Ein berühmter Brandbeobachter

Wenn mein Büro auf einer 2.971 Meter hohen Warte säße, und einen Panoramablick auf Colorados Berge und Hochebene böte, würde ich gerne jeden Morgen 143 steile Stufen erklimmen, um meinen Arbeitsplatz zu erreichen. Das vom Arbeitsgeber gestellte Domizil würde mich genauso wenig stören wie das Plumpsklo. Ich würde sogar liebend gern jeden Sommer an einem Ort leben, dessen Distanz zum nächstgelegenen Zugangspunkt zweieinhalb Kilometer, und dessen Höhenunterschied 300 Meter beträgt.

Leider hat dieses 1951 erbaute Büro, dessen Daseinszweck die Früherkennung von Waldbränden ist, keine freie Stelle, denn die Position des Brandbeobachters besetzt bereits seit 1984 Bill Ellis. Als Angestellter des US Forstamtes übernahm er in seinen 50er Jahren die vollzeitige wenn auch saisonbedingte Rolle, und verbringt dort mit seiner Gattin und anfänglich auch vier Kindern jede Feuersaison, mit Ausnahme weniger Jahre. Inzwischen Mitte 80, ist er zur lebenden Legende geworden. Sein Beruf ist im Aussterben begriffen, denn moderne Technologien der Feuerfrüherkennung ersetzen immer mehr das menschliche Auge.

Als Ansässige in Colorado Springs lesen wir gelegentlich Zeitungsartikel über den bekannten Ausgucker auf dem Teufelskopf (Devils Head), einem Felsvorsprung, der angeblich von einigen Warten aus Satans Birne ähneln soll. Dieser Ort stand lange auf unserer Wunschliste, und Ende Juni sahen wir ihn endlich für uns selbst. Obwohl der Wanderweg nur etwa 72 Kilometer von der Stadt entfernt liegt, ist er nur über eine holprige Schotterstraße (Rampart Range Road) zu erreichen, und wir brauchten fast zwei Stunden dazu. So entlegen er auch sein mag, ist seine Beliebtheit ebenso gewachsen wie Colorados Bevölkerung, und auch wenn der Parkplatz nicht voll war, enthielt er an diesem Wochentag viele Autos.

Zum Vergrößern das Bild anklicken, um den Titel zu lesen, mit der Maus darüber schweben.

Entlang des zweieinhalb Kilometer langen, von Wildblumen gesäumten, Fußpfades schlürften schimmernde Schmetterlinge süßen Blütennektar, und sangen Einsiedlerdrosseln ihre melancholische Melodie. Als wir das flache Areal erreichten, wo die Holzhütte des Ehepaares von Fichtenzweigen beschattet stand, entdeckten wir nur indirekte Anzeichen der zweiten Bewohnerin. Margaret Ellis war nicht zu sehen, doch die auf der Wäschespinne trocknenden Badetücher deuteten auf ihre Anwesenheit hin.

Nachdem wir schnaufend und keuchend 143 Treppenstufen hinter uns ließen, wurden wir mit einem Rundumblick vom Wachturm belohnt, der wie das Nest eines Greifvogels auf dem höchsten Punkt balancierte. Seine Tür war weit geöffnet und drinnen war der berühmte Beobachter damit beschäftigt, erste Anzeichen von Flammen oder Rauch zu erspähen, um im Notfall ein ganzes Feuerwehrnetzwerk zu aktivieren, dessen Ziel es ist, einen potentiell desaströsen Brand in unserer seit etwa einem Jahrzehnt unter Trockenheit leidenden Gegend im Keim zu ersticken. Trotz eines fast ständig anhaltenden Besucherstroms, der etwa 40.000 pro Jahr erreicht, begrüßte er jede Gruppe individuell, und war willens, Fragen zu beantworten, und sich fotografieren zu lassen.

Ich werde erhabener Höhen und Vogelperspektiven nie müde, und vermute, Herrn Ellis geht es ähnlich. Trotz der Herausforderung, in hoher Lage ohne Elektrizität und fließendes Wasser zu leben, und trotz des täglichen, anspruchsvollen Trecks zu seinem hohen Posten, war er voll in seinem Element. Mögen seine stille Würde und Kompetenz so lange Teil unserer hiesigen Landschaft und Legenden bleiben, wie es ihm und seiner Frau zuträglich ist, und mögen ihre zukünftigen Wege eben, sonnig und rauchfrei sein.

Bitte hier für die englische Version klicken/click here for the English version:

http://tanjabrittonwriter.com/2018/08/15/a-fire-lookout/

16 Gedanken zu “Ein berühmter Brandbeobachter

  1. Schöne Bilder, schöner Bericht. Klar wie immer. Aber den Job von Bill Ellis könntest Du mir schenken. Stelle ich mir langweilig vor. Lieber jeden Tag mit meiner „Beinkraft“ das Fahrrad bewegen und dahin fahren wo ich meine, einige Fotos machen zu können. Klappt nicht immer, aber wenn macht es zufrieden.

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  2. Was für ein Job!!bUnd auch was für eine Aussicht!
    Eine Woche würde ich da vielleicht schon mal bleiben mögen, aber nicht Saison nach Saison! Hut ab vor diesem Herrn!
    Es wäre sicher sehr interessant zu erfahren, wie seine Kinder die unzähligen Sommer dort oben in Erinnerung haben und wie sie davon geprägt worden sind.
    Danke für diesen interessanten und schön bebilderten Bericht und viele Grüsse
    Christa

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    • In einem der Zeitungsartikel wurde davon berichtet, wie die Kinder diese Sommer erlebten, und es wurde besonders erwähnt, daß die Söhne extrem fit waren, als die nächste Footballsaison im Herbst begann.
      Ich könnte mir vorstellen, dort auch länger zu leben, aber bis man es mal versucht, weiß man es natürlich nicht so genau.
      Liebe Grüße zurück nach Kanada.
      Tanja

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  3. Oh, ich würde sehr gerne dort leben.
    Es ist schön dort oben und der Ausblick ist sensationell.
    Nur Wasser würde mir wahrscheinlich fehlen. Also, Meer, nicht Trinkwasser natürlich.
    Die vielen Stufen erklimmen hält jung und gesund. 🙂
    Das ist ein wunderbarer Beitrag, liebe Tanja.
    Vielen Dank!
    Herzliche Grüße
    Brigitte

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  4. Liebe Tanja
    Ich habe es mal wieder genossen Dir zu folgen, Du bist so eine feinfühlige Beobachterin nicht nur mit der Kamera, sondern auch mit Deinen Worten. So ist jeder Post von Dir für mich ein persönliches Geschenk, um innezuhalten und das zu genießen was Du uns zeigst und erzählst. Danke dafür!

    Liebe Grüße aus Frankfurt, wo ich unter der Woche fast immer vergesse, dass es so viel schöne Sache da draußen gibt! Das lange Wochenende naht, der Hunsrück auch, dann kann auch mich wieder mit dem Verbinden, was ich brauche, um wieder bei mir zu sein….
    Ira

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    • Ich danke Dir für Deine lieben Worte, Ira. Sie erwärmen mir das Herz. 😊
      Ich hoffe Du findest Zeit, um aus der Stadt zu entkommen, eine neue Aussicht zu genießen, und den Kopf mal wieder von der Hunsrücker Brise freigeblasen zu bekommen.
      Mit den besten Wünschen,
      Tanja

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