Vorsicht! Rasseln!

In paarundzwanzig Jahren Ehe sind mein Mann und ich an vielen Orten viele Meilen weit gewandert. Begegnungen mit allerlei Getier haben unsere Erfahrung oft bereichert und waren meist harmloser, und gefiederter oder gepelzter Natur: Vögel, Kaninchen, Eichhörnchen, Füchse, Kojoten. Über unsere eher grenzwertigen Interaktionen mit Braunbären in Alaska werde ich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt berichten. Was Begegnungen geschuppter Natur anbelangt, haben wir die Bekanntschaft von Schildkröten, Eidechsen und Schlangen gemacht, und, was letztere angeht, handelte es sich meist um ungiftige Nattern.

Obwohl viele Wanderpfade in Colorados Vorgebirge und Prärie mit Warnschildern über giftige Klapperschlangen ausgestattet sind, sahen wir vor nur drei Jahren unsere erste – ein Baby, auf das wir fast traten, weil es sich direkt auf dem Weg in der Sonne räkelte. Ich hatte gerade genug Zeit, um einige Photos zu machen, bevor es sich davonmachte.

Baby Klapperschlange. Es ist etwas schwer, die Größe abzuschätzen, doch sie war nicht länger als 30 Zentimeter.

Erst vor kurzem sahen wir unsere zweite (bzw. dritte, wenn wir eine mitzählen, die wir während einer Reise im Mai in Colorados Nordosten durch die Autoscheibe sahen). Als mein Mann plötzlich wie angewurzelt stehen blieb, prallte ich fast mit ihm zusammen. Er wies auf eine etwa 5 Meter entfernte flache Senke hin, die wir durchqueren mussten, wo eine längliche doch gleichzeitig kräftige Form auszumachen war. Obwohl meine bessere Hälfte farbenblind ist, übersteigt seine Fähigkeit, gewisse Muster zu entdecken, die meinige, und oft ist er der Erste, dem Amphibien und Reptilien auffallen. „Schau Dir diesen dreieckigen Kopf an“, sagte er. „Das ist eine Klapperschlange.“ Ein zweiter Blick bestätigte den Eindruck, da uns Rasseln am Schwanzende und Gruben unter den Augen auffielen. Diese verbergen Wärmerezeptoren und sind für ihre Klassifizierung als Grubenottern verantwortlich. Wahrscheinlich handelte es ich um einen Vertreter der Prärie-Klapperschlange.

Da ihr drei bis vier Fuß langer Körper ausgestreckt statt aufgerollt war, und wir uns außerhalb ihrer Reichweite befanden, stellte sie keine Gefahr dar. Wir beobachteten sie genauso interessiert wie sie uns. Als sich drei weitere Wanderer aus entgegengesetzter Richtung näherten, machten wir sie auf das Tier aufmerksam, das auch von ihnen fasziniert beobachtet wurde. Der Reptilienkopf drehte sich zwischen ihnen und uns hin und her, doch weder zischte noch klapperte der Kaltblüter, züngelte lediglich von Zeit zu Zeit seine gegabelte Zunge (leider nie in dem Moment, in dem ich ein Photo machte). Als ich einen weiten Bogen um die Schlange schlug, um die Gegenseite der Senke zu erreichen, besann auch sie sich ihres ursprünglichen Plans und bewegte sich fort, wenn auch nicht sehr weit. Etwa drei bis vier Meter vom Pfad entfernt kringelte sie sich hinter einem sonnengewärmten Felsen, allem Anschein nach um ein der Verdauung zuträgliches Mittagsschläfchen zu halten.

Wir sind davon überzeugt, daß wir schon unzählige Male von wilden Wesen unter die Lupe genommen wurden, ohne uns dessen bewusst gewesen zu sein. Generell vermeiden sie große Tiere, Menschen inklusive. Dieses glücklicherweise unkomplizierte Treffen diente nicht nur der Gelegenheit, die grünlichen Töne, dunklen Markierungen des Körpers und weißen Streifen des Gesichts dieses scheinbar sehr gelassenen Exemplars zu bewundern, sondern erinnerte uns auch wieder daran, stets aufmerksam zu sein. Es ist möglich, um nicht zu sagen wahrscheinlich, daß wir auf dem Rückweg zum Auto etwas öfter als sonst hinter Felsen sowie über unsere Schulter blickten. 🙂

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http://tanjabrittonwriter.com/2018/07/11/beware-the-rattle/

Colorados Prärie

Wer Colorado“ hört, stellt sich hohe Berge, Alpinsport und Winterwunderwelten vor. Zwar sind unsere dreiundfünfzig 4000 Meter hohen Gipfel Wahrzeichen unseres Staates, doch besteht mindestens ein Drittel aus Prärie und gehört zu den High Plains. Auf einer Landkarte wird diese östliche Fläche Colorados oft in Weiß dargestellt, wobei man den Eindruck gewinnen könnte, die Gegend sei leer. Die meisten Reisenden, die lange Stunden mit der Durchquerung dieser weiten Landstriche im Auto verbringen, mögen diesem Eindruck zustimmen, was auch der Fall für meinen Mann und mich war, bis wir uns entschlossen, diese „leeren“ Gebiete mittels wiederholter Ausflüge zu erkunden.

Diese Landschaft ist nicht minder beindruckend als die des restlichen Staates, wenn vielleicht auch erst auf den zweiten Blick. Obwohl sich die heutige Prärie von der ursprünglichen unterscheidet, und obwohl landwirtschaftliche Felder und Weideland überwiegen, existieren noch Inseln mit überlebenden oder wiedereingeführten Grassteppen. Aus wilden Gräsern und wilden Blumen gewebt, gedeihen sie mit nur wenig Niederschlägen. Allerlei Frühlings- und Sommerblüten werden von langlebigen Sonnenblumen überdauert, deren gelbe Blütenblätter die attraktiven wenn auch etwas gedeckten Herbsttöne beleben. In Zeiten der Dürre mag es vorkommen, daß die Farben das ganze Jahr über gedämpft sind. Ich sehe Parallelen zwischen der Prärie und Colorados höheren Lagen. Prächtige Pappeln, die den Espen der Gebirgswelt entsprechen, kleiden sich wie diese in ein goldenes Herbstgewand, und die weitreichende Gräserlandschaft ähnelt der Tundra oberhalb der Baumgrenze.

Diese überwiegend flache Welt, die allmählich und unmerklich von 1800 Metern Höhe in Colorado Springs bis auf 1000 Meter an der Grenze zu Kansas abfällt, scheint nur aus zwei unendlichen Elementen zu bestehen: Erde und Himmel. Letzterer mag so freundlich und blau sein wie die Kornblumen, die im Sommer den Wegrand säumen, oder bedrohlich grau. Blitz und Donner sowie mögliche Wirbelstürme sind furchterregende Hinweise auf weniger gütige Naturgewalten. Wind, ein stetiger wenn nicht ständiger Begleiter, trägt zur veränderlichen Wolkenlandschaft bei, ebenso zur Aktivität der allgegenwärtigen Windmühlen, die Grundwasser in Behälter pumpen, die von domestizierten und wilden Besuchern gleichermaßen aufgesucht werden. Smaragdgrüne Schleifen winden sich durch die großzügige Kulisse und weisen auf Ströme hin. Flüsse, wie der Arkansas und South Platte, samt ihren Zuflüssen, bedeuten Leben. Ohne Wasser gäbe es keine Stauseen, keine erfolgreichen Siedlungen, keine Landwirtschaft, keine Tiere.

Tatsächlich ist die Fauna reichlich und vielfältig. Gabelböcke grasen an Stauden, immer mit einem argwöhnischen Blick auf die Menschen, die sie fast in Vergessenheit geballert hätten, bevor sich ihre Zahlen erholten. Diese schnellsten Landtiere der westlichen Hemisphäre haben angeblich ihre Behendigkeit entwickelt, um den inzwischen ausgestorbenen amerikanischen Geparden zu entkommen. Den geschätzt sechzig Millionen Büffeln, die einst diese Gefilde ihr eigen nannten, erging es weniger glimpflich. Dort, wo sie wiedereingeführt wurden, sind sie von Zäunen umringt. Spitze Ohren im Gras mögen einem Fuchs angehören, oder einem Hasen. Präriehunde lungern in der Nähe ihrer Höhleneingänge herum, die sie oft mit Prärieulen teilen. Was auf den ersten Blick wie ein fliegender Präriehund aussehen mag, stellt sich auf den zweiten als Eule mit langen Beinen und ausdrucksvollen Augen heraus.

Dem Sternengucker bieten sich Einblicke in die Milchstraße und in fernere Galaxien, da ob der niedrigen Bevölkerungsdichte wenig Lichtverschmutzung herrscht. Wir lieben Camping und das dünne Zeltmaterial ermöglicht eine vollere Wahrnehmung der Nachtgeräusche. Bebende, von einem Windhauch angeblasene Blätter ähneln Regentropfen. Die nächtliche Stille wird von Eulenrufen und Froschgequake unterstrichen, ebenso von dem facettenreichen Geheule der Kojoten. Wenig andere Kreaturen verkörpern den Westen wie diese Verwandten unserer beliebtesten Haustiere, und wenig Kreaturen sind so kontrovers: verehrt von manchen, verachtet von anderen.

Zu den Hauptgründen vieler Ausflüge in den letzten Jahren gehört auch mein Wunsch, mich mit Bewohnern der gefiederten Art bekannt zu machen. Da der östliche Teil Colorados zur zentralen Flugstraße gehört, ziehen dort viele Vögel durch. Dank ihrer historisch hohen Zahlen in dieser Gegend wurde die Prärieammer zum Staatsvogel Colorados erklärt. Ganze Scharen fliegen neben dem Auto her, ähnlich wie Ohrenlerchen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, indem sie vor rasenden Fahrzeugen hin- und herflitzen. Unterschiedliche Trupial- und Sperlingsarten sind zahlreich vertreten, ebenso wie die sogenannten Tyrannen, deren aggressives territoriales Verhalten in ihrem Gattungsnamen resultierte. Die Spottdrossel, Mimus polyglottos (wörtlich vielzungiger Imitator), macht ihrem Namen ebenfalls Ehre und beindruckt mit ihrem Repertoire dessen Inhalte sie sich von allerlei anderen Federtieren abgehört hat.

Seit meinen ersten Begegnungen vor einigen Jahren habe ich nahezu alle dieser Vogelarten in der Prärielandschaft im östlichen El Paso County entdeckt, fast direkt vor unserer Haustür, was das alte Sprichwort bestätigt, daß man nur Bekanntes wirklich wahrnimmt. Ob in der Ferne oder Nähe zählt der Wiesenstärling zu meinen Lieblingsvögeln. Die Behauptung, daß er zwischen dem Stadt- und Staatsrand so gut wie nie außer Hörweite ist, ist keine Übertreibung. Wann immer er aus voller Kehle singt, erfreut er mein Herz, und erinnert mich daran, daß Colorados Prärie, anstatt leer zu sein, voller Klänge und Sehens- und Liebenswürdigkeiten ist.

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http://tanjabrittonwriter.com/2018/06/06/colorados-prairie/