer wieder in die „Four Corners“ Region überhaupt, aber nicht im Sommer!
      Herzlichst,
      Tanja

      Gefällt 1 Person

      • Mein Kommentar war vielleicht etwas mißverständlich. Wenn ich an Four Corners
        denke, beziehe ich mich nicht nur auf den eigentlichen Punkt, wo die vier Staaten zusammentreffen, sondern auch auf die umliegenden Gebiete. Deshalb habe ich die Painted Desert auch dazugezählt, wenn das geographisch vielleicht auch nicht ganz so korrekt ist. Sorry for the confusion.

        Gefällt 1 Person

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