Ein vielgefeierter Mann

Ganz in der Nähe meines ehemaligen Zuhauses in Rheinhessen läutete ein einschneidendes Erlebnis die endgültige Totenglocke des finsteren Mittelalters: Martin Luthers beherztes, wenn auch etwas tollkühnes Auftreten auf dem Wormser Reichstag im April 1521 vor Karl V, Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation.

Der von 1483 bis 1546 lebende Augustinermönch Luther war bereits seit 1517 ein Stachel im Fleisch der katholischen Kirche, als er seine 95 Thesen an der Dorfkirche in Wittenberg angeschlagen hatte, die grundlegende Lehren der Kirche hinterfragten, besonders den Ablaß. Er erhielt eine Einladung nach Worms zur Widerrufung seiner frevelhaften Ideen. Nachdem er kundgab, sich nur durch biblische Gegenargumente überzeugen zu lassen, schmuggelte ihn sein Gönner, Prinz Friedrich III von Sachsen, getarnt aus der Stadt, weil er um sein Leben fürchtete. Das Wormser Edikt gab ihm Recht, denn im Mai 1521 wurde Luther öffentlich zum Ketzer erklärt, und ein Kopfgeld für ihn ausgeschrieben.

Während seine Situation durch den von Papst Leo X ausgesprochenen Kirchenbann noch heikler wurde, übersetzte Martin Luther in seinem Versteck auf der Wartburg in nur zehn Wochen das neue Testament aus dem Griechischen ins zeitgemäße Deutsche, damit fortan alle seine Landsmänner und -frauen das Wort Gottes ohne die Interpretation eines Geistlichen verstehen konnten. Die etwa zur gleichen Zeit durch Johannes Gutenberg eingeführten beweglichen Lettern ermöglichten den Buchdruck und die Verteilung von Bibeln im großen Stil, und hatten eine Umwälzung der mittelalterlichen Weltordnung zur Folge. Reformation und Gründung der protestantischen Kirche in den nachfolgenden Jahren sorgten für mehr Aufruhr und resultierten letztendlich im verheerenden dreißigjährigen Krieg (1618-1648).

Worms rühmt sich schon seit langem des Reformators. Das bekannte, 1868 vollendete und ihm und seinen Vor– und Mitstreitern gewidmete Lutherdenkmal im Herzen der Stadt war auch Bestandteil meiner Schulzeit. Ich erinnere mich vage an die Festlichkeiten anläßlich des 500. Jahrestages seiner Geburt im Jahre 1983. Im vergangenen Jahr zelebrierte die Stadt mit vielen anderen zusammen das bahnbrechende Jahr 1517 seiner 95 Thesen, das in landesweiten Feiern am Reformationstag, dem 31. Oktober, gipfelte. Da ich erst Mitte November in Deutschland weilte, verpaßte ich alle Sonderveranstaltungen, doch beschritt ich einige der von Luther während seines zehntägigen Aufenthaltes in Worms begangenen Wege.

Laut Tradition erreichte Luther die freie Reichsstadt durch die Martinspforte. Das zerstörte Original wurde durch eine Nachbildung ersetzt. Moderne Gebäude traten an die Stelle der einstigen Herberge, in der er wohl schlaflose Nächte verbrachte. Der Ort des Bischofspalastes im Schatten des romanischen Kaiserdoms, wo Luther Kirchenmännern und Kaiser gleichermaßen die Stirn bot, indem er sich weigerte, seine revolutionären Konzepte zu widerrufen, ist heutzutage malerischer Park des benachbarten Museums Heylshof.

Martinspforte

Ehemaliger Bischofspalast neben dem Dom St. Peter

Gedenktafel für den Reichstag

Luthers große Schuhe, eine neue Plastik

Die Magnus Kirche ist eine der ältesten, noch bestehenden Strukturen, wo früh Predigten in Luthers Geist verbreitet wurden. Ich nahm mir nicht die Zeit, den ehemaligen Andreasstift zu besuchen, der das Wormser Heimatmuseum sowie eine Kopie einer Lutherbibel mit seinen eigenen, handschriftlichen Bemerkungen beherbergt, . Die im 18. Jahrhundert errichtete Dreifaltigkeitskirche am Marktplatz lasse ich bei keinem Halt in Worms aus, da meine väterlichen Großeltern einst dort heirateten. Nach ihrer nahezu vollständigen Zerstörung im zweiten Weltkrieg wurden die Außenmauern erhalten, und die original barocke Innenausrichtung im modernen Stil ersetzt. Ein Luther vor Kaiser Karl im Jahre 1521 darstellendes Mosaik ziert die Wand hinter der Orgel.

Magnuskirche

Dreifaltigkeitskirche und Dom

Inneres der Dreifaltigkeitskirche

Wandmosaik

Ich hatte das Gefühl, daß nach fast einem Jahr Lutherfeierlichkeiten eine gewisse Luthermüdigkeit Worms und das Land erfaßt hatte, doch vermute ich, daß diese überstanden wird, und daß es wieder einen Grund geben wird, den Reformator mit Glanz und Gloria zu feiern. Bis 2021 ist es nicht mehr lang.

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Die Freuden der Vogelschau

Fast kein Tag vergeht, an dem ich nicht nach Vögeln Ausschau halte, sei es an unseren Futterstellen im Garten, sei es auf Ausflügen mit Fernglas und Kamera. Menschen, die keine Vogelliebhaber sind, können sich überhaupt nicht vorstellen, Stunden mit der Suche nach gefiederten Wesen zu verbringen. Ich frage mich manchmal selbst, warum es mich nicht langweilt, ausgedehnte Zeitabschnitte damit zu verbringen, Tiere zu beobachten, die ich schon unzählige Male gesehen habe, aber ich werde ihrer nie müde. Weitverbreitete Vertreter, wie Sperlinge, Finken oder Meisen erfreuen mich ebenso wie seltenere Individuen, und das wiederholte Betrachten der bekannten Varietäten ermöglicht es, über ihre täglichen, monatlichen und jährlichen Zyklen zu lernen, was faszinierende Einblicke in ihr Leben vermittelt.

Viele Vogelbeobachter führen Listen über die von ihnen gesichteten Arten, seien sie mental oder buchstäblich. Es wäre unwahr zu behaupten, daß mir die Entdeckung einer neuen Art, eines sogenannten „Lifers“ (auch im deutschen Sprachgebrauch hat sich das Wort inzwischen eingebürgert) gleichgültig wäre. Auch wenn das keine Voraussetzung für das Genießen der Vogelwelt ist, spornt die damit verbundene Spannung zu ihrer tieferen Erforschung an. Monate mögen ohne Novum verstreichen, um plötzlich von ungeahnt vielen Überraschungen gefolgt zu werden. Das Ende von 2017 und der Beginn von 2018 verkörpern eine solch außergewöhnlich produktive Periode für mich – 10 „Lifers“. Ich schulde anderen Beobachtern und Vogelfreunden Dank, die diese Arten gefunden und auf „eBird“ kundgetan haben, einer Webseite, die der Dokumentation und Überwachung von Vögeln dient, und die mit dem renommierten Cornell Lab of Ornithology verbunden ist. Die Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft unter Vogelliebhabern ist beeindruckend.

Auch wenn ich generell versuche, diese neuen Vögel mit meiner Kamera zu erhaschen, habe ich nicht immer Erfolg, oder die Bildqualität lässt zu wünschen übrig. Deshalb zeige ich hier keine Photos der Mantelmöwe (Larus marinus), des Fichtenkreuzschnabels (Loxia curvirostra), und der amerikanischen Samtente (Melanitta fusca), sondern nur die restlichen der insgesamt zehn beschwingten Wesen, die diesen sonst etwas düsteren und herausfordernden Lebensabschnitt für mich erhellt und bereichert haben. Mögen sie auch Dir Freude bereiten.

Carolinazaunkönig (Thryothorus ludovicianus)

Spornammer (Calcarius lapponicus)

Meisenwaldsänger (Setophaga americana)

Rostscheitel-Waldsänger (Setophaga discolor)

Gelbschnabeltaucher (Gavia adamsii)

Feuerkopf-Saftlecker (Sphyrapicus ruber)

Halsbanddrossel (Ixoreus naevius)

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