Sand Creek

Einhundertdreiundfünzig Jahre sind seit einem der schändlichsten Kapitel in Colorados Annalen vergangen: dem Sand Creek Massaker des 29. November 1864. Während im Osten des Landes der Bürgerkrieg tobte, standen im Westen Konflikte mit Indianern, die ihre Heimat vor den Eindringlingen zu verteidigen suchten, im Vordergrund, und nahmen an Häufig- und Ernsthaftigkeit zu. Im August 1864 gründete Gouverneur Evans eine Miliz, die einhundert Tage lang im Einsatz sein sollte, um das „Indianerproblem“ zu lösen. Er setzte Colonel John Chivington als Kommandant ein. Dieser war seit der Schlacht bei Glorieta Pass in Neu Mexiko im Jahre 1862 ein Kriegsheld. Damals hatte sein Kommando eine Armee Konföderierter aus Texas davon abgehalten, nach Colorado vorzustoßen, und die dortigen Goldfelder in Besitz zu nehmen.

Evans und Chivington, die beide der methodistischen Kirche angehörten (letzterer war vor seiner militärischen Karriere sogar ein ordinierter Geistlicher), machten aus ihrer feindlichen Gesinnung den Indianern gegenüber kein Geheimnis. Sie planten einen Angriff auf ein Lager von Southern Cheyenne und Arapahoe entlang des Flusses Sand Creek im Südosten Colorados, etwa 65 Kilometer nördlich von Fort Lyon gelegen. Dabei ignorierten sie das Versprechen des Staates, friedfertigen Indianern sichere Orte zuzusichern, ebenso wie die Tatsache, daß deren Führer kurz zuvor nach Denver gereist waren, um dem Gouverneur ihre friedlichen Absichten zu beteuern. Evans wollte Siedler beschwichtigen, die unter Indianerangriffen litten und Taten forderten. Er war entschlossen, von den Freiwilligen vor Ablauf der Wehrpflicht Gebrauch zu machen, auch wenn er dadurch geflissentlich übersah, daß die Ansammlung der Indianer am Sand Creek nicht gewalttätig war.

Unverblümter Aufruf des Gouverneurs des Territoriums Colorado, die feindlich gesinnten Indianer auszumerzen

Chivington und sein 3. Colorado Regiment marschierten von Denver nach Fort Lyon, wo sie am Abend des 28. November ankamen. Er verhängte sogleich eine Ausgangssperre, um etwaige Sympathisanten daran zu hindern, die Indianer zu warnen. Im Schutze der Dunkelheit führte er etwa 700 Soldaten (sein Regiment mit Verstärkung aus Fort Lyon) Richtung Sand Creek. Dort wehte die amerikanische Flagge über dem Lager. Als sich die Armee näherte, hißte Häuptling Black Kettle, einer der vorherigen Delegierten nach Denver, eine weiße Fahne. Da die meisten Krieger auf der Jagd waren, hielten sich zu dieser Zeit im Lager geschätzte 600 bis 700 Menschen auf- überwiegend ältere Männer, Frauen und Kinder. Trotzdem griffen die Soldaten, unterstützt von Kanonen, im Morgengrauen an. Mindestens 150 Indianer starben, und ähnlich viele wurden verletzt. Den restlichen Bewohnern gelang die Flucht, doch mußten sie alle Besitztümer zurücklassen, obwohl ein langer Winter bevorstand.

Ehemaliges Wintercamp der Cheyenne und Arapahoe

Der Bach „Sand Creek“ sicherte die Wasserversorgung

Die Zahl der Opfer wäre sicherlich höher ausgefallen, hätten sich zwei Offiziere von Fort Lyon, Captain Silas Soule und Lieutenant Joseph Cramer, nicht geweigert, Menschen, denen an diesem Ort der Schutz der US Armee zugesichert worden war, zu bekämpfen. Dank ihrer Augenzeugenberichte wurde das Ausmaß des Blutvergießens und der nachfolgenden Verstümmelungen der Opfer bekannt. Die öffentliche Zurschaustellung der Körperteile der sogenannte „Wilden“ während eines Triumphzugs in Denver nach der Rückkehr der „siegreichen“ Brigade bestätigte deren Beschreibungen. Soule und Cramer sagten in der nachfolgenden Untersuchung einer Regierungskommission aus, und riskierten damit nicht nure ihre Karriere sondern auch auch ihr Leben. In der Tat wurde Soules nur einige Monate später in Denver auf offener Straße erschossen, ein klarer Vergeltungsakt. Sein(e) Mörder wurde(n) nie bestraft. Evans und Chivington traten zwar von ihren jeweiligen Posten zurück und wurden vom amerikanischen Kongress ermahnt, doch wurden sie nie bestraft. Viele Bewohner Colorados sahen sie lebenslang als Helden an.

Denjenigen, die die Schuldigen verteidigen und behaupten, sie seien Kinder ihrer Zeit gewesen und hätten nur die gängige Weltanschauung vertreten, entgegne ich, daß viele Zeitgenossen die begangenen Verbrechen verdammten. Captain Soule und Lieutenant Camer waren dafür leuchtende Beispiele. In Colorado Springs setzte sich die Schriftstellerin Helen Hunt Jackson für die Belange der Indianer ein, nachdem sie eine Rede des Ponca Häuptlings Standing Bear zutiefst rührte. Sie nannte die Dinge beim Namen und kritisierte öffentlich die an unzähligen Indianerstämmen begangenen Missetaten. Im Gegensatz zu Evans und Chivington sind diese drei Personen Menschen, die ich bewundern kann.

Sand Creek Denkmal; die Gegend um Sand Creek ist seit dem Jahr 2007 ein nationalhistorischer Ort (National Historic Site)

Diese schmachvolle Stätte wurde 2007 zum geschichtlich bedeutsamen Ort (Sand Creek Massacre National Historic Site) erklärt. Seit dem Jahr 1999 nehmen die Nachfahren der Überlebenden des Massakers alljährlich an einem 290 Kilometer langen Lauf Ende November teil, der der spirituellen Heilung gewidmet ist (Spiritual Healing Run) und der von Sand Creek zu Captain Soules Grab im Riverside Friedhof in Denver führt.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/11/29/sand-creek/

2 Gedanken zu “Sand Creek

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