Colorados Prärie

Wer Colorado“ hört, stellt sich hohe Berge, Alpinsport und Winterwunderwelten vor. Zwar sind unsere dreiundfünfzig 4000 Meter hohen Gipfel Wahrzeichen unseres Staates, doch besteht mindestens ein Drittel aus Prärie und gehört zu den High Plains. Auf einer Landkarte wird diese östliche Fläche Colorados oft in Weiß dargestellt, wobei man den Eindruck gewinnen könnte, die Gegend sei leer. Die meisten Reisenden, die lange Stunden mit der Durchquerung dieser weiten Landstriche im Auto verbringen, mögen diesem Eindruck zustimmen, was auch der Fall für meinen Mann und mich war, bis wir uns entschlossen, diese „leeren“ Gebiete mittels wiederholter Ausflüge zu erkunden.

Diese Landschaft ist nicht minder beindruckend als die des restlichen Staates, wenn vielleicht auch erst auf den zweiten Blick. Obwohl sich die heutige Prärie von der ursprünglichen unterscheidet, und obwohl landwirtschaftliche Felder und Weideland überwiegen, existieren noch Inseln mit überlebenden oder wiedereingeführten Grassteppen. Aus wilden Gräsern und wilden Blumen gewebt, gedeihen sie mit nur wenig Niederschlägen. Allerlei Frühlings- und Sommerblüten werden von langlebigen Sonnenblumen überdauert, deren gelbe Blütenblätter die attraktiven wenn auch etwas gedeckten Herbsttöne beleben. In Zeiten der Dürre mag es vorkommen, daß die Farben das ganze Jahr über gedämpft sind. Ich sehe Parallelen zwischen der Prärie und Colorados höheren Lagen. Prächtige Pappeln, die den Espen der Gebirgswelt entsprechen, kleiden sich wie diese in ein goldenes Herbstgewand, und die weitreichende Gräserlandschaft ähnelt der Tundra oberhalb der Baumgrenze.

Diese überwiegend flache Welt, die allmählich und unmerklich von 1800 Metern Höhe in Colorado Springs bis auf 1000 Meter an der Grenze zu Kansas abfällt, scheint nur aus zwei unendlichen Elementen zu bestehen: Erde und Himmel. Letzterer mag so freundlich und blau sein wie die Kornblumen, die im Sommer den Wegrand säumen, oder bedrohlich grau. Blitz und Donner sowie mögliche Wirbelstürme sind furchterregende Hinweise auf weniger gütige Naturgewalten. Wind, ein stetiger wenn nicht ständiger Begleiter, trägt zur veränderlichen Wolkenlandschaft bei, ebenso zur Aktivität der allgegenwärtigen Windmühlen, die Grundwasser in Behälter pumpen, die von domestizierten und wilden Besuchern gleichermaßen aufgesucht werden. Smaragdgrüne Schleifen winden sich durch die großzügige Kulisse und weisen auf Ströme hin. Flüsse, wie der Arkansas und South Platte, samt ihren Zuflüssen, bedeuten Leben. Ohne Wasser gäbe es keine Stauseen, keine erfolgreichen Siedlungen, keine Landwirtschaft, keine Tiere.

Tatsächlich ist die Fauna reichlich und vielfältig. Gabelböcke grasen an Stauden, immer mit einem argwöhnischen Blick auf die Menschen, die sie fast in Vergessenheit geballert hätten, bevor sich ihre Zahlen erholten. Diese schnellsten Landtiere der westlichen Hemisphäre haben angeblich ihre Behendigkeit entwickelt, um den inzwischen ausgestorbenen amerikanischen Geparden zu entkommen. Den geschätzt sechzig Millionen Büffeln, die einst diese Gefilde ihr eigen nannten, erging es weniger glimpflich. Dort, wo sie wiedereingeführt wurden, sind sie von Zäunen umringt. Spitze Ohren im Gras mögen einem Fuchs angehören, oder einem Hasen. Präriehunde lungern in der Nähe ihrer Höhleneingänge herum, die sie oft mit Prärieulen teilen. Was auf den ersten Blick wie ein fliegender Präriehund aussehen mag, stellt sich auf den zweiten als Eule mit langen Beinen und ausdrucksvollen Augen heraus.

Dem Sternengucker bieten sich Einblicke in die Milchstraße und in fernere Galaxien, da ob der niedrigen Bevölkerungsdichte wenig Lichtverschmutzung herrscht. Wir lieben Camping und das dünne Zeltmaterial ermöglicht eine vollere Wahrnehmung der Nachtgeräusche. Bebende, von einem Windhauch angeblasene Blätter ähneln Regentropfen. Die nächtliche Stille wird von Eulenrufen und Froschgequake unterstrichen, ebenso von dem facettenreichen Geheule der Kojoten. Wenig andere Kreaturen verkörpern den Westen wie diese Verwandten unserer beliebtesten Haustiere, und wenig Kreaturen sind so kontrovers: verehrt von manchen, verachtet von anderen.

Zu den Hauptgründen vieler Ausflüge in den letzten Jahren gehört auch mein Wunsch, mich mit Bewohnern der gefiederten Art bekannt zu machen. Da der östliche Teil Colorados zur zentralen Flugstraße gehört, ziehen dort viele Vögel durch. Dank ihrer historisch hohen Zahlen in dieser Gegend wurde die Prärieammer zum Staatsvogel Colorados erklärt. Ganze Scharen fliegen neben dem Auto her, ähnlich wie Ohrenlerchen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, indem sie vor rasenden Fahrzeugen hin- und herflitzen. Unterschiedliche Trupial- und Sperlingsarten sind zahlreich vertreten, ebenso wie die sogenannten Tyrannen, deren aggressives territoriales Verhalten in ihrem Gattungsnamen resultierte. Die Spottdrossel, Mimus polyglottos (wörtlich vielzungiger Imitator), macht ihrem Namen ebenfalls Ehre und beindruckt mit ihrem Repertoire dessen Inhalte sie sich von allerlei anderen Federtieren abgehört hat.

Seit meinen ersten Begegnungen vor einigen Jahren habe ich nahezu alle dieser Vogelarten in der Prärielandschaft im östlichen El Paso County entdeckt, fast direkt vor unserer Haustür, was das alte Sprichwort bestätigt, daß man nur Bekanntes wirklich wahrnimmt. Ob in der Ferne oder Nähe zählt der Wiesenstärling zu meinen Lieblingsvögeln. Die Behauptung, daß er zwischen dem Stadt- und Staatsrand so gut wie nie außer Hörweite ist, ist keine Übertreibung. Wann immer er aus voller Kehle singt, erfreut er mein Herz, und erinnert mich daran, daß Colorados Prärie, anstatt leer zu sein, voller Klänge und Sehens- und Liebenswürdigkeiten ist.

Bitte hier für die englische Version klicken/click here for the English version:

http://tanjabrittonwriter.com/2018/06/06/colorados-prairie/

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6 Gedanken zu “Colorados Prärie

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