Auf Vogelsuche in Deutschland

     Es ist ein Glücksfall, daß der Wohnort meines Vaters in Deutschland nur etwa 5 Kilometer von einer der 30 sogenannten „Hotspots der biologischen Vielfalt“ entfernt liegt. Es handelt sich dabei um renaturierte Inseln inmitten des Meeres der landwirtschaftlich und industriell genutzten Flächen. Sie dienen als lebendige Beweise, daß sich die Natur wieder erholen kann, wenn man ihr nur eine Chance dazu gibt. Seitdem der rheinlandpfälzische Zweig des Naturschutzbundes (NaBu) diese spezielle Oase im Jahre 2011 vollendete, haben sie mindestens 160 Vogelarten wieder besiedelt, neben weiteren Tieren und Pflanzen.

Weiher von der Warte des Aussichtsdecks

Weiher vom Aussichtsdeck gesehen

Das Gebiet „Rohrwiesen am Seegraben“ nahe Worms-Rheindürkheim entlang der vielbefahrenen B 9 wird von dem Seebach, einem Seitenarm des Rheins geformt. Diese für den Frachttransport Westeuropas wichtige Wasserader sowie ihre Nebenströme wurden durch die Jahrhunderte hindurch begradigt, um wiederholte Überschwemmungen, denen die hiesige Bevölkerung seit Menschengedenken ausgesetzt waren, zu verhindern, doch dies führte auch zu einem Verlust von Lebensraum. Sobald es dem Seebach erlaubt wurde, sein zugewiesenes Bett wieder zu verlassen, und benachbarte Felder zu überfluten, führte das zum Entstehen von Teichen und Feuchtgebieten, die zahlreiche Stand- und Zugvögel anlockten. Aussichtsdeck und Beobachtungshütte laden den Naturliebhaber zum Verweilen und Betrachten ein.

Beobachtungshütte in der Morgensonne

Beobachtungshütte in der Morgensonne

     Ich bedauere es, während meiner Kinder- und Jugendzeit in Deutschland kein besonderes Interesse an Vögeln gehabt zu haben. Nur die weitverbreitetsten Arten waren mir bekannt. Weder kannte ich individuelle Menschen, die Vögel beobachteten, noch Gruppen vergleichbar mit meiner in Colorado Springs, die sich wöchentlich aufmacht, die Vogelwelt zu erforschen. Es ist ein Glückstreffer, daß mein Deutschlandaufenthalt letzten Herbst mit Euro Birdwatch zusammenfiel, einer alljährlich im Oktober stattfindenden Vogelzählung. Als sich die Gelegenheit auftat, mit vier erfahrenen Vogelliebhabern an diesem europaweiten Ereignis teilzunehmen, noch dazu an diesem Hotspot, ergriff ich sie, und profitierte von Hilfe bei der Erkennung von Vogelarten sowie der Erweiterung meines deutschen Wortschatzes. Raritäten wie Alpenstrandläufer, Zwergstrandläufer, Dunkle Wasserläufer, und Grünschenkel wären mir sicherlich entgangen. Was Watvögel anbelangt, stehe ich nämlich völlig auf dem Schlauch.

Höckerschwan, Jungvogel

Höckerschwan, Jungvogel

     Auch nach dem offiziellen Zähltag frequentierte ich diese friedliche Enklave. Eines Morgens traf ich auf zwei Höckerschwäne, einen Alt-, und einen Jungvogel. In ihrem Weiher waren sie noch am Schlafen, anscheinend ohne jegliche Sorge. Erst als Bläß- und Teichhühner ihnen zu nahe kamen, richteten sie ihre eleganten Hälse auf, begutachteten hoheitsvoll ihr wässriges Reich und begannen ihre Morgentoilette.

Höckerschwäne, Alt- und Jungvogel

Höckerschwäne, Alt- und Jungvogel

Eine Schar Graugänse unterbrach die Stille und umkreiste einige Male kreischend einen See, wo sie nach einer Wasserlandung ihre gesellige Unterhaltung fortsetzten.

     Normalerweise fand ich Silberreiher, Graureiher, Zwergtaucher, Stockenten, Krickenten, Reiherenten, Schnatterenten und eine alleinige Brandgans vor. Mäusebussarde waren häufig, doch auch die selteneren Rotmilane und Rohrweihen ließen sich blicken.

Kiebitz

Kiebitz

Kormorane, Eisvögel, Bekassinen und Kiebitze gehörten zu den Stammgästen, und unter den kleineren Besuchern befanden sich Zaunkönige, Schwarzkehlchen, Rohrammern, Steinschmätzer und Kohlmeisen. Letztere zählen zu Europas weitverbreitetsten Vögeln und sind ebenso heiter und gesellig wie Amerikas verwandte Meisenarten.

Kohlmeise

Kohlmeise

     Sonnenaufgang und Sonnenuntergang tauchten die sumpfige, schilfbestandene Landschaft in ein goldrotes Licht, und an- oder abschwellender Vogelgesang lag in der Luft. Ich tauchte so oft in diesen Zufluchtsort ein, wie mir möglich war. Während einer früheren Reise hatten mich die zunehmenden Weißstorchzahlen in Westeuropa ermutigt. Auch diese gedeihende ökologische Nische ist ein Beispiel dessen, was erreicht werden kann, wenn wir Menschen mit Herz und Hirn und Händen gemeinsam ein Ziel anstreben.

Klicken Sie bitte hier für die englische Übersetzung/click here for the English translation:

https://tanjabrittonwriter.wordpress.com/2017/01/11/birding-in-germany/

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2 Gedanken zu “Auf Vogelsuche in Deutschland

  1. Wunderschöne Bilder von den Höckerschwänen hast Du gemacht. Ich bedaure es auch, während meiner Kinder- und Jugendzeit kein besonderes Interesse an Vögeln gehabt zu haben. Nicht mal an Katzen…, kaum vorstellbar heute. Liebe Grüße nach Colorado. Ulrike

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