Amache

Heute vor 76 Jahren, am 7. Dezember 1941, bombardierte die japanische Luftwaffe die amerikanische Marine in Pearl Harbor auf Hawaii. In Folge erklärten die Vereinigten Staaten, die vordem offiziell nicht in den zweiten Weltkrieg verwickelt werden wollten, Japan und seinem Verbündeten Deutschland den Krieg, was langfristig den Verlauf dieser verheerenden globalen Katastrophe änderte. Kurzfristig nahm es auf das Schicksal der in den USA lebenden Personen japanischer Abstammung Einfluß. Innerhalb weniger Monate wurden in einer unverhältnismäßigen, fremdenfeindlichen Reaktion auf eine vermeintliche japanische Bedrohung etwa 126.000 Menschen, von denen zwei Drittel US Staatsbürger waren, ohne Vorwarnung gezwungen, ihre Domizile und Geschäfte ohne Kompensation aufzugeben. Sie wurden zunächst in Sammellager gebracht, um danach auf eine von zehn permanenten Einrichtungen in verschiedenen Staaten verteilt zu werden, zu denen auch Colorado gehörte.

Der offizielle – und euphemistische – Titel von Camp Amache lautete „Granada Umsiedlungslager”. Es befand sich in der Nähe des Städtchens Granada, im abgelegenen Südosten Colorados. Der Name, einer Cheyenne Indianerin entliehen, war eine ironische Wahl. Sie war mit einem Pionier in der kleinen Siedlung Boggsville in der Nähe von Las Animas verheiratet, wo Weiße, Mexikaner und Indianer in den 1860er Jahren friedlich miteinander existierten. Obwohl zwischen Boggsville und Amache nur 100 Kilometer und 80 Jahre liegen, trennten sie Welten. Zwischen August 1942 und Oktober 1945 wurden in Camp Amache bis zu 7.500 Menschen auf einem Gelände von zweieinhalb Quadratkilometern eingepfercht, das von Stacheldraht und Wachtürmen umringt war. Sie lebten in überfüllten Baracken, von der ofenartigen Hitze und den tiefkühltruhenartigen Temperaturen der Prärie nur durch dünne Holzwände getrennt. Die sanitären Einrichtungen waren gemeinschaftlich und lagen von den Wohngebäuden entfernt, was in einem weiteren Verlust der Privatsphäre resultierte.

Trotz seiner Isolation und Schlichtheit entwickelte sich Amache zu einer vollfunktionierenden Stadt, was dem Erfindungsreichtum der Insassen zu verdanken war. In einem beeindruckenden Beispiel der Selbstverwaltung entwarfen gewählte Repräsentanten Gesetze, nach denen sich die Bewohner richten mußten. Die Gefangenen organisierten Schulen, Krankenhäuser, Kirchen, Polizei, eine Zeitung und verschiedene Geschäfte. Auf 40 Quadratkilometern bauten sie eigene Nahrungsmittel an und betrieben Viehzucht. Sie kochten und verteilten Mahlzeiten in Kantinen. Viele waren erfolgreiche Bauern in Kalifornien gewesen und entlockten den Böden Colorados solch guten landwirtschaftlichen Erträge, daß sie mit den Früchten ihrer Arbeit weitere Lager versorgen konnten. Um das plötzliche Bevölkerungswachstum aufzufangen, wurde Agrarland in der Nähe von Amache von dortigen Landwirten gegen deren Willen von der Regierung erworben. Trotzdem adoptierten und führten einige die neuen Methoden nach der Auflösung des Camps weiter.

Ein Museum in der Stadt Granada illustriert, wie Ereignisse im weitentfernten Pearl Harbor die Geschicke dieser Gemeinde bestimmten, und wie mit problematischen Fragen der eigenen Vergangenheit umgegangen werden kann. Es wird von der „Gesellschaft für die Bewahrung von Amache“ (Amache Preservation Society) geleitet, die von einem Lehrer am dortigen Gymnasium ins Leben gerufen wurde, und nun von Schülern desselben betrieben wird. Etwa 1,6 Kilometer westlich des Museums liegt das einstige Lager, das zum nationalhistorischen Denkmal ernannt wurde, und ebenfalls Besuchern offen steht. Von der ursprünglichen Infrastruktur haben nur die Fundamente der Gebäude und das Straßennetz überlebt. Neben einer Baracke wurden ein Wasser- und ein Wachturm nachgebaut.

Am Rande des Lagers liegt ein Friedhof, eine grüne, friedvolle Insel, die einem japanischen Garten gleicht. Grabsteine, ein Schrein und ein Denkmal erinnern an die Opfer, die ihr Leben ließen, sei es im Lager, oder während ihres Kriegseinsatzes. Die Wehrpflicht machte nicht vor denen Halt, die in den Umsiedlungslagern interniert waren. Aus verständlichen Gründen verweigerten viele ihren Dienst und wurden, absurderweise, mit Gefängnis bestraft. Noch erstaunlicher war es allerdings, daß sich etwa 10 Prozent der Insassen trotz ihrer schmachvollen Behandlung als Freiwillige meldeten. Mehr als dreißig kamen um. Sie brachten damit das größtmögliche Opfer für Amerika, das sie als Heimat ansahen – ihre Heimat.

Mit unseren menschlichen Schwächen, fehlgeleiteten Aktionen und frustrierenden Rückschritten konfrontiert, gebe ich dennoch die Hoffnung nicht auf, daß wir die Zukunft verbessern können, wenn wir die Vergangenheit besser verstehen.

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/12/07/amache/

6 Gedanken zu “Amache

  1. Im Roman „Schnee, der auf Zedern fällt“ von David Guterson wird sehr eindringlich von der „Umsiedlung“ der amerikanisch-japanischen Bevölkerung erzählt und von den nachhaltigen Auswirkungen, die diese Zwangsmaßnahme für die Menschen hatte.
    Es wäre für alle Länder klug, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen …
    Schön, daß Du mit Deinem einfühlsamen Bericht dazu beiträgst.
    Herzensgruß von mir an Dich 🙂

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    • Herzlichen Dank für Deinen Kommentar, und Dein literarisches Beispiel, liebe Ulrike. Die Bewältigung unserer Vergangenheit geht ja (glücklicherweise) ständig weiter, doch haben wir noch immer Probleme, aus ihr zu lernen. Irgendwie kann frau aber trotzdem die Hoffnung nicht ganz aufgeben.

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  2. Leider hat Kanada das Gleiche gemacht und der prominenteste Internierte, den ich kenne (leider nicht persönlich) ist David Suzuki, der heute mit zu den führenden kanadischen Umweltaktivisten gehört.
    Ja, leider lernt die Menschheit nicht aus den Fehlern der Vergangenheit!

    http://www.thecanadianencyclopedia.ca/en/article/japanese-internment-banished-and-beyond-tears-feature/

    Danke für deinen interessanten und lehrreichen Bericht!

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Christa,
      Danke für Dein Interesse, Deinen Kommentar, und für den Link. Ich finde es sehr frustrierend, daß wir anscheinend nicht in der Lage sind, eine bessere Welt zu schaffen, obwohl wir eigentlich schon wissen, wie das bewerkstelligt werden könnte. Aber damit hat die Menschheit wahrscheinlich schon immer zu kämpfen.
      Ich wünsche Dir einen friedlichen zweiten Advent.
      Herzlichst,
      Tanja

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  3. Manchmal möchte frau verzweifeln 😦
    aber dann denkt sie an diese Worte

    „Niemals und unter keinen Bedingungen dürfen wir verzweifeln. Zu hoffen und zu handeln, das ist unsere Pflicht im Unglück. Tatenlose Verzweiflung bedeutet so viel wie die Pflicht vergessen und sich ihr entziehen.“ – Boris Pasternak, Doktor Schiwago

    Danke für den interessanten Bericht.
    Herzliche Grüße
    Brigitte

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