Berlin-Wannsee

Während meines Berlinaufenthaltes vergangenen Herbst besuchte ich Stadt und See Wannsee in den westlichen Gefilden der Hauptstadt. Der Ohrwurm aus dem Jahre 1951 „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nischt wie raus nach Wannsee”, der in meinem Kopfe spielte, mag etwas mit meiner Entscheidung zu tun gehabt haben, obwohl ich ihn seit Jahrzehnten nicht gehört hatte. Woran ich mich nicht sofort erinnerte, bis ich den Namen auf der Stadtkarte an meinem Zielbahnhof las, war die „Wannsee Konferenz“, der totale Gegensatz zu dieser leichtherzigen Melodie, aber den Mühlen meines Gedächtnisses wurde schnell wieder auf die Sprünge geholfen.

An diesem ungewöhnlich milden Dezembermorgen machte ich mich durch die wohlgepflegten Straßen dieses schon immer wohlhabenden Vororts auf. Als ich an dem ernüchternden Ort der berüchtigten Zusammenkunft ankam, fröstelte es mir, trotz der warmen Sonnenstrahlen. Am 20. Januar 1942 trafen sich hier fünfzehn führende Köpfe in Hitlers Regierung, um die Ermordung aller europäischer Juden offiziell zum Ziel zu erklären. In dieser wunderschönen, 1915 vom Fabrikanten Ernst Marlier erbauten, und von 1941 bis 1945 von der SS als Konferenzzentrum und Gästehaus genutzten Villa, beschlossen diese Männer, Millionen Unschuldiger wegen ihrer Ethnizität oder Religion auszurotten – während sie im opulenten Speisesaal fürstlich speisten, mit Aussicht auf den idyllischen Garten und See.

Ich besuchte die Ausstellung der im Jahre 1992 eröffneten „Gedenk- und Bildungsstätte-Haus der Wannsee Konferenz“. Ich spazierte durch das sonnendurchflutete Gelände, in dem lieblicher Vogelgesang erschallte. Dem Grundstück genau gegenüber erspähte ich den Sandstrand des Strandbades Wannsee, Thema des oben erwähnten Liedes, das mich hierher gebracht haben mag. Dort wurde den Juden in den ersten Jahren nach Hitlers Machtübernahme „lediglich“ der Eintritt untersagt, als deutsche „Philosophen“ vielleicht noch den Wahnsinn, der später Europa und die ganze Welt ins Elend stürzte, hätten verhindern können.

Immer wieder stolperte ich über die Frage, wie so etwas in Deutschland passieren konnte – in dem Land der „Dichter und Denker“. Weil es auch Land der „Richter und Henker“ war. Ein Reim. Wie poetisch. Wie absurd.

Auch wenn es – trotz aller Anstrengungen – nicht möglich ist, die Vergangenheit zu ändern oder schönzuschreiben, frage ich mich, wie wir verhindern können, daß neue Demagogen, egal wo, Menschen in die Irre führen, neue Lügen verbreiten, neue Feindbilder malen. Wie können wir uns auf unsere gemeinsame Menschlichkeit besinnen, anstatt gewisse Gruppen zu entmenschlichen, zu unterdrücken, zu töten, sei es aus politischen, aus religiösen oder aus ethnischen Gründen?

Klicken Sie bitte hier für die englische Version/click here for the English version:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2018/01/20/berlin-wannsee/

9 Gedanken zu “Berlin-Wannsee

  1. Wenn man sich Deine schönen Bilder anschaut, erscheint alles so friedlich im schönsten Sonnenschein, ja schon fast idyllisch. Da kann man sich echt nicht vorstellen, dass diese
    Bauten einst von der SS für ihre widerlichen Konferenzen genutzt wurden.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.