Ein Ausflug im Spätsommer

Als wir unsere Rucksäcke hochhieven, lösen sich die letzten Spuren der Wolken auf. Der Himmel nimmt allmählich wieder seine legendäre Farbe an, nachdem er von Rauch und Dunst verschleiert wurde. Aktuelle Waldbrände im Westen der USA, bzw. deren hohe Wahrscheinlichkeit, hatten zum erst kürzlich wieder aufgehobenen Verbot von Lagerfeuern und offenen Flammen geführt, und nun machen wir von der Möglichkeit Gebrauch, einige Tage lang zu entkommen. Regen an unserem Zielort verzögerte unsere Abreise um zwei Tage. Jetzt sind wir ihm dankbar, daß er die Luft gereinigt hat, und daß wir im Wald von einem frischen, harzigen Duft umgeben sind.

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Unser Ziel ist es, die Lakes of the Clouds (Wolkenseen) in der Sangre de Cristo Wilderness zu erreichen, und nachdem Colorado Springs etwa 160 Kilometer weit hinter uns liegt, erreichen wir unseren Wanderpfad, wo ein sanfter Wind durch die Zweige der Nadelbäume rauscht, und Espenblätter in der Brise tanzen. Die meisten sind noch grün, aber einige verfärben sich bereits – Vorboten des bevorstehenden Herbsts. Der steinige Pfad führt uns immer höher, zu drei sich in einen Bergkessel schmiegenden Alpenseen, auf einer Höhe von etwa 3.500 Metern. Nach acht Kilometern und 760 Metern Höhengewinn schlagen wir unser Zelt auf.

Wir haben uns nach Colorados Bergwelt und ihren berühmten Wildblumen gesehnt. Unsere jahrelange Dürre hat deren Vielfalt gemindert, und außerdem sind wir etwas spät dran. Dennoch beleben manche farbenfrohen Blüten die Landschaft. Einige Flechten und Büsche, die sich an die Hänge klammern, kleiden sich bereits in ihr rostfarbenes Herbstgewand, das die Berghänge wie Samt erscheinen lässt.

Obwohl wir uns in einer Wildnis befinden, sind die Tiere an menschliche Besucher gewöhnt, da der Ort sowohl unter Wanderern als auch Anglern sehr beliebt ist. Ein weibliches Reh erscheint aus dem Nichts und lässt sich das Gras in der Nähe unseres Zeltes schmecken, ohne jegliche Scheu. Ein wohlgenährtes Erdhörnchen schaut uns beim Wasserfiltern am See zu, und Streifenhörnchen durchsuchen unser Camp, in der Hoffnung einige Brotkrumen zu ergattern. Wir hören das Geschnatter von Eichhörnchen in den Bäumen sowie die schrillen Rufe von Murmeltieren und Pfeifhasen in den naheliegenden Felsen.

Wenig Menschen sind in dieser letzten Augustwoche hierher gewandert, und auch die Zeltplätze liegen weit genug voneinander entfernt, um ein Gefühl der Abgeschiedenheit zu bewahren. Das träge Brummen von Insekten und das Zwitschern von Vögeln begleiten uns durch den Tag, nebst der Hintergrundmusik eines Wasserfalls, der sich in Hörweite unseres Camps über eine Felswand ergießt. Nachts sehen wir das Leuchten unzähliger Sterne, weniger, wenn der Mond um die Wette leuchtet, mehr, sobald er schlafen geht. Außer kurzen Erkundungen der Gegend faulenzen wir: lesen, schreiben, verfolgen den Sonnenstand am Firmament. Auf dem Rücken liegend beobachten wir den himmlischen Tanz der Wolken. Ranken aus Dunst nähern sich einander, berühren sich, lassen sich wieder los, driften auseinander. Wir räkeln uns wie Bergeidechsen in der Wärme, und schwelgen in den spätsommerlichen Farben, dankbar dafür, in das mildtätige Gesicht von Mutter Natur schauen zu dürfen.

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http://tanjabrittonwriter.com/2018/09/11/a-late-summer-getaway/