Herbst im Hochgebirge

Ich schrieb diese Zeilen vor fast genau drei Jahren nach einer Wanderung, und veröffentliche sie jetzt mit leichten Änderungen.

Während einer Reise in das San Juan Gebirge im Südwesten Colorados Ende September mit meinem Mann wird uns wieder bewußt, wie spektakulär die verschiedenen Ecken unseres Staates sind, und wie großartig das Hochgebirge. Das Wetter könnte besser nicht sein. Kühle Nächte wechseln sich mit warmen, sonnigen Tagen ab. Im Gegensatz zu dem temperamentvolleren Sommerwetter, müssen wir uns weniger vor heftigen Nachmittagsstürmen fürchten.

Unsere dreitägige Rucksacktour führt uns von der montanen bis in die alpine Zone. Zu Beginn umringen uns unsere Lieblingsbäume – Espen in ihrem Herbstgewand. Goldene und orangefarbene Blätter rascheln im Wind und das Ganze ähnelt einem impressionistischen Gemälde, das noch dazu seine eigene Melodie spielt. Oberhalb der Baumgrenze grüßen uns weite Täler, und der Lebensraum der Tundra. Zu dieser Jahreszeit verbleiben nur wenige Blüten, doch vor einigen Monaten rauschte hier noch ein Blumenmeer. Die eher gedämpften Herbstfarben haben aber ihren eigenen Charme.

Zum Vergrößern, das Bild bitte anklicken. Um den Titel zu lesen, mit der Maus darüber schweben.

Durch eine bräunliche Wiese schlängeln sich grüne Bänder, und auch ein Gluckern deutet auf fließende Bergströme hin, deren Quelle wir vergeblich suchen. Die Schneefelder des vergangenen Winters haben nicht überlebt, und das Wasser scheint sich direkt aus dem Berg zu ergießen. Das angenehme Wetter lädt zu einer Pause ein, während der wir daran erinnert werden, daß wir nicht die einzigen Kreaturen sind, die sich nach Behaglichkeit sehnen. Auf der anderen Seite des Baches räkeln sich drei Murmeltiere auf sonnenerwärmten Felsen. Bald werden sie sich in ihre Höhlen zum Winterschlaf zurückziehen, denn bis zum ersten Schneefall ist es nicht mehr lang. Auch Pfeifhasen, die ständig in Bewegung sind, lassen sich sehen. Sie beäugen uns mißtrauisch und ihre schrillen Rufe warnen ihre Genossen. Ich versichere ihnen, daß sie von uns nichts zu fürchten haben.

Wir klettern aus dem Bergkessel heraus, und die Aussicht erweitert sich. Eine Bergkette nach der anderen erstreckt sich vor uns, ihre Fassaden eine polychrome Farbpalette, die sich von einem Berg auf den nächsten erstreckt, als habe eine Künstlerin ihren breiten Pinsel über die felsige Leinwand geschwungen. Entlang des Horizonts bilden sich Wolken anscheinend aus dem Nichts. Von einer Minute zur anderen erscheinen im klaren Himmelsblau zunächst Dunstschwaden, die sich bald verdichten, und die unsere Fantasie beflügeln, in ihnen ständig neue Formen und Figuren zu erkennen.

Je höher unsere Schritte uns tragen, desto unbedeutender fühlen wir uns, doch gleichzeitig desto erhabener. Wir sind dankbar, in Colorado zu leben, wo wir Zugang zu unseren majestätischen Landschaften und Bergwelten haben, die all unsere Sinne anregen, und wo wir uns besonders lebendig fühlen. Die Kunst besteht darin, dieses Glücksgefühl in den Alltag mitzunehmen, und es auch dort zu bewahren.

Bitte hier für die englische Version klicken/click here for the English version:

http://tanjabrittonwriter.com/2018/10/09/autumn-in-the-high-country/

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10 Gedanken zu “Herbst im Hochgebirge

  1. Wunderschön wieder, Tanja!
    Was mich außer den herrlichen Landschaftsbildern so freut ist, dass aus jedem Wort die Liebe zu eurer neuen Heimat spricht. So soll das sein, so muss das sein.-)
    Ich danke dir sehr für diesen Genuss und schicke dir liebe Grüße über den großen Teich nach Colorado.
    Brigitte

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    • Dankeschön, liebe Brigitte. Ich vermisse liebe Menschen und Orte in Deutschland, aber die Naturerfahrungen hier haben es mir total angetan, und ich glaube nicht, daß ich das in Europa so hätte erleben können. Aber es ist unmöglich, das zu wissen, da sich dieses Interesse für die Berge und das Wandern eigentlich erst entwickelten, nachdem ich bereits nach Amerika kam.
      Jedenfalls bin ich dankbar, daß es noch wilde Orte gibt, wohin frau entkommen kann. 😊
      Ganz liebe Grüße zurück nach Bremen, und Euch noch eine schöne Woche.
      Tanja

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  2. Die Tanja, das hast Du wunderschön geschrieben: „unbedeutend und erhaben“. Die Natur vermag in uns Gefühle hinein zu zaubern, wie es kein anderer Mensch kann! Und es ist großartig, diese erleben zu dürfen. Liebe Grüße von der See in die Berge, Ulrike

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    • Ich danke Dir herzlich für Deine einfühlsamen Worte, liebe Ulrike. Die Natur inspiriert uns auf so vielen Ebenen, egal ob am Meer oder hoch im Gebirge. 😊
      Ich wünsche Dir ein wunderschönes Herbstwochenende. Stell Dir mal vor-bei uns war es 4 Tage lang bewölkt und bedeckt, und wir bekamen endlich etwas Niederschlag. Es ist aber auch schön, die Sonne wieder zu sehen, und die frische Luft lockt.
      Alles Liebe,
      Tanja

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