Meine zweite (erste) Heimat

Wann immer ich Gelegenheit habe, nach Deutschland zu reisen, setze ich mein sprichwörtliches Segel Richtung Osthofen. Schauplatz meiner ersten sechs Lebensjahre, bevor ich mit meinen Eltern ins benachbarte Westhofen umzog, ist es wiederum zur Heimatstadt meines Vaters geworden. Ich sehne mich nach seiner Gesellschaft und nach seinem Heim, wo er und seine Partnerin mich (bzw. uns) immer sehr verwöhnen. Sehr zu meinem Leidwesen kann ich ihr warmes Willkommenheißen momentan nur in meiner Erinnerung genießen, anstatt leibhaftig.

Wie viele Gemeinden in Rheinhessen ist Osthofen für seine Weine bekannt. Weinbau wird im klimatisch zuträglichen Rheintal bereits seit Einführung durch die Römer vor 2000 Jahren praktiziert. Viele Familien haben von der Nähe des nur wenige Kilometer entfernt liegenden Flusses profitiert, und kümmern sich seit Generationen um unzählige Weinberge. Diese überziehen die Hügellandschaft und wechseln ihr Erscheinungsbild je nach Jahreszeit. Weinberghäuschen (bzw. -türmchen) erheben sich zwischen den ordentlichen Rebzeilen und erinnern an die Tage, in denen sie Schützen nahe der Erntezeit als Unterkunft dienten, als diese hungrige Vögel durch laute Schüsse zu vertreiben suchten. Diese Abschreckung durch Menschen wurde bereits vor vielen Jahren durch lärmerzeugende Kanonen ersetzt.

Zum Vergrößern, das Bild bitte anklicken.

Durch die Stadt und ihre Umgebung zu bummeln transportiert mich zurück in meine Kindheit. Die Zeit, in der wir mit meinen väterlichen Großeltern lebten, bis meine Eltern ihr erstes Haus bauten. Meine Taufe in der Bergkirche. Meine ersten drei Grundschuljahre. Meine wiederholten Besuche in den darauffolgenden Jahren zu Verwandten und Freunden sowie meine Mitgliedschaft in einem Handballverein. Ein Bahnanschluß hat schon immer die Verbindung zu zwei wichtigen Zielen ermöglicht, Worms und Mainz, meine Schul-, bzw. Unistadt.

Zum Vergrößern, das Bild bitte anklicken. Um den Titel zu lesen, mit der Maus darüber schweben.

Die Chroniken von Osthofen enthalten seit der ersten Erwähnung der Siedlung im 8. Jahrhundert sowohl helle als auch dunkle Kapitel. Sie wurde 1621 während des dreißigjährigen Krieges zerstört, und danach wieder aufgebaut. 1862 hieß sie den Komponisten Richard Wagner willkommen, als er seinen Kollegen und Sohn der Stadt Wendelin Weißheimer besuchte. Das Jahr 1933 warf seinen langen, finsteren Schatten auf den Ort, als eine ehemalige Papierfabrik ein Jahr lang in ein Konzentrationslager umfunktioniert wurde, wo die Gegner der neugewählten Nationalsozialisten bis zu ihrem Transfer in andere Lager eingesperrt und mißhandelt wurden. Heute sind dort ein Museum und eine Dokumentationsstätte untergebracht, wo der Greueltaten von Hitlers Regime gedacht wird.

Wann immer es mir möglich ist, verbringe ich Zeit in der Natur. Wie in vielen landwirtschaftlich übernutzten Gebieten werden Flächen, die nicht dem Weinbau dienen, dem Pflug unterworfen, und mit Getreide oder Rüben bepflanzt. Nur wenige natürliche Flecken verbleiben, wenig Lebensraum für wilde Wesen. Und dennoch locken ein von Menschenhand geschaffener Teich sowohl domestizierte als auch ungezähmte Vögel an, und der Friedfhof mit seinem alten Baumbestand bereitet sowohl gefiederten als auch pelzigen Freunden einen Zufluchtsort.

Als Antwort auf meinen neulichen Blogbeitrag „Komm und setzt Dich“, hat mir mein Papa dieses Photo einer Bank zukommen lassen. Sie befindet sich bereits länger im Besitz meiner Familie als ich, und diente mir einst als Sitzplatz, wenn ich stundenlange Gespräche mit Freunden am Telefon führte. Sie hat wiederholt Umzüge überlebt, und überlebt jetzt unter freiem Himmel in der Einfahrt meines Vaters, wo ich mich hoffentlich bei meinem heißersehnten nächsten Besuch wieder (sachte) auf ihr niederlassen kann.

Bitte hier für die englische Version klicken/click here for the English version:

http://tanjabrittonwriter.com/2018/12/04/home-away-from-home/

 

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13 Gedanken zu “Meine zweite (erste) Heimat

  1. Liebe Tanja, auch eine virtuelle Reise in die alte Heimat kann die Sehnsucht wohl ein (klitzekleines?) Stück weit stillen… Die Nostalgie Vergangenem gegenüber nimmt mit zunehmendem Alter auch bei mir zu. Seltsam. Ich muss mir dann immer mal gedanklich auf die Schulter tippen und mich daran erinnern, das „hier & jetzt“ zu genießen.

    Das Bänkchen würde ich tatsächlich nicht mehr ausprobieren. Es wäre doch zu und zu schade 😉 ! LG Ulrike

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    • Hallo Ulrike,
      wahrscheinlich hast Du Recht mit Deiner Befürchtung über die Bank. Ich sollte sie wohl eher streicheln, als mich darauf niederzulassen.
      Und eigentlich schwelge ich nicht zu oft in der Vergangenheit, aber um meine Enttäuschung über unsere aufgeschobenen Reisepläne besser verkraften zu können, habe ich mir diesen Ausflug in die Vergangenheit gegönnt. 😊
      Ich wünsche Dir einen schönen zweiten Advent.
      Ganz liebe Grüße
      Tanja

      Gefällt 1 Person

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